Agenda-Garten in Stuttgart-Degerloch Warum sich diese Menschen einen Garten teilen

Von Tilman Baur 

Auch nach fast 20 Jahren steht das Konzept des Agenda-Gartens in Stuttgart-Degerloch bei vielen hoch im Kurs. Es ist ein Ort, an dem man sich Arbeit und Idylle ungezwungen mit anderen teilt. Ein Mindestmaß an Engagement wird aber erwartet.

Im Agenda-Garten werden die Aufgaben  auf viele Schultern verteilt, sagt Carola Federspiel. Wie viel Zeit jedes Mitglied auf dem Gelände verbringt, steht ihm frei. Foto: Tilman Baur
Im Agenda-Garten werden die Aufgaben auf viele Schultern verteilt, sagt Carola Federspiel. Wie viel Zeit jedes Mitglied auf dem Gelände verbringt, steht ihm frei. Foto: Tilman Baur

Degerloch - Die Zweige des Apfelbaums ragen ein Stück über den Zaun des Grundstücks. „Agenda-Garten“ steht in bunten Buchstaben über dem Gartentor. Holzbänke umrahmen eine Grillstelle. Ein Schuppen, eine Rutsche, Pflanzenbeete sind zu sehen. Das 1400 Quadratmeter große Degerlocher Grundstück zwischen Tränke und Hoffeld könnte man als die perfekte Idylle beschreiben. Passender noch wäre aber die Beschreibung perfekt unperfekte Idylle. Denn Perfektion suchen die Mitgliederfamilien des Anfang der Nullerjahre gegründeten Vereins Agenda-Garten nicht.

Das Konzept funktioniert nach wie vor

Stattdessen suchen sie Ruhe in der ungezähmten Natur, wo es nicht auf die Millimeterhöhe jedes Grashalms ankommt. Und sie suchen Kontakt zu Gleichgesinnten. Genau das bietet der Verein. Alles ungezwungen und freiwillig zwar, und doch mit der Erwartung eines Mindestmaßes an Engagement verbunden. „Wir haben keine gemeinsame Gesinnung und sind keine Brüder und Schwestern, aber doch ein Netzwerk, dessen Mitglieder sich mit Rat und Tat zur Seite stehen – und nicht nur in Fragen, die den Garten betreffen“, sagt Carola Federspiel. Die Kunsttherapeutin ist seit zwölf Jahren Mitglied und im dritten Jahr Vorsitzende des Vereins.

Das Konzept funktioniere nach wie vor. Nicht zuletzt, weil sich die Aufgaben im Garten auf viele Schultern verteilten. So finde sich immer jemand, der Aufgaben erledige, die anderen weniger lägen. „Ich selbst habe zum Beispiel noch nie den Rasen gemäht, weil ich es einfach nicht mag“, sagt Federspiel. Einen der Vorzüge des Gemeinschaftsgartens sieht sie genau darin. Denn für Hausbesitzer bedeute der eigene Garten oft Stress und Arbeit. Im Agenda-Garten sei das anders. „Ich habe hier gelernt, den Garten zu genießen“, sagt Federspiel.

In einem Schuppen steht ein Heu-Bett

Man gewöhne sich daran, dass nicht immer alles gleich erledigt werde. Für kreative und handwerklich begabte Mitglieder ist der Garten eine echte Spielwiese. Die Holzbänke an der Grillstelle hat ein Mitglied erst vor Kurzem gezimmert. Jemand anderes hat einen Pizzaofen gebaut. Vor einigen Jahren entstand ein Wasserspielplatz für Kinder. In einem Schuppen steht ein Heu-Bett, in dem kleine Agenda-Gärtner im Sommer übernachten. Ein Lehmtisch zum Spielen, eine Toilette auf Trockenkompost-Basis, ein Sofa aus Gras und ein Experiment mit Permakulturen: All das sind Zeugnisse des Ideenreichtums der Agenda-Gärtner.

Wie viel Zeit jedes Mitglied auf dem Gelände verbringt, steht ihm frei. Manche sind jedes Wochenende da, andere kommen nur alle paar Wochen. Gemeinschaft entsteht vor allem an den Gartentagen, die der Verein regelmäßig organisiert und die auch Nicht-Mitgliedern offenstehen. „Es wird zusammen gekocht, gegrillt und geklampft“, erzählt Federspiel. Weil die Mitglieder ähnliche Lebenswelten verbinden, blieben die Gespräche selten an der Oberfläche. Anknüpfungspunkte habe bislang jeder gefunden, so Federspiel. Dabei gibt es auch Fluktuation im Verein.

Gemeinschaftsgefühl hat während der Pandemie gelitten

Die Anzahl der Mitglieder war einst auf 14 Familien gesunken, heute sind es wieder 30. Vom Outdoor-Boom während der Hochzeit der Pandemie hat der Verein indes nicht viel mitbekommen. Es gab Anfragen von Interessenten, aber nicht mehr als in anderen Jahren. Verändert hat sich die Kommunikation im Agenda-Universum. Es hätten sich WhatsApp-Gruppen gegründet, um zu vereinbaren, wer wann in den Garten komme, sagt Federspiel. Weil viele Familien mit Kindern den Garten nutzten, sei die Einhaltung der Abstände besonders wichtig gewesen. Das für den Verein wichtige Gemeinschaftsgefühl habe während der Pandemie leider gelitten.

Wie es in den kommenden Monaten weitergehe, sei auch noch nicht ganz klar. Im Winter gibt es normalerweise einiges zu tun: Baumschnitt, Vögel füttern, Feuer machen zum Beispiel. Öffentliche Veranstaltungen sind nun aber erst einmal aufgeschoben. Carola Federspiel wirkt trotzdem gelassen. Das liegt wahrscheinlich an der grünen, ruhigen Umgebung, die auch Besucher innerlich automatisch zwei Gänge herunterschalten lässt. Und daran, dass der Verein bald 20 Jahre auf dem Buckel hat – und in vielerlei Hinsicht in voller Blüte steht.

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