InterviewAgrarminister Christian Schmidt „Ich mache niemandem sein Schnitzel madig“

Von Norbert Wallet 

Um die nötigen Veränderungen in der Massentierhaltung anzustoßen, arbeitet Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) an der Einführung eines staatlichen Tierschutzlabels.

Aus Deutschland wird mehr Fleisch exportiert als je zuvor. Foto: dpa
Aus Deutschland wird mehr Fleisch exportiert als je zuvor. Foto: dpa
Herr Schmidt, heute schon Fleisch gegessen?
Ja.
Mit guten Gewissen?
Auf jeden Fall. Ich möchte auch niemandem sein Schnitzel madig machen – jeder muss im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung selber wissen, ob er Fleisch isst oder nicht. Meine Aufgabe als Minister ist es dafür zu sorgen, dass jeder mittels transparenten Informationen weiß, was er zu sich nimmt und ob das Tier nach besonderen Tierwohlstandards gehalten wurde.
Das ist bis heute überwiegend nicht der Fall. Die Branchen-Initiative „Tierwohl“ hat ein Problem, seit der Tierschutzbund kürzlich unter Protest ausgestiegen ist. Klappt Ihre freiwillige Selbstkontrolle nicht?
Was dort vorgefallen ist, will ich nicht bewerten. Wenn die Initiative nun in schwieriges Fahrwasser kommt, erhöht das die Notwendigkeit, dass wir die nötigen Veränderungen mit einem staatlichen Label voranbringen. Andernfalls besteht das Risiko, dass die Verbraucher vor einem Dschungel von Labeln stehen, wenn jede Lebensmittelkette ihr eigenes Label einführt. Auch die Bauern würden sich in eine große Abhängigkeit der Ketten begeben. Das will ich nicht, weshalb ich an der Einführung eines staatlichen Tierschutzlabels arbeite.
Wann ist es soweit?
Wenn alle beteiligten Akteure und am Ende die Designer konstruktiv mitmachen, will ich bei der Grünen Woche Ende Januar in Berlin den Entwurf vorstellen.
Wie soll es funktionieren?
Es wird mehrere Stufen geben – eine Basiskategorie für Fleisch von Tieren, deren Haltungsbedingungen über dem gesetzlichen Standard liegen sowie ein oder zwei weitere Premiumstufen, bei denen die Haltungsbedingungen noch deutlicher darüber hinausgehen. Das könnte man mit ein, zwei oder drei Sternen deutlich für die Verbraucher kennzeichnen.

Fleisch soll nicht zum Luxusgut werden

Wird es an allen Fleischtheken zu sehen sein?
Die jetzige „Initiative Tierwohl“ hat eine Marktdurchdringung von nur einem Prozent – das kann es nicht sein. Das neue Label soll keine Edelmarke für wenige sein, sondern soll möglichst bei 100 Prozent der Fleischproduktion Anwendung finden. Das wird natürlich entsprechende Investitionen in den landwirtschaftlichen Betrieben nach sich ziehen, aber auch die Einkommen der Bauern können davon profitieren.
Fleisch wird also – manche sagen vielleicht „endlich“ - teurer werden?
Umfragen zeigen uns, dass 80 Prozent der Menschen bereit sind, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn das den Tieren zugute kommt. Bei einem Gütesiegel, das für transparente und kontrollierte Haltungsbedingungen steht, wäre das der Fall. Wir dürfen Fleisch aber nicht zum Luxusgut machen, dass nur noch sonntags auf den Tisch kommt. Fleisch muss auch in Zukunft für jedermann bezahlbar bleiben.
Sie haben zu Beginn ihrer Amtszeit das Tierwohl zu Ihrer Priorität erklärt. Nun scheinen Sie immer noch im Forderungsmodus und noch nicht weit gekommen zu sein.
Da muss ich heftig widersprechen. Ich habe in dieser Legislaturperiode schon viel für das Tierwohl erreicht. Nehmen Sie die gerade in Kraft getretene Vereinbarung mit der Geflügelwirtschaft. Legehennen wird jetzt nicht mehr routinemäßig der Schnabel gekürzt, was für die Tiere mit Schmerzen verbunden war. Ich bin dabei, ein Prüf- uns Zulassungsverfahren für Stalleinrichtungen zu schaffen, mit dem systembedingte Tierschutzprobleme vermieden werden. Gesetzlich ebenfalls schon angestoßen ist ein Verbot, trächtige Tiere zur Schlachtung abzugeben.
Es werden aber noch Küken geschreddert. Ein Verbot in NRW wurde mit dem Hinweis aufgehoben, das Bundestierschutzgesetz gebe das nicht her. Wann ändern Sie es?
Die ethisch unerträgliche Schredderpraxis muss enden. Ich werde Sie aber nicht per Gesetz verbieten – weil ich ein Gegner von Scheinlösungen bin.
Wieso Scheinlösung?
Weil der Jurist in mir weiß, dass ein solches Verbot Klagen in Karlsruhe und vermutlich lange Übergangsfristen nach sich zöge. Selbst wenn es schneller ginge, würden im Augenblick des Inkrafttretens alle Brütereien in Deutschland sofort den Betrieb einstellen. Weil die deutschen Verbraucher aber weiter Eier essen wollen, kämen die Junghennen dann aus Ländern, in denen die Praxis des Kükentötens weiterläuft wie bisher. Genau das wäre eine Scheinlösung.

