Afrika und der Alkohol Der blaue Kontinent

Von Johannes Dieterich 

Ein Viertel aller Koma-Trinker sind laut Weltgesundheitsorganisation in Afrika angesiedelt. Dabei gelten die muslimischen Länder des Kontinents als Mekka der Abstinenzler.

Dieser Stand in Maputo hat sich auf härtere Spirituosen spezialisiert. Foto: AFP
Dieser Stand in Maputo hat sich auf härtere Spirituosen spezialisiert. Foto: AFP

Johannesburg - Es gibt gute Gründe dafür. Da ist zunächst einmal die Hitze, die den Durst auslöst, der gelöscht werden muss. Dann ist da das Elend, das aufs Gemüt drückt und vergessen werden will. In beiden Fällen trägt ein kräftiger Schluck aus der Pulle zur Erleichterung bei. Vor allem, wenn sich in der Pulle ein die Stimmung hebendes Getränk befindet. Wir wundern uns also nicht, wenn das „Time“-Magazin titelt: „Der betrunkene Kontinent. Afrika hat ein Alkohol-Problem.“

Die Frage drängt sich auf, welches Pro­blem der Kontinent eigentlich nicht hat. Doch solcher Zynismus hilft auch in diesem Fall nicht weiter. Schließlich wissen wir aus eigener Erfahrung, dass Afrika im Schnaps ertrinkt. Wer sich etwa auf den Weg in Südafrikas Provinz, das „Platte Land“, begibt, kann dort sein blaues Wunder erleben. Wenn sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der partout nicht zueinander kommenden Regenbogennation in einem einig sind, dann ist es ihr Zuspruch zum Alkohol. Spätestens freitagnachmittags um 17 Uhr sind die Bewohner gottverlassener Dörfchen wie Ventersdorp oder Hotazel für den Rest des Wochenendes pietätslos und pauschal besoffen.

Der Farmarbeiter trinkt bevorzugt Mais- oder Hafersaft

Freilich gibt es auch in der gemeinsamen Sucht noch Unterschiede: Der dunkelhäutige Farmarbeiter pflegt seinen vergorenen Mais- oder Hafersaft in einer „Shebeen“ (Bretterhütten-Kneipe) bis zum Umfallen zu trinken, während sich der weiße Farmer unterdessen unter Seinesgleichen im „Krug“ mit Coke and Brandy volllaufen lässt. Mit dem letzten Drink zwischen den Beinen fährt er dann irgendwann nach Hause. Bis er eines nachts im Vollsuff erst über seinen auf allen Vieren kriechenden Angestellten und schließlich auf einen Akazienbaum donnert. Dann übernimmt sein Sohn die Farm. Alles fängt von vorne an.

Afrika habe den weltweit höchsten Prozentsatz an „Binge“-Trinkern, zitiert das Magazin die Weltgesundheitsorganisation WHO. Ein Viertel aller Komasäufer seien auf dem durstigen Kontinent angesiedelt, obwohl dieser lediglich 15 Prozent der Erdbewohner beheimatet. Zu erwarten sei, dass die kollektive Trunksucht weiter steige, fahren die Reporter fort. Denn globale Getränkeriesen wie Diageo oder Heinneken hätten den afrikanischen Markt für ihre prozentigen Produkte entdeckt. Eine wachsende Zahl an Mittelschichtlern bringe die für den Vollrausch nötige Kaufkraft mit sich. Und ein weltweit beispiellos hoher Anteil von Jugendlichen stelle auch eine beschwingte Zukunft in Aussicht. Um die Investoren noch zusätzlich anzulocken, werde ihnen in vielen afrikanischen Staaten sogar Steuerfreiheit gewährt. „Staatlich geförderter Selbstmord“, zitiert „Time“ einen nüchternen Experten.


Was die Magazin-Schreiber indessen nicht erwähnen: Die erhöhten Quoten der „Binge“-Trinker sind nur die eine Seite der Medaille. Wer sich die Mühe macht, die WHO-Zahlen genauer zu studieren, stellt fest, dass Afrika nicht nur die Hochburg der Quartalsäufer, sondern auch das Mekka der Abstinenzler ist. In muslimischen Ländern wie Ägypten, Tunesien, Somalia oder dem Sudan wird fast gar nicht, jedenfalls weit weniger als im Weltdurchschnitt gesoffen. (Aus unerfindlichen Gründen ordnet die WHO diese Staaten nicht etwa Afrika, sondern dem „östlichen Mittelmeer“ zu.) Doch selbst in Südafrika, das die „Time“ „eine der heftigsten Trinkernationen der Welt“ tituliert, sind den WHO-Angaben zufolge Zweidrittel der Bevölkerung Abstinenzler. Ein erwachsener Südafrikaner putzt im Jahresdurchschnitt 9,5 Liter Alkohol weg – deutlich weniger als der Durchschnittseuropäer, der auf 12,3 Liter kommt.

Und was lernen wir daraus? Die Liebe zum Detail ist der Tod der prallen Story. Oder: nicht jede Beobachtung aus dem platten Land kann zum kontinentalen Phänomen erhoben werden. Schon seit ewigen Zeiten werde das schlecht erforschte Afrika zum Opfer wilder Klischees, klagen die Rechercheure des Johannesburger Faktenüberprüfungsdienstes „Africa Check“. Womöglich aus Frustration darüber, dass das mit dem „Kontinent der Kriege, Krankheiten und Katastrophen“ inzwischen nicht mehr so richtig hinhaut, haben die US-Kollegen aus dem „schwarzen Kontinent“ kurzerhand den blauen Kontinent gemacht.