Aggression gegen Wahlhelfer? Neues Phänomen im Wahlkampf im Kreis Esslingen – „Welle der Wertschätzung“
Im Landtagswahlkampf im Kreis Esslingen erleben manche Kandidaten überraschend viel Zuspruch. Doch nicht alle Parteien teilen diese Erfahrung.
Im Landtagswahlkampf im Kreis Esslingen erleben manche Kandidaten überraschend viel Zuspruch. Doch nicht alle Parteien teilen diese Erfahrung.
Die Landtagswahl rückt näher. Immer wieder wird in Wahlkämpfen von Gewalt in Form von Sachbeschädigungen, Aggressionen, Beschimpfungen, Hass und Hetze oder gar körperlichen Angriffen gegen Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer berichtet. Im aktuellen Wahlkampf scheint das bislang für viele Kandidaten jedoch kaum ein Thema zu sein – dafür gibt es offenbar ein neues Phänomen.
In vergangenen Wahlkämpfen sei die Aggression teils deutlich spürbar gewesen, berichtet Michael Mahler vom Kampagnenteam des CDU-Landtagsabgeordneten und -kandidaten im Wahlkreis Esslingen, Andreas Deuschle. Auch jetzt äußerten Passanten im Straßenwahlkampf immer wieder offen ihre Abscheu. „Aber das ist die Ausnahme“, sagt Mahler. Auch zerstörte Plakate seien eher Einzelfälle. Aus Sicht der CDU laufe der Wahlkampf gut und ruhiger als erwartet. Auffallend sei hingegen, dass sich viele Bürger beim Straßen- und Haustürwahlkampf ausdrücklich für das Engagement für die Demokratie bedankten und dafür, dass „man sich das heutzutage noch antut“, sagt Mahler. Davon berichtet auch Maren Steege, die im Wahlkreis Nürtingen für die CDU antritt. „Wir erleben an den Haustüren keine Wut, sondern eine Welle der Wertschätzung“, erzählt sie.
Ähnliche Erfahrungen macht man offenbar auch beim Esslinger Kreisverband der Grünen. Michael Jahn, Co-Sprecher des Kreisverbands, sagt: „Dieses Mal haben wir so gut wie keine Beschädigungen an Wahlplakaten zu verzeichnen.“ Lediglich in Großbettlingen seien alle Plakate heruntergerissen worden – allerdings nicht nur die der Grünen, sondern auch aller anderen Parteien. Im Vergleich zum Bundestagswahlkampf im vergangenen Jahr sei alles ganz harmlos. „Wir bekommen auch kaum böse E-Mails oder Post“, so Jahn. Bislang sei es eher ruhig geblieben. „Die Leute, die an die Wahlkampfstände kommen, sind in der Regel interessiert und uns wohlgesonnen“, berichtet Jahn.
Dennis Birnstock, FDP-Landtagsabgeordneter und Landtagskandidat im Wahlkreis Nürtingen, berichtet von vereinzelten Beschädigungen von Plakaten, allerdings in überschaubarem Umfang. „Körperliche Angriffe gab es glücklicherweise bisher nicht und auch verbale Attacken wurden mir bisher nicht rückgemeldet“, sagt Birnstock. Er hoffe nun, dass es weiter so ruhig bleibe. Auch Anita Marinovic-Maticevic, die für Volt im Wahlkreis Esslingen antritt, berichtet von beschädigten Wahlplakaten – das gehöre inzwischen wohl zum Begleitbild im Wahlkampf dazu. Sie merke aber auch, dass Volt zunehmend als ernstzunehmende politische Kraft wahrgenommen werde.
Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Nicolas Fink, der erneut im Wahlkreis Esslingen kandidiert, stellt fest, dass der aktuelle Wahlkampf grundsätzlich sehr friedlich ablaufe. Jannik Kegler, Ortsvereinsvorsitzender der SPD Wolfschlugen und Co-Vorsitzender der Jusos im Kreis Esslingen, spricht hingegen von einer grundsätzlich spürbaren Abneigung der SPD gegenüber. „Regelmäßig werden unsere Plakate beschmiert oder zerrissen“, berichtet er. Gerade in Wolfschlugen gebe es offenbar jemanden, der etwas gegen die SPD habe und immer wieder Wahlplakate zerstöre. Auch sonst habe er im Wahlkampf schon einiges erlebt: „Von sehr harten Beleidigungen bis hin zu einem Mann, der die Wahlkampfmaterialien angespuckt hat, war alles dabei“, so Kegler. Viele reagierten abweisend auf Gesprächsangebote, manche sogar richtiggehend aggressiv. Auch Lara Kern, die sich den Vorsitz der Jusos im Kreis Esslingen mit Kegler teilt, sagt: „An den Infoständen war die Stimmung gegenüber den Sozialdemokraten auch schon mal besser.“
Jennifer Greiner-Bär, Sprecherin des Kreisverbands Esslingen der Partei Die Linke, betont: „Insgesamt erleben wir den Wahlkampf im Kreis Esslingen überwiegend als ruhig und konstruktiv.“ Zwar seien vereinzelt Plakate ihrer Partei abgerissen oder beschädigt worden und es komme immer mal wieder zu verbalen Anfeindungen oder Beschimpfungen. Körperliche Übergriffe habe es aber nicht gegeben. Zudem berichtet auch Greiner-Bär vom Phänomen der Wertschätzung im persönlichen Kontakt. „Besonders positiv sind unsere Erfahrungen bei den Haustürgesprächen“, so die Kreissprecherin. „Viele Bürgerinnen und Bürger reagieren interessiert und wertschätzend darauf, dass wir das persönliche Gespräch suchen.“
Matthias Rogge, der für die Werteunion im Wahlkreis Kirchheim kandidiert, berichtet lediglich von zwei heruntergerissenen Plakaten und auch Heinrich Brinker, der für das BSW im Wahlkreis Kirchheim antritt, hat außer einzelnen Beschimpfungen und wenigen zerstörten Wahlplakaten keine größeren Aggressionen wahrgenommen. Ulrich Deuschle, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Kreistag, hingegen verweist auf eine starke Polarisierung. Seiner Partei gegenüber gebe es im Wahlkampf „teils sehr negative Verhaltensweisen und Beschimpfungen“, zudem würden Wahlplakate systematisch und teils flächendeckend zerstört. An Wahlkampfständen bekomme man oft Besuch von Gegnern, die aber bislang nicht militant geworden seien. Neu sei hingegen, dass sich auch immer öfter Menschen offen mit seiner Partei solidarisierten.