AfD-Parteitag in Stuttgart Spießrutenlauf durch das gegnerische Lager

Von Wolf-Dieter Obst und  

Die Polizei erstickt die Krawalle der Demonstranten gegen den AfD-Parteitag mit 600 Festnahmen. Mängel weist unterdessen die Planung der Polizei bei den Zufahrten und Wegen auf.

Den Stuttgarter Messeeingang finden nicht alle auf Anhieb. Immer wieder müssen verirrte Besucher des AfD-Parteitags durch große Demonstrantengruppen laufen. Foto: Getty Images Europe 18 Bilder
Den Stuttgarter Messeeingang finden nicht alle auf Anhieb. Immer wieder müssen verirrte Besucher des AfD-Parteitags durch große Demonstrantengruppen laufen. Foto: Getty Images Europe

Stuttgart - Nur einen Steinwurf entfernt: Dass das Abbruchgebäude gleich neben der Tagungshalle der AfD auf dem Messeareal nie ins Blickfeld geraten ist, ist ein Glücksfall für die Polizei. Bauschutt oder Betonbrocken gibt es hier bergeweise. Der Parteitag ist in Wurfweite. Beim Anblick der Ruine des einstigen Domizils der Flughafen GmbH bekommt mancher ein mulmiges Gefühl.

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Doch die gewaltbereiten Akteure aus dem linksautonomen Spektrum haben andere Pläne beim großen Protest und Störmanöver zum Auftakt des AfD-Bundesparteitags. 1,4 Kilometer vom Kongresszentrum entfernt schaffen Demonstranten 25 Altreifen herbei, die sie auf der B 27 und auf einer Brücke zur brennenden Barrikade machen wollen. Gleichzeitig nimmt eine andere Gruppe die A 8 beim Messeparkhaus ins Visier. Sie hatten das Motto ausgegeben: „Den AfD-Brandstiftern einheizen“.

Von 1000 Demonstranten zählt die Polizei 900 radikale und gewaltbereite Störer

Am Ende wird es ein heißer Tag – vor allem auf den Fildern, wo die Bevölkerung einst massiv gegen Messebau und Flughafenerweiterung gekämpft hat. Hier kämpfen nun andere. Das Kräftemessen endet mit 600 Festnahmen, bilanziert die Polizei. Etwa 900 radikale und gewaltbereite Störer aus dem ganzen Bundesgebiet, heißt es, seien unter den 1000 Demonstranten gegen den AfD-Parteitag – viel gemäßigte bleiben da nicht übrig.

Daran gemessen geht alles recht glimpflich ab. „Wir haben drei leicht verletzte Beamte“, sagte ein Sprecher der Polizei. Die Demosanitäter Südwest sprechen von 61 behandelten Personen. Die Aktivisten beschweren sich darüber, dass es viele Kreislaufprobleme gegeben habe, weil Beschuldigte über Stunden festgehalten wurden. Die Gefangenensammelstelle in Halle 9 ist zeitweise voll.

Autofahrer kommen am Flughafen nicht weiter

Gewissermaßen Gefangener ist auch ein Toyota-Fahrer aus Offenburg. Der 47-Jährige steckt frühmorgens in der Flughafenstraße fest, sein Flieger nach Priština (Kosovo) geht in zwei Stunden. Dazwischen stehen Wasserwerfer, behelmte Polizeitruppen und ein Pulk schwarz gekleideter Autonomer auf der Kreuzung. „AfD-Bundesparteitag? Blockaden?“, sagt der 47-Jährige, „davon habe ich nichts gewusst.“ Ähnlich geht es einer 50-jährigen Seat-Fahrerin aus Schönaich im Kreis Böblingen. „Ich wollte meinen Sohn abholen“, sagt sie. Das Fernbusterminal aber ist Demonstrationsort – und damit Sperrzone.

Vor ihr, am Kreisel beim Messeparkhaus, steht der Wasserwerfer DEG 1, ein 31-Tonner. Die Besatzung der Bundespolizei aus dem bayerischen Deggendorf hat 10 000 Liter Wasser im Tank. Vor einem Jahr hatten die Bayern der Feuerwehr in Forst bei Karlsruhe beim Großbrand einer Lagerhalle geholfen, ein spontaner Löscheinsatz. Jetzt soll hier das Feuer großer Aggressionen eingedämmt werden. Das gelingt ohne einen Tropfen Wasser.

Immer wieder müssen AfDler durch große Demonstrantengruppen laufen

och dass an der Zufahrt zum Fernbusterminal nur Kräfte aus Niederbayern postiert sind, erweist sich als brisanter Mangel in der Polizeiplanung, denn hier laufen immer wieder einzelne verirrte Mitglieder der AfD auf, die nicht wissen, wie sie zum Messeeingang kommen. Die bayerischen Bundespolizisten kennen die Schleichwege auch nicht. So kommt es immer wieder zum Spießrutenlauf der Parteitagsbesucher. Keine Fantrennung? Bei einem Fußballspiel undenkbar. Prompt müssen behelmte Polizeitrupps eingreifen. Das heizt die Stimmung auf: „Ihr schleust hier Rechte durch und greift Leute an, die sich ihnen in den Weg stellen“, ruft ein Veranstalter der Demo übers Mikrofon in die Tumulte.

Die Stimmung in der Stadt unten ist Stunden später eine andere, dort herrscht vergleichsweise normaler Demoalltag: Kurz gibt es eine Diskussion über die Länge der Transparente. Nur etwa 150 Autonome ziehen hier an der Spitze der Demo mit, bei der die Polizei 1800 Teilnehmer zählt – die Veranstalter sprechen von 5000. Brenzlig wird es kurz in der Theodor-Heuss-Straße. Im Demozug fackelt jemand Bengalos ab, roter Rauch steigt auf, Beutel mit brauner Farbe fliegen in Richtung Polizei. Die Beamten schützen sich mit Helmen. Nach einer Lautsprecherdurchsage, nichts auf die Beamten zu werfen, ist der Spuk vorbei.

Gewahrsamnahme wegen Vermummung oder Attacken an der Absperrung

Nach der Demo ist an diesem Samstag vor der Demo: Ein paar wenige zieht es noch einmal zur Messe hoch. Sie protestieren gegen die sogenannten Gewahrsamnahmen. Über der Halle 9, wo die Mitstreiter eingesperrt sind, steht der Polizeihubschrauber. Die Polizei gibt bekannt, dass die dort festgesetzten Demonstranten nach und nach in Grüppchen raus dürfen. Und greift noch einmal durch: acht neue Gewahrsamnahmen wegen Vermummung und Attacken an der Absperrung. Dann ist die Luft raus nach mehr als zwölf Stunden – müde schlappen die jungen Leute zur S-Bahn am Flughafen.




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