Afro Joy in den Wagenhallen Sich einen Platz in der Gesellschaft verschaffen

Das Afro-Joy-Festival ist für viele junge Menschen mit afrikanischen Wurzeln eine gute Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Foto: Lg/Ewska

Das Afro Joy-Festival in den Wagenhallen feiert Afro-Selbstbewusstsein und tanzt durch die halbe Nacht.

Schlaf sei „völlig überbewertet“, findet Niayt Haile nach der halb durchtanzten, ersten Nacht des dreitägigen Afro Joy-Festivals. Und die 26-Jährige zeigt, was sie noch zur Mittagszeit des zweiten Tages wie auf Flügeln schweben lässt: ein Clip mit einer wogenden, ausgelassenen tanzenden Menge in der Projekthalle: „Das feiere ich aber auch so was von!“, jubiliert Niayt Haile. Im Grunde ist es dieselbe „Afro Joy“, die unmittelbar greifbare „afrikanische Freude“, die die Mitorganisatorin schon am Vorabend gezeigt hatte. Da stand sie draußen, nur dürftig vor Kühle und Regen geschützt, und erläuterte, worum es dem Festival geht: „Drei Tage glücklich sein in der Community und mit allen Gästen!“

 

Treffen mit der Schulklasse von einst

Immer wieder springt sie da plötzlich hinaus in den Regen, um eintreffende Freundinnen und Freunde zu begrüßen. „Extra aus Konstanz!“, tönt es dann, „aus Freiburg, und sogar aus Hamburg!“ Nicht minder freut es die angehende Wirtschaftsingenieurin, dass sich auch Gäste aus ihrer alten Schulklasse aus Heilbronn einfinden, wo die jetzige Stuttgarterin als Kind eritreischer Eltern aufgewachsen war. Und während im Hintergrund Ama Benz-Kollektiv unüberhörbar die Amapiano Music tönen lässt, eine Art südafrikanischen Drum’n’Base, macht Haile keinen Hehl aus ihrer überströmenden Freude: „Ach, man spürt jetzt schon den Afro Joy, diese Freude, diese Liebe! Und trotz Mistwetter kommen so viele!“

Ein Jahr lang mühsame Vorbereitung

Zu spüren ist auch Erleichterung, denn nach der Afro Joy-Premiere im vergangenen Jahr stand die Neuauflage lange auf schwankendem Grund. Angesichts der nötigen Finanzierung von 30 000 Euro sei es auch ihr selbst „schwindelig geworden“. Dann aber habe sich die achtköpfige Crew aufgerafft und ein Jahr lang „unglaublich geackert, sogar Kucken gebacken und verkauft wie einst im Kindergarten“. Fundraising habe viel private Unterstützung gebracht, etwas gab die Bundesinitiative „Demokratie leben!“, schließlich auch das Kulturamt der Stadt.

Und wozu der ganze Stress? „Weil es aufs Machen ankommt! Weil wir als Black Community nur Platz in der Gesellschaft bekommen, wenn wir uns diesen selbst schaffen“, betont Haile – und setzt gleich nach: „Wie viele schwarze Künstler sind denn beim Kesselfestival? Viel zu wenige!“ Deshalb also diese „Plattform, auf der wir selbst performen können“.

Selbstbewusste moderne Afro-Mode

Künstlerisch, mit Workshops und Networking-Möglichkeiten. Auch geschäftlich, beim Markt mit „Black Owned Business“, wo gut ein Dutzend kleine, junge Unternehmen präsent sind. Collab Clothing etwa mit African Streetwear, Black & White mit „Beauty to go“, mit Schmuck oder selbstbewusster, moderner Afro-Mode à la Goldas Vibe. Aber auch mit Vorsorge- und Finanzberatung für junge Leute. „Wir wollen den Horizont erweitern, die Leute sollen ermutigt werden und ihre Chancen ergreifen“, sagt Haile.

„Für mich ist das Heimat, wir feiern, das sind meiner Leute“, sagt Faustina Gomes, Krankenschwester aus Sindelfingen, die am Essensstand arbeitet. „Wir sind doch alle Menschen! Ob weiß oder schwarz, arm oder reich“, legt sie los, „freundlich sein, die Wahrheit lieben, Empathie haben. Darauf kommt es an!“, das sei Afro Joy. Und so tönt es auch beim Afrodance-Workshop nebenan: „Hey, come on!“

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