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Agenda Setting Forschung nach Wunsch der Politik

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In der Alten Aula der Uni Heidelberg wird ein Forschungszentrum feierlich eröffnet: Die Ministerin ist begeistert, aber der Festredner findet die Forschungsthemen nicht ganz so interessant wie seine eigenen. Sollten die Heidelberger Wissenschaftler umdenken?

Die Alte Aula geht auf die 500-Jahr-Feier der Universität Heidelberg im Jahr 1886 zurück. Am Montag ist dort das Centrum für Transkulturelle Studien eröffnet worden. Foto: Uni Heidelberg
Die Alte Aula geht auf die 500-Jahr-Feier der Universität Heidelberg im Jahr 1886 zurück. Am Montag ist dort das Centrum für Transkulturelle Studien eröffnet worden. Foto: Uni Heidelberg

Heidelberg - Der Philosoph Avishai Margalit hat ein Händchen für plakative Aussagen. In seinem Buch über Kompromisse hält er zum Beispiel fest: „Ich denke, wir sollten eher nach unseren Kompromissen beurteilt werden als nach unseren Idealen und Normen. Ideale sagen etwas darüber aus, wie wir sein möchten. Kompromisse zeigen, wer wir sind.“ Margalit war am Montag Festredner an der Universität Heidelberg, wo man ein Centrum für Transkulturelle Studien eröffnet hat. Dort sollte er eigentlich über seine These sprechen, dass das Prinzip der Verhältnismäßigkeit „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ helfen könnte, in Kriegen – vor allem in blutigen und langwierigen Bürgerkriegen – die Gewalt nicht eskalieren zu lassen. „Das Blut würde schon tropfen“, sagte er knapp, „aber es würde nicht in Strömen fließen.“ Aber dann wechselte er das Thema und schrieb doch lieber den Heidelberger Professoren ins Stammbuch, dass es dringendere Probleme gebe als ihre transkulturellen Studien.

Zuvor hatten der Rektor Bernhard Eitel und die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer das neue Centrum in höchsten Tönen gelobt. Es soll den Forschungsverbund „Asien und Europa im globalen Kontext“, den die Universität in der Exzellenzinitiative gewonnen hat, fortführen, wenn das Geld aus der Exzellenzinitiative 2017 ausläuft. Die Finanzierung ist nicht dauerhaft gesichert, aber es gibt zumindest ein institutionelles (und auch ein reales) Dach für die Forscher. Die Ministerin erzählt, sie habe in den 80er Jahren an der Universität Heidelberg studiert und sich damals nicht zuletzt politisch für mehr Interdisziplinarität eingesetzt. „Die Realität hat unsere Forderungen von damals überholt“, sagt sie anerkennend. Und sie versichert, sich dafür einzusetzen, dass die Mittel der Exzellenzinitiative auch nach 2017 „im System bleiben“.

Doch Avishai Margalit findet, dass es wichtigere Aufgaben gibt, als den „Kampf der Kulturen“ zwischen Orient und Okzident zu erforschen. Ihn beschäftigen die Nachwirkungen der Industriellen Revolution – vor allem die Frage der Zuwanderung in reiche Staaten, denn das Ungleichgewicht zwischen den Staaten der Welt gehe auf die Industrielle Revolution und den folgenden Imperialismus zurück. Die Frage, ob ein afrikanischer Flüchtling beispielsweise Norweger werden könne, stelle alle politischen Fragen der gerechten Güterverteilung in einem Land in den Schatten, sagt er. Rente, Sozialhilfe und Investitionen in Bildung – bei alledem geht es um einige Prozente mehr oder weniger. Für den Flüchtling geht es hingegen um fast alles.

Wer kümmert sich um die drängenden Fragen der Menschheit?

Angenommen, Margalit beschreibt die Dinge korrekt – wäre das ein Grund für die Heidelberger Forscher, ihre Agenda zu überdenken? Sind Forschungsfragen, bei denen es um globale Gerechtigkeit und um Menschenleben geht, wichtiger als andere? Man sollte nicht vorschnell abwinken, denn es gilt Prioritäten zu setzen. Die Wissenschaft steht durchaus in der Pflicht, ihr Budget sinnvoll einzusetzen. In Spanien hat dieser Tage ein Historiker 12.000 Euro erhalten, um auf dem Gelände eines Klosters nach den Gebeinen von Cervantes zu suchen. Das ist nicht viel Geld – aber es ist auch keine wirklich wichtige Forschungsfrage. Fünf Professoren mit ihren Teams und darüber hinaus einige Gastwissenschaftler zu finanzieren, wie es für das Heidelberger Centrum für Transkulturelle Studien vorgesehen ist, hat ein anderes Kaliber.

Margalits Forderung wirkt so, als dürften Forscher die zweitwichtigsten Fragen erst in Angriff nehmen, nachdem sie die wichtigsten beantwortet haben. Aber es macht keinen Sinn, wenn jedes Institut dieselben Themen bearbeitet. Bei der Wahl der Forschungsthemen muss man auch abwägen, wie groß die Aussicht auf Erfolg ist. Reichen die Ressourcen und Ideen aus für eine reelle Chance, etwas Neues zu entdecken? An der Universität Heidelberg wird man die bisherige Forschung zu Asien und den Forschungsverbund aus der Exzellenzinitiative nun zu einem profilbildenden Schwerpunkt der Hochschule zusammenführen. Das ist strategisch gedacht, und die Politik fordert genau das. Theresia Bauer sagt, sie hoffe, dass Heidelberg einmal für seine Asienforschung so bekannt werde wie für seine Medizin.

Es bleibt allerdings die bange Frage, wer sich denn sonst um die drängendsten Fragen der Menschheit kümmert.