Affenversuche in Tübingen Kaum Zwischentöne in der Debatte

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Affenversuche an einem Max-Planck-Institut in Tübingen haben einen Streit ausgelöst. Das Gesetz sieht vor, dass die Erkenntnisinteressen der Forschung gegen das Leid der Tiere abgewogen werden. Doch zu dieser ethischen Frage kommt die Debatte gar nicht.

Tierschützer demonstrieren kurz vor Weihnachten in Tübingen gegen den Einsatz von Affen in der Forschung. Foto: dpa
Tierschützer demonstrieren kurz vor Weihnachten in Tübingen gegen den Einsatz von Affen in der Forschung. Foto: dpa

Stuttgart - Paragraf 8 des Tierschutzgesetzes sieht vor, dass genehmigte Experimente mit Tieren nachträglich ein zweites Mal bewertet werden können, um daraus zu lernen und den Tierschutz zu verbessern. Christina Beck, die Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft, sieht darin ein sinnvolles Instrument. Doch die Debatte über die Experimente mit Affen an einem der Tübinger Institute der Gesellschaft läuft anders. In dieser Debatte kommt man nicht dazu, über die ethischen Grenzen von Tierversuchen zu sprechen, vielmehr scheint sich alles um die Forderung zu drehen, Tierversuche in der Forschung grundsätzlich zu verbieten – so, wie das Gesetz Experimente in der Erprobung von Kosmetika ausschließt.

Letzte Woche hat die Staatsanwaltschaft das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik durchsucht. Man wolle sicherstellen, dass man alle Unterlagen erhalten habe, wird ein Sprecher bei „Spiegel-Online“ zitiert. Christina Beck zufolge geht es um eine im Januar eingereichte Anzeige, die behauptet, am Institut sei das Affenweibchen Stella falsch behandelt worden. In einem Film, den „Stern TV“ im September ausgestrahlt hat, ist zu sehen, wie sich Stella nach einem Schlaganfall übergibt. Der behandelnde Tierarzt habe noch gehofft, dass eine Antibiotikatherapie anschlägt und sie deshalb noch nicht eingeschläfert, sagt Beck.

Von dem Fall abgesehen ist es ein Streit über die Deutung der Filmaufnahmen, die ein eingeschleuster Tierpfleger gedreht hatte. Die Max-Planck-Gesellschaft wirft die Frage auf, ob die Aufnahmen das authentische Verhalten der Versuchsaffen zeigen. „Der Normalzustand der Tiere ist ein anderer“, sagt Beck. Zu diesem Ergebnis ist auch Stefan Treue gekommen, der das Deutsche Primatenzentrum leitet und im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft die Zustände am Tübinger Institut untersucht hat. „Der Pfleger hätte hinreichend Möglichkeiten gehabt, das Verhalten der Tiere zu provozieren“, sagt Beck. Wenn man die Affen zum Beispiel durch eine unbekannte Person oder ein unbekanntes Geräusch irritiere, laufen sie aufgeregt im Käfig hin und her. Das könne dann im Film als Hospitalismus verkauft werden.

Die Forscher erhalten anonyme Droh-Mails

Der Pfleger hat im Auftrag des Vereins Soko Tierschutz gehandelt. Dessen Chef Friedrich Mülln wehrt sich: „Die Vorwürfe sind haltlos und zeigen erneut, zu welch verzweifelten Mitteln die Forscher greifen, um das Leid von gefolterten, durstigen und verängstigten Affen auf die Menschen zu schieben, die dieses Leid endlich öffentlich gemacht haben.“ Er nimmt auch zu den Berichten Stellung, dass Forscher in Tübingen und in der Zentrale der Max-Planck-Gesellschaft in München bedrängt werden.

So ist zu hören, dass Forscher in manchen Tübinger Geschäften nicht bedient werden. Einem Doktoranden aus einem anderen Max-Planck-Institut soll mit Verweis auf die Tierversuche eine Wohnung verweigert worden sein. Am häufigsten sind aber anonyme Hass-Mails, manche ­davon enthalten sogar Morddrohungen. Die Soko Tierschutz distanziere sich klar von jeglichen Übergriffen, sagt Friedrich Mülln. „Allerdings sollte die Frage erlaubt sein, inwiefern Tierschützer hinter solchen Angriffen stecken oder ob es sich um Aktionen einzelner, nicht der Tierschutzbewegung angehöriger Personen oder gar um Provokationen handelt.“ Mit anderen Worten: die Forscher könnten an sich selbst geschrieben haben, um sich als Opfer zu stilisieren. Beck berichtet, dass in Tübingen ein Absender ermittelt werden konnte, so dass die Anzeige nicht ins Leere läuft.

Zurück zu den Aufnahmen, die auch verstörende Sequenzen von blutenden Affen mit Implantaten enthalten. „Die Bilder sind nicht schön, aber sie sind zu erklären“, sagt Christina Beck. Man könne bei Affen keinen Verband anlegen und keine Drainage für das Wundsekret setzen. Vor der Operation werde der Kopf zudem mit einer Jodtinktur behandelt. Aber die Tiere würden unter Vollnarkose operiert und erhielten anschließend eine begleitende Schmerztherapie. Die Soko Tierschutz schreibt auf ihrer Website dennoch von großen Schmerzen, ohne das zu vertiefen.

Gestritten wird auch in Leserbriefen

Über die Frage, ob die Erkenntnisinteressen der Hirnforschung über dem Leid der Affen stehen, wird im „Schwäbischen Tagblatt“ diskutiert. Es melden sich nicht viele Wissenschaftler zu Wort, aber doch einige. Die Front ist hart. Die Tierethikerin Friederike Schmitz von der Humboldt-Universität Berlin spricht sich zum Beispiel gegen die Tierversuche aus – und zwar gegen alle. Wir hätten kein Recht, „uns fühlende Wesen zu unseren eigenen Zwecken zunutze zu machen“. Darauf hat der Radioonkologe Martin Bleif von den Alb-Fils-Kliniken geantwortet, dass es sich die Philosophin zu einfach mache und die Fachartikel, die aus dieser Forschung hervorgehen, vermutlich nicht gelesen habe. Für gangbare Alternativen sei die Wissenschaft dankbar, „denn Tierversuche sind aufwendig, kompliziert und teuer“.

Auf Nachfrage hebt Friederike Schmitz hervor, dass sie als Vertretungsmitglied einer Tierversuchskommission durchaus mit den Versuchsanträgen und Alternativen zu den Experimenten vertraut sei. Aber sie halte eine „grausame Instrumentalisierung von fühlenden Individuen“ ethisch grundsätzlich nicht für vertretbar – dazu „braucht es keinen komplexen Abwägungsprozess“. Sie setze sich deshalb auch gegen die Massentierhaltung ein und lebe vegan.