Aggressionen, Heißhunger, Handysucht Wie kann man Impulse kontrollieren?

Boris Palmer wird verbal auch mal ausfällig, jetzt hat er angekündigt, sich „professionelle Hilfe“ zu suchen. Foto: dpa/Marijan Murat

Sich nicht gleich provozieren zu lassen, das nennt man Impulskontrolle. Ein Neurowissenschaftler erklärt, warum das nicht nur Boris Palmer schwerfällt, wie man es trainieren kann und wann impulsives Handeln gut ist.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Boris Palmer hat ein Problem, wie er selbst eingeräumt hat: Wenn ihn einer provoziert, kann der Tübinger Oberbürgermeister nur schwer ruhig bleiben. Dann kommt es zu verbalen Ausfällen wie kürzlich bei einer Migrationskonferenz in Frankfurt am Main. Später kündigte Palmer an, eine Auszeit zu nehmen und sich „professionelle Hilfe“ zu suchen.

 

Ungeachtet dessen, was bei Boris Palmer am Ende herauskommt und was letztlich auch nur ihn etwas angeht: Den ersten Impuls, auf Beleidigungen aggressiv zu reagieren, hat nicht nur er, das kennt jeder – unterschiedlich ist, wie man diesen Impuls beherrscht. Der Neurowissenschaftler Henning Beck erklärt die Vorgänge im menschlichen Gehirn mit Filtern, die sich über alle Erfahrungen legen und mögliche Übersprunghandlungen minimieren.

Darunter sind auch Stimmen der Vernunft, die einen daran hindern, nach Reizwörtern gleich auszurasten. Sie verhindern, dass man etwas tut, was man rational betrachtet eigentlich nicht tun will oder aus Vernunftsgründen besser lassen sollte. Doch das klappt nicht immer.

Viele kennen die Heißhungeranfälle am Abend

Dass die Hemmung nicht greift, kennen viele auch von Heißhungeranfällen am Abend. Obwohl man sich vorgenommen hatte, weniger Süßes zu essen, ist plötzlich die ganze Tafel Schokolade weg. Oder das Handy liegt am Arbeitsplatz, und man schaut dauernd drauf, obwohl man eigentlich konzentriert Texte wie diesen hier schreiben wollte. Oder man knutscht am Firmenfest plötzlich zu später Stunde mit dem Kollegen, obwohl man verheiratet ist, aber nicht mit dem Kollegen.

Wie schafft man es, solchen Impulsen zu widerstehen? Und warum klappt das oft nicht, selbst wenn man es sich so fest vorgenommen hatte?

„Man muss sich die Vorgänge im Kopf wie eine Talkshow vorstellen, bei der plötzlich einer ganz laut redet und damit alle anderen niederbrüllt“, sagt Henning Beck. Das wäre dann die Übersprunghandlung, bedingt durch Zufälle, ausgelöst durch Schlüsselreize. Besonders fatal sei, wenn der Impuls aus einer unerwarteten Richtung und unvorhergesehen komme, dann reagiere man tendenziell eher spontan und wenig rational.

Auch bei Kindern kann man Impulskontrolle trainieren

Manche Leute scheinen sich aber immer im Griff zu haben, ist die Impulskontrolle vielleicht angeboren oder seit dem Kindesalter geprägt? Henning Beck sieht vieles im Zusammenhang mit Gewohnheiten und kultureller Prägung. „Japanische Kinder haben keine Probleme, aufs Essen zu warten, sie sind so erzogen. Dafür können sie schwerer auf Geschenke warten“, sagt Beck. Genau das sei bei amerikanischen Kindern umgekehrt, die wissen, Geschenke gibt es immer erst am ersten Weihnachtsfeiertag, wie in den USA üblich.

Aus diesem Grund kann man bei Kindern auch recht gut trainieren, dass diese lernen, Impulsen nicht immer gleich nachzugeben oder auch warten können. Es hänge alles ab von Routinen und Gewohnheiten, sagt Beck. „Wenn ich weiß, an der Supermarktkasse gibt es nichts, und zwar nie, dann verlangt es mich irgendwann auch nicht mehr danach.“

Kulturelle Prägungen sind aber keine Ausrede dafür, den Impulsen als Erwachsener ausgeliefert zu sein. „Impulskontrolle lässt sich sehr gut üben und trainieren, etwa mit Mentaltechniken, wie man sie aus dem Sport kennt“, sagt der Neurowissenschaftler.

Ein Versuch wäre demnach beispielsweise, sich dem Impuls bewusst auszusetzen und sich dann Ausweichstrategien zu überlegen. „Ich kann meinen inneren Schweinehund so lange verprügeln, bis er nicht mehr existiert“, sagt Henning Beck. Dazu gehöre auch, sich bewusst zu machen, was einen Schlüsselreiz darstellen könnte, was einen selbst besonders triggere. „Ich muss mir vorher der Situation bewusst werden und mir überlegen: Wie will ich dem begegnen, was ist mein Ausweichmanöver?“ Dann, so der Neurowissenschaftler, sei man vorbereitet und müsse nur noch „das Manöver knallhart aktivieren“.

Es kann mehrere Monate dauernd, bis Gewohnheiten sich durchsetzen

Aber: Es kann mehrere Monate dauern, bis sich neue Gewohnheiten durchsetzen und man wirklich gefeit ist vor impulsivem Handeln. Dafür braucht es also Geduld und Ausdauer.

Studien zeigen allerdings auch, dass impulsive Menschen als besonders authentisch wahrgenommen werden. Das stimme, sagt Henning Beck, wenn man damit jemanden meine, der „handelt, die Dinge in die Hand nimmt, intuitiv ist“. Ein gewisses Maß an Impulsivität macht das Leben wohl auch aufregend, abwechslungsreich. Über allem steht eine Frage, sagt Beck, die man sich öfter mal stellen sollte: „Wann muss ich den Moment nutzen und wann mich eher zurückhalten?“

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