Keine dauerhafte Grundwasserbelastung akzeptieren

Normalerweise ruft man in solchen Fällen nach der EU, damit alle mitmachen.
Der stereotype Ruf nach Brüssel hilft in diesem Fall nicht. Mein Lösungsweg ist nachhaltiger und er kommt auch viel schneller: Ich habe in Millionenhöhe Forschungsprojekte gefördert, mit denen schon im Ei und lange vor dem Schlupf des Kükens erkannt werden kann, ob es sich um ein weibliches oder ein männliches Küken handelt. Im nächsten Jahr wird das Erstgerät hergestellt. Es gibt dann keinen vernünftigen Grund mehr, massenhaft männliche Küken zu töten und die Behörden der Länder können dann rechtssicher - und nicht mehr wie in NRW symbolisch - gegen diese Praxis vorgehen und sie unterbinden.
Die Massentierhaltung ist nicht nur oft qualvoll für Tiere, sondern auch schädlich für Mensch und Umwelt. Nehmen Sie die steigende Nitratbelastung durch die Gülle, weshalb die Brüsseler EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland angestrengt hat.
Wir können keine dauerhafte Grundwasserbelastung akzeptieren. Daran müssen wir – Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und ich – tatsächlich arbeiten. In meinen Verantwortungsbereich fällt dabei die Überarbeitung des Düngegesetzes. Es geht darum, dass wir nicht überdüngen, mithin also cleverer düngen: Das Nitrat soll an den Pflanzen hängen bleiben und nicht ins Grundwasser kommen.
Für den Menschen liegt eine weitere Gefahr in der zunehmenden Antibiotika-Resistenz. In beengten Verhältnissen breiten sich Tierkrankheiten aus, die mit Arznei bekämpft werden – je mehr der Mensch über seine Nahrung davon aufnimmt, umso weniger wirkt sie bei ihm selbst.
Die gute Nachricht ist: Unser Minimierungskonzept greift. Der Antibiotikaeinsatz ist bereits erfolgreich reduziert worden, was Mensch und Tier zugute kommt. Übrigens haben bessere Haltungsbedingungen einen großen Anteil daran, sonst käme man gar nicht mit weniger Medizin aus. Ich will aber noch weiter gehen: Die Verschreibungsregelungen für Antibiotika müssen restriktiver werden. Unter anderem will ich ein sogenanntes Antibiogramm vorschreiben. Dadurch wird geklärt, ob und welche Resistenzen bestehen und wie kranke Tiere mit möglichst geringem Risiko, weitere Resistenzen zu verursachen, behandelt werden können.
Sie sind also dabei, die Massentierhaltung wenigstens ein Stück weit erträglicher zu machen. Grundsätzlich infrage stellen wollen Sie diese Art der Lebensmittelproduktion aber nicht, oder?
Diese Unterscheidung ist mir zu oberflächlich, weil es eben nicht in erster Linie auf die Größe des Betriebs oder die Zahl der Tiere ankommt, sondern auf die sachkundige Haltung der Tiere. Was wir erreichen müssen, ist, dass die Haltungsbedingungen tiergerecht sind – und Ökonomie, Ökologie und der Tierschutz im Einklang stehen.
Der Export landwirtschaftlicher Produkte und speziell von Fleisch wird aber immer wichtiger in Deutschland. Muss die Bundesrepublik denn wirklich drittgrößter Agrarexporteur der Welt sein – zumal ja davon die Bauern am wenigsten profitieren?
Bei einem Exportumfang von 69 Milliarden Euro – mit den verarbeiteten Produkten sind es rund 100 Milliarden Euro – hängt davon schon auch unsere Rolle als Exportnation ab. Es geht dabei längst nicht nur um Fleisch, auch Milchprodukte, Babynahrung und andere qualitativ hochwertige Lebensmittel sind im Ausland – zum Beispiel China – sehr gefragt. Ich stehe zur exportorientierten Lebensmittelproduktion in Deutschland und werde die Wirtschaft mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln bei der Erschließung neuer Märkte unterstützen. Wir sollten nicht vergessen, dass der Export viele Jobs in der Landwirtschaft sichert und damit auch die Existenz vieler Familien auf dem Land.