Afrikanische Kunst in Nürtingen Touristenware oder Raubkunst: Die Herkunft der Masken ist unklar

Katja Schurr (links) und Vera Romeu präsentieren die Masterarbeit zu den afrikanischen Masken in der Sammlung Domnick. Foto: privat Foto:  

Die Rätsel um die afrikanischen Masken der Nürtinger Sammlung Domnick sind exemplarisch für viele Museen, erklärt die Sammlungsleiterin Vera Romeu. Eine Masterarbeit setzt sich mit der Problematik auseinander.

Region: Corinna Meinke (com)

Noch mehr Fragezeichen zur Herkunft haben sich ergeben. Die Rede ist von den afrikanischen Masken der Sammlung Domnick in Nürtingen-Oberensingen. Diese Stücke hatte das Sammlerpaar Domnick in den Jahren von 1938 bis 1940 als Grundstock seiner modernen Kunstsammlung beim Stuttgarter Kunstsammler Ernst Heinrich gekauft. Bis heute ist unklar, ob es sich bei den Masken um sogenannte Touristenware oder um authentische Kultobjekte handelt. Und es ist offen, ob und wie eine Rückgabe, also die Restitution der Masken, möglich ist. Der Fall ist für Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg einmalig, erklärt Sammlungsleiterin Vera Romeu.

 

In den übrigen 61 Kulturdenkmälern wie etwa Schlösser, Burgen, Klöster und Parks gebe es keine potenziellen Restitutionsobjekte, da die dortigen Kunstschätze nicht aus der Zeit des Kolonialismus stammten, berichtet Romeu. Nur einige dürre Daten sind zu den Domnick’schen Masken bekannt. Aber ist auf diese überhaupt noch Verlass? Katja Schurr, die diese Thematik in ihrer Masterarbeit beleuchtet hat, förderte Überraschendes zu Tage. Datierung, Künstler oder die Umstände der Provenienz fehlen demnach ganz. Die Bezeichnung der Masken, wie sie in der Inventarliste der Sammlung hinterlegt ist, steht deshalb in Frage.

Auch große Häuser haben Probleme

Die Sammlungsleiterin Vera Romeu betrachtet dies als großen Vertrauensverlust für das Museum als Institution. Immerhin seien solche Angaben essenziell für ihre Arbeit, genauso wie Bestandspflege, Forschung und Vermittlung. Wenn sie sich aber nicht mehr auf diese Daten verlassen könne, falle sie durch alle Raster. Und Romeu vermutet: „Wir sind kein Einzelfall. Das hier ist exemplarisch. Die großen Häuser wollen das nur nicht sagen.“

Auch aus dem Stuttgarter Linden-Museum sei bekannt, dass afrikanische Bestände in der Regel nicht inventarisiert seien, Unterlagen fehlten oder vernichtet worden seien. „Alles gestohlen“, so habe Herbert Ganslmayr, der inzwischen verstorbene ehemalige Leiter des Bremer Überseemuseums die afrikanischen Bremer Bestände in seinem eigenen Haus bewertet. Aber erst mal der Reihe nach.

Die Debatte zum Kolonialismus befeuert

Alles begann mit einem Vortrag im Oktober 2021 in der Sammlung Domnick. Sammlungsleiterin Vera Romeu war unter dem kämpferischen Titel „Von wegen Exotik: Dekolonisiert euch!“ in die Offensive gegangen und hatte gezeigt, mit welcher Gewalt Kunstschätze aus afrikanischen Ländern häufig entwendet worden waren. Romeus Beitrag zur Kolonialismusdebatte, mit dem sie ganz bewusst einen Kontrapunkt im Themenjahr von Staatliche Schlösser und Gärten unter dem Motto: „Exotik, Faszination & Fantasie in den Schlössern, Gärten und Klöstern“ setzen wollte, hatte auch Katja Schurr in die Sammlung Domnick gelockt.

Die aus Filderstadt stammende Studentin der Kunstgeschichte hat bei Seminaren an der Universität Tübingen für die Provenienzforschung Feuer gefangen. Und auf der Suche nach einem Thema für ihre Masterarbeit ist sie auf Romeus Aktivitäten gestoßen. Ein Jahr lang hat sie rund um die Masken der Sammlung Domnick geforscht – viel zu kurz, um die Herkunft der Kunstwerke klären zu können. Aber Zeit genug, um Teile des Netzwerks zu erkennen, über das der in Bad Cannstatt ansässige Kunstsammler Heinrich verfügte, der auch im regen Austausch mit dem Stuttgarter Linden-Museum stand und Sammlungsstücke mit dem Haus tauschte.

Der westliche Blick als Problem

Schurr kritisiert, dass bis heute eine postkoloniale Wende in der Kunstgeschichte auf sich warten lasse. Der westliche Blick auf afrikanische Kunst sei per se problematisch. Bei den Masken entziehe sich beispielsweise deren rituelle Verwendung und ihre Herstellung nicht nur westlichen Beobachtern, sondern allen, die nicht Teil der jeweiligen Gemeinschaft seien. Möglicherweise seien zum Schutz der rituellen Geheimnisse falsche Informationen an Europäer gestreut worden. Und da die Grenzen zwischen den Gesellschaften und ihren Kulturen oft fließend seien, erschwere das eine Zuordnung zu bestimmten Bevölkerungsgruppen.

Schurr folgert, die Masken seien außerdem nur im Zusammenspiel mit Kostümierung, Tänzen oder anderen Gegenständen zu verstehen. Darüber wisse man in Europa zu wenig, da beispielsweise Haare oder ein Kopfschmuck, der zu den Masken gehörte, in Europa nicht angekommen seien. Probleme bereiten auch die Kopien von Masken, für die bereits vor Beginn des 20. Jahrhunderts ein Markt entstand. Schurr beklagt ferner den Mangel an aktueller Literatur über afrikanische Bevölkerungsgruppen, während Texte aus dem 19. und 20. Jahrhundert veraltet seien und rassistische und stereotypisierende Sichtweisen wiedergeben.

Ein Haus für die moderne Kunst

Sammlung
 Das Stuttgarter Ärztepaar Ottomar Domnick (1907–1989) und Greta Domnick hatte sich 1967 auf der Oberensinger Höhe in Nürtingen von dem Stuttgarter Architekten Paul Stohrer ein Haus bauen lassen. Damit sollte ihrer Sammlung abstrakter Malerei der passende Rahmen gegeben werden. Weil es während der Nazizeit nicht möglich war, moderne Kunst zu kaufen, erwarben Domnicks afrikanische Masken beim Stuttgarter Kunsthändler Ernst Heinrich.

Kunst
 Künstler wie Picasso, Matisse, Braque, Kirchner und Nolde setzten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach einer neuen Formensprache mit der formalen Ästhetik der afrikanischen Skulpturen und Masken auseinander und entwickelten als Gegenentwurf zur akademischen Maltradition den europäischen Kubismus. Die religiösen und sozialen Aspekte der Objekte interessierten damals allerdings genauso wenig wie die Frage, wie diese Gegenstände in europäische Hände gelangt waren.

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