AfD-Treffen bei Heilbronn Im Besen schwärmt die AfD ungehemmt von „Remigration“

Die AfD-Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla blicken optimistisch auf das Wahljahr. Foto:  

Während Hunderttausende gegen die AfD protestieren, lassen sich die Parteichefs auf einem Grillfest nahe Heilbronn von Anhängern feiern. Ein Ort, wo man unter sich ist – und offen von Regierungsauftrag und „Remigrations“-Plänen schwärmen kann.

Auf diesen Augenblick haben die Anwesenden gewartet: Sie pfeifen und grölen, rote Hände umschließen Glühweintassen, über glühenden Kohlen dreht sich ein Spanferkel. Gut 200 Menschen haben sich an diesem Freitagabend vor dem Weingut Zum Rutenbieger in Erlenbach bei Heilbronn versammelt. Dann, gegen 19.30 Uhr, ist es so weit: Tino Chrupalla und Alice Weidel, die Parteichefs der AfD, treten vor die Menge.

 

Sie halten nur kurze Reden, eine Art Toast auf das neue Jahr, in dem man endlich, zumindest auf Landesebene, regieren will. Und sie ermutigen die AfD-Mitglieder angesichts der laufenden „Schmutzkampagnen“. Gemeint sind die Berichte über das Geheimtreffen mit rechtsextremen Identitären in Potsdam, an dem einige AfD- und CDU-Mitglieder teilgenommen haben. Dort soll es um Pläne zur Ausweisung von Millionen deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund gegangen sein. Chrupalla sieht die AfD als Opfer: „Die Westdeutschen wissen jetzt, wie das in der DDR war: genau so! Mit Steuergeld finanzierte Spitzel, die uns kaputt machen wollen, die unsere Opposition zerstören wollen!“ Die Zuhörer jubeln.

Es ist der 19. Januar, am selben Tag demonstrieren allein in Hamburg 80 000 Menschen gegen rechts, es ist der Auftakt zu einem Wochenende der Proteste. Doch hier, im Erlenbacher Besen, haben die Parteichefs keine Widerworte zu befürchten. „Wir haben diese Veranstaltung nicht beworben“, brüllt Markus Frohnmaier, Co-Vorsitzender des AfD-Landesverbands in Baden-Württemberg, ins Mikrofon. „Der Kumpel hat’s dem Kumpel g’sagt, der Nachbar dem Nachbar. Man könnte sagen, wir haben heute Abend unser eigenes Geheimtreffen!“

Das ist als Witz gemeint. Doch von den 5000 Einwohnern in Erlenbach weiß tatsächlich kaum jemand von dem Treffen. Spricht man Passanten darauf an, schütteln sie ungläubig den Kopf. Die bekanntesten Gesichter der AfD, hier in Erlenbach? Ein älterer Mann sagt: „Die wollte wohl sonst keiner haben.“

Handwerker, Bauern, Arbeiter, Frührentner sind gekommen

Ulrich Schropp, der Rutenbieger-Wirt, ist im Dorf ein bekannter Mann. Er ist gut befreundet mit Thomas Schmidt, AfD-Kreisrat in Hohenlohe und offizieller Gastgeber der Veranstaltung. So ist die ganze Sache hier überhaupt zustande gekommen. Doch so ganz überzeugt von dem, was sich auf seinem Weingut abspielt, scheint auch der Wirt nicht zu sein. Hätte er sonst einen Journalisten eingeladen? „Stimmt das, was in den Medien berichtet wird? Sind die wirklich so schlimm?“, fragt er.

In den Besen kommen vor allem Handwerker, Bauern, Arbeiter, Frührentner. Einfache Parteimitglieder, die es genießen, diesen Abend mit den wirklich Wichtigen in ihrer Partei zu teilen. Bereits gegen 18 Uhr füllt sich die Besenwirtschaft mit Menschen. Landeschef Markus Frohnmaier eröffnet den Abend. Hinter ihm Emil Sänze, sein Co-Vorsitzender, und mehrere AfD-Landtagsabgeordnete. „Das ist heute keine politische Veranstaltung“, sagt Frohnmaier in seiner Ansprache. „Wir machen uns einen tollen Abend unter Menschen, denen Deutschland am Herzen liegt.“

Zwei junge Frauen fallen auf

Was sofort auffällt: Bei den Eingeladenen handelt es sich hauptsächlich um Männer, der Altersdurchschnitt dürfte um die 50 liegen. Rocker mit „Redneck 4ever“-Tattoos, Rentner im Cardigan. Zwei junge Frauen stechen derart heraus, dass ein älterer Mann sie anpöbelt: „Ihr seid doch Klimakleberinnen!“

Warum sie bei der AfD sind? Sie mögen das Konservative an der Partei, sagen die Berufsschülerinnen, beide 21 Jahre alt. Eine erzählt, sie sei alleinerziehend mit Kind. Manches sehen sie auch kritisch, sagen sie. Zum Beispiel, als Björn Höcke 2015 in Erfurt sagte, dass es dort „schön deutsch“ sei. Dabei sei doch nicht alles schlecht, was Einwanderer mit nach Deutschland brächten. Ein Problem hätten sie mit denjenigen, die sich „asozial“ verhielten, betonen sie.

