Afghanisches Model Sie will anders und in Freiheit leben

Von Nora Stöhr 

In Afghanistan war Zohre Esmaeli den Gesetzen der Taliban unterworfen. Heute ist sie ein gefragtes Model. Doch auf ihrem Weg zur Freiheit und Selbstbestimmung musste die junge Frau nicht nur aus ihrer Heimat, sondern auch vor ihrer Familie flüchten.

Zohre Esmaeli hat das Kopftuch gegen Freiheit und Glamour getauscht. Foto: Achtert
Zohre Esmaeli hat das Kopftuch gegen Freiheit und Glamour getauscht. Foto: Achtert

Stuttgart - In Kabul durfte Zohre Esmaeli keine Schule besuchen, in der Öffentlichkeit lachen durfte sie gleich gar nicht. Bereits als junges Mädchen musste sie ihren Körper komplett verschleiern. „Das Schlimmste war für mich diese Unterdrückung, die von der Kultur und der Gesellschaft ausgeht. Es war wie in einem Gefängnis“, erzählt Zohre Esmaeli im Telefongespräch. Wer Glück hat, kann die 28-Jährige zwischen zwei Terminen für ein Interview auf dem Handy erwischen. Zohre Esmaeli ist viel beschäftigt. Sie lebt heute in Düsseldorf und läuft als einziges bekanntes afghanisches Model über die Laufstege der Welt. In Talkshows erzählt sie, wie sie als „Model aus der Burka“ bekannt wurde und wie sie nicht nur aus ihrer Heimat, sondern auch vor ihrer Familie floh.

Zohre Esmaeli auf der Flucht Foto: privat
16 Jahre alt war die Frau mit der dunklen Mähne, den mandelförmigen Augen und den vollen Lippen, als sie in einem Kleiderladen in Kassel von einem Mädchen angesprochen wurde. „Sie fragte, ob ich modele. Sie sagte, sie sei die ehemalige Miss Hessen. Sie sagte, ich sei schön. Und ich könnte damit Geld verdienen“, schreibt Zohre Esmaeli in ihrer jetzt erschienen Biografie „Meine neue Freiheit“ über ihre ersten Schritte in der Branche. Diese hielt sie noch vor ihrer Familie geheim. Ein afghanisches Mädchen lässt sich nicht fotografieren, habe der Vater gesagt. „Ich wollte anders leben, als meine Familie und meine Kultur es wollten“, sagt Esmaeli in fließendem Deutsch, gefärbt von einem Akzent, der ihre afghanische Herkunft verrät. So lief sie an einem kalten Morgen im Frühjahr 2003 von zu Hause weg.

Für Zohre Esmaeli blieb Deutschland Afghanistan

Das war bereits die zweite Flucht. Als sie 13 war, entschloss sich ihre Familie dazu, Afghanistan zu verlassen. „Wir hatten Angst. Die Taliban wurden immer einflussreicher.“ Wenn Esmaeli davon erzählt, klingt ihre Stimme bedrückt. Ihr Vater habe keine Perspektive mehr in seinem Heimatland gesehen – einem Land, in dem die Scharia das Leben der Menschen bestimmt, in dem es keine Seltenheit ist, dass Mädchen im Kindesalter verheiratet werden, wo Frauen nicht zum Arzt gehen dürfen. Der Vater verkaufte alle Habseligkeiten und engagierte von dem Geld russische Schlepper. Die „Mafia“ – so bezeichnet Esmalie die Bande in ihrem Buch – sollte die Familie im Jahr 1999 nach Deutschland bringen. In „Beautiful Germany“, wie sie ihr verheißungsvolles Ziel nannten, lebte bereits die Hälfte der Verwandtschaft.

Die Flucht war eine Tortur. Der Weg war 10 000 Kilometer lang und führte die Familie auf der sogenannten Balkanroute durch zwei Kontinente und acht Länder – mitten im Winter, zusammengepfercht in Lastwagen und Kleinbussen, versteckt unter alten Decken auf Karren. Doch den größten Teil der Strecke mussten die Flüchtenden zu Fuß bewältigen. Sieben Monate lang harrten die acht Familienmitglieder zusammen in fensterlosen Baracken mit teils mehr als 60 Personen aus. Hunger, Ungewissheit und Angst waren ihre Begleiter. Einmal wäre die kleine Zohre fast ertrunken, als sie bei Nacht einen Fluss in der Slowakei überquerte. Ein anderes Mal kostete die Unterernährung sie beinahe das Leben.

Endlich angekommen in Deutschland lebte die Familie in mehreren Asylbewerberheimen, dann in einer kleinen Wohnung in Kassel. Doch für Zohre Esmaeli blieb Deutschland Afghanistan. Der Vater fand sich in der neuen Heimat nicht zurecht. „Immer strenger verfolgte er meine Schritte. Strenger, als er es je in Kabul getan hätte“, ist in Esmaelis Buch zu lesen. Auch die älteren Brüder seien unerbittlich gewesen. Zohre durfte nicht Fahrrad fahren, nicht schwimmen, nichts mit anderen Mädchen unternehmen. Ihre Eltern hatten bereits einen Ehemann für sie ausgesucht. Deswegen durften sie auch von Björn, einem Studenten aus Stuttgart, den Esmaeli in einem Internetchat kennengelernt hatte, nichts wissen.

Ein Jahr lang keinen Kontakt zur Familie

Nach ihrer Flucht aus Kassel lebte sie illegal bei ihm und seiner Familie in Zuffenhausen. Björns Eltern nahmen Esmaeli bei sich auf, behandelte sie wie ihre eigene Tochter. „Sie sind Engel, die in mein Leben getreten sind“, sagt sie, und man hört eine tiefe Dankbarkeit. Vier Jahre lang wohnte die junge Frau anschließend in einem kleinen Zimmer in der Nähe des Bosch-Areals. An ihre Zeit in Stuttgart erinnert sich Esmaeli sehr gern. „Es ist die Stadt, in der ich neu geboren wurde, wo ich ganz von vorne begonnen habe“, sagt sie ohne Scheu vor Pathos – und schwärmt dann von Kässpätzle und schwäbischem Kartoffelsalat.

In ihrem ersten Jahr in Stuttgart hatte Esmaeli keinen Kontakt zu ihrer Familie. „Ich hatte Angst und gleichzeitig große Sehnsucht“, so beschreibt sie ihre innere Zerrissenheit in ihrer Biografie. Heute ist das Verhältnis zwischen ihnen wieder in Ordnung, wie Esmaeli versichert: „Es war zwar sehr schwierig für sie, aber mittlerweile haben sie akzeptiert, was ich bin und was ich tue.“ Es sei ihr wichtig, betont sie dann, dass nicht nur sie selbst eine Entwicklung durchgemacht habe, sondern vor allem auch ihre afghanische Familie, auf die sie deshalb sehr stolz sei: „Das ist ein großer Schritt und nicht selbstverständlich für Leute, die aus so einer Kultur kommen.“