Warum attackieren die Gänse?
Rechtlich sei es nicht möglich, auf andere Weise gegen die Gefährdung vorzugehen, die von den Wasservögeln ausgeht, heißt es dazu. Meist zieht aber in einer solchen Situation das Tier den Kürzeren. Doch das Thema ist vielschichtig, wie das Gespräch mit einem zufällig anwesenden Ornithologen zeigt: Denn man muss sich fragen: Greifen Tiere grundlos Menschen an? Welche wilden Arten dürfen sich in einem Park niederlassen? Und hat der Mensch überhaupt das Recht, dagegen vorzugehen?
Der Vogelkundler hat seinen freien Tag dazu genutzt, die Wasservögel im abgesperrten Bereich rund um den Teich zu beobachten: Ein Paar Nilgänse, ein Paar Stockenten, ein Blässhuhn, das in seiner Neugier den Anschein erweckt, dass ihm der Publikumsverkehr vielleicht sogar ein bisschen fehlt. Keine Spur von den beiden Kanadagänsen: Dabei verteidigen gerade Gänse und Schwäne ihr Gelege umso heftiger, je mehr Zeit und Arbeit sie bereits in den Nachwuchs investiert haben, so der Fachmann. Das sei eine natürliche Reaktion: „Die machen nur, was jeder anständige Ganter macht.“
Ornithologe angegriffen
Nur, dass das Kanadagans-Paar am Seerosenteich weit über das Ziel hinausschießt. Der Ornithologe erzählt, auch er sei im Zuge einer Begehung bereits angegriffen worden: „So heftig ist mir das noch nicht untergekommen.“ Kaum habe man sich mit dem Elektromobil der Parkverwaltung dem Seerosenteich genähert, sei eines der Tiere bereits in Drohhaltung vor dem Fahrzeug gelandet. Nach dem Aussteigen sei er in den Fußspann gebissen worden, „die Stelle war tagelang grün und blau“.
Warum die Tiere so aggressiv reagieren, darüber kann man nur spekulieren: Vielleicht haben sie früher schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht: Kinder, die die Vögel anfassen wollen, Besucher, die die Jungtiere fotografieren wollen, Unwissenheit oder sogar Zerstörungswut – leider alles keine Seltenheit im Höhenpark. Und wilde Tiere sind kein Streichelzoo, auch wenn der Mensch das gerne so hätte. Viele wissen gar nicht, dass gerade Schwäne oder Gänse sich im Notfall empfindlich zur Wehr setzen können.
Eingewanderte Arten
Andererseits sind die Gänse eingewandert, und einige so genannte „invasive“ Rassen sorgen für großen Schaden, weil sie einheimische Arten verdrängen oder gefährliche Krankheiten übertragen. Verkehrte Welt: Das Nilgans-Paar zählt dazu, das an diesem Nachmittag so friedlich zwischen seinen gefiederten Nachbarn sitzt. Die Kanadagans gilt im Vergleich als eher harmlos. „Man wendet hier die Zehnerregel an: Von 100 Tierarten, die einwandern, werden zehn heimisch und eine davon ist gefährlich“, so der Ornithologe.
Philosophisch ist die Frage des Vorgehens: Was tun gegen invasive Tierarten? Immer wieder wird gefordert, etwa Nilgänse zum Abschuss freizugeben. „Sie haben bei uns eigentlich nichts zu suchen“, so der Fachmann auf seinem Beobachtungsposten über dem Seerosenteich. Das aber stoße auf Widerstand in der Bevölkerung, die spüre, dass das einzelne Tier trotzdem ein Recht auf Leben hat. Die eigentliche Frage ist aber eine andere: Darf sich der Mensch – als invasivste Art überhaupt – ein Urteil anmaßen darüber, was schädlich ist und was nicht?
Schutzzaun soll weg
Gänse sind gelehrige Tiere: Könnte das übermäßig aggressive Elternpaar sein Verhalten an den Nachwuchs weitergeben? Möglich, sagt der Vogelkundler, doch die Stille rund um den Seerosenteich spreche dagegen: Entweder sei die Brut schon beendet oder die Parkverwaltung habe das Gelege beseitigt: „Wenn die Ursache weg ist, entfällt auch die Verteidigung.“ Auf Nachfrage teilt das Garten-, Friedhofs- und Forstamt am nächsten Tag mit: „Unseres Wissens nach haben die Kanadagänse keinen Erfolg mit der Brut gehabt. Der Schutzzaun am Rosenteich soll Ende Juni zurückgebaut werden.“