Es bleiben die differenziertesten Töne an diesem Abend. Sobald ein Gespräch auf das Geheimtreffen und die Pläne zur „Remigration“ kommt, fallen erst einmal Sätze wie: „Ja, das ging doch etwas zu weit.“ Doch sobald man sich warmgeredet hat, sind Erlenbach und Potsdam plötzlich gar nicht mehr so weit voneinander entfernt.

Menschen in Massen zu vertreiben, die deutsche Staatsbürger sind, das findet auch ein Bäcker aus Böblingen erst einmal nicht gut. Bei denen, die seit 2015 gekommen sind, sei das aber etwas anderes, fügt er gleich hinzu. Ach, überhaupt allen, die irgendwann illegal die Grenze nach Deutschland übertreten haben und nun den deutschen Pass besitzen, solle die Staatsbürgerschaft entzogen werden, alle sie müssten Deutschland wieder verlassen, fordert er.

Frohnmaier sagt in seiner kurzen Rede ähnliche Sätze wie viele andere Funktionsträger der AfD in diesen Tagen: „Bevor irgendwelche Medien wieder etwas anderes behaupten: Diese Partei setzt sich nicht dafür ein, dass Deutsche, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, Deutschland verlassen müssen. Jeder Mensch, der hierherkommt, und zwar legal, und bereit ist, unsere Regeln und unsere Werte zu akzeptieren, der ist herzlich willkommen.“

Der Co-Vorsitzende Emil Sänze äußert sich abseits des Mikrofons weniger diplomatisch. Der 74-Jährige, der dem völkisch-nationalen Flügel der AfD zugerechnet wird, sieht inhaltlich keinen Anlass, sich von dem Treffen in Potsdam zu distanzieren. Im Gegenteil: Mit einem Bier in der Hand rühmt er sich, dass er schon 2017 einen Plan zur „Remigration“ vorgelegt habe. „Fit for return “ nannte sich das Papier, das online noch nachgelesen werden kann. Das Konzept sieht die Einrichtung riesiger Abschiebezentren außerhalb Europas vor, in denen Menschen, die kein Recht auf Asyl haben, bis zu ihrer endgültigen Abschiebung festgehalten werden sollen. Selbst politische Flüchtlinge sollen demnach während ihrer Zeit in Deutschland nur darauf vorbereitet werden, möglichst bald wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren. Sprachkurse und andere Instrumente der Integration will Sänze abschaffen: „Remigration“ statt Integration, ist sein Motto.

Sänze, in Hemd und Tweed-Jackett, schildert seine Pläne mit ruhiger Stimme. Er verweist auf Österreich. Dort hat sich FPÖ-Kanzlerkandidat Herbert Kickl ganz offen hinter die Pläne vom Geheimtreffen in Potsdam gestellt – ohne dass Hunderttausende protestieren. Warum muss sich die AfD, im Gegensatz zu ihren Kameraden in Österreich, noch immer verstecken? Für Sänze liegt das Problem in der deutschen Erinnerungskultur. „Die Österreicher, genauso wie die Italiener, tragen diese Altlast der ewigen Schuld nicht mehr mit sich herum“, sagt er. Was Deutschland brauche, sei eben doch eine Erinnerungswende um 180 Grad, wie sein Thüringer Parteikollege Björn Höcke sie gefordert hat. Dieses Jahr, glaubt Sänze, könnte es endlich so weit sein – denn in diesem Jahr, so ist er, so sind fast alle in der AfD überzeugt, würden die Brandmauern fallen.

Es ist 20 Uhr, inzwischen haben sich im Hof der Besenwirtschaft zwei Menschenschlangen formiert, ganz vorne stehen Weidel und Chrupalla und lächeln fotogen. Selfie-Stunde mit den Fans. In der Weidel-Schlange stehen die beiden jungen Frauen. Diesmal fragt sie ein älterer, untersetzter Mann, ob sie AfD-Mitglied sind. „Endlich junge Menschen, die noch nicht indoktriniert sind“, lobt der Mann. Man kommt ins Gespräch, schimpft gemeinsam über die „gleichgeschalteten Medien“. Man ist unter sich. „Alles rechte Leut hier“, tönt es irgendwo in der Schlange.

Der Autor hat etwa fünf Stunden mit verschiedenen Menschen auf dem Grillfest gesprochen, darunter mit den Landesvorsitzenden Markus Frohnmaier und Emil Sänze sowie dem Fraktionsvorsitzenden Anton Baron. Ihnen gegenüber hat er sich auch als Journalist vorgestellt.

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