Ai Weiwei bei Filmfestspielen in Venedig Grenzerfahrungen mit „Human Flow“

Von Gebhard Hölzl 

Bei den Filmfestspielen in Venedig hat der mittlerweile in Berlin lebende Ai Weiwei seine Flüchtlingsdokumentation „Human Flow“ vorgestellt – und sich den Vorwurf des „Elend-Hoppings“ eingehandelt.

Flüchtlinge in Afrika – Szene aus Ai Weiweis „Human Flow“ Foto: Verleih
Flüchtlinge in Afrika – Szene aus Ai Weiweis „Human Flow“ Foto: Verleih

Stuttgart - Blau und Rot sind die Farben derFestspiele von Venedig. Ein wenig Kosmetik – ums Geld für Renovierungen oder gar einen modernen Festivalpalast wird seit Jahren gestritten – hat man betrieben, um von den bröckelnden Fassaden der wuchtigen, in den dreißiger Jahren errichteten Gebäude abzulenken.

Den Vorplatz des Palazzo del Cinema hat man frisch geteert, die Platten vor dem Palazzo del Casinò neu verlegt. In der Area Gardino spenden Bäume Schatten, auf den Bänken zwischen den blühenden Oleanderbüschen lässt es sich gut ausruhen. Grellrot ins Auge sticht der Sala Giardino, ein fensterloser Kubus, der seit 2016 ein weiteres Kino beherbergt. Dunkelblau ragen drei Scheinwerfertürme vor dem Roten Teppich in den Himmel, in gleicher Farbe ist der Festivaltrailer gehalten, eine digital verfremdete Montage berühmter Filmszenen – darunter Chaplins „Der große Diktator“, Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ und Scorseses „Taxi Driver“, zu dem Paul Schrader einst im Drogenrausch das Drehbuch geschrieben hat.

Seit vierzig Jahren dreht der Ausnahmeregisseur Filme über isolierte Männer, die mit dem Leben und sich selbst im Konflikt liegen, und arbeitet sich dabei an seiner eigenen calvinistischen Erziehung ab: Als Sechzehnjähriger hat er sich erstmals heimlich ins Kino geschlichen. Ein Priester (Ethan Hawke), der im Irak gedient hat, steht nun im Mittelpunkt von „First Reformed“. Magenkrebs frisst den Gottesmann, der mit seinem Glauben hadert, innerlich auf, die Schmerzen betäubt er mit Whiskey. Endgültig in die Krise stürzt er, als eine tief religiöse Frau (Amanda Seyfried) sich um Hilfe an ihn wendet. Ihr Mann (Philip Ettinger), militanter Umweltschützer, will, dass sie ihr gemeinsames Kind abtreibt, weil er für dieses Kind keine Zukunft sieht.

B-Picture im A-Look

Der inzwischen siebzigjährige Schrader zeigt – nach eigenem Skript – was noch in ihm steckt. Ruhig in der Bildsprache huldigt er seinen Vorbildern Ozu und Robert Bresson, dessen „Tagebuch eines Landpfarrers“ er unverhohlen und klug zitiert – übertragen in die Zeit der globalen Erderwärmung. Über Moral und Sinn, über Sünde und Erlösung philosophiert er und zeigt dabei, dass das Richtige zu tun durchaus auch falsch sein kann. Ein stark erzählter, von Hawke vorzüglich getragener philosophischer Diskurs, der Geduld und Aufgeschlossenheit voraussetzt.

Als viel zugänglicher erweist sich das neue Projekt von Guillermo del Toro, der – vom Publikum frenetisch gefeiert – mit „The Shape of Water“ seinen gelungensten Film seit „Pans Labyrinth“ präsentiert. Ein „Märchen für schwierige Zeiten“ legt er vor, in der die Liebe letztendlich obsiegt. Zurück ins Amerika des Kalten Kriegs, ins Jahr 1963, geht es. Elisa (oscarverdächtig: Sally Hawkins), eine einsame, stumme junge Frau, arbeitet als Putzkraft in einem Hochsicherheitslabor der US-Streitkräfte. Dort entdeckt sie eine von einem sadistischen Offizier im Amazonas gefangene Kreatur, die dieser zu Forschungszwecken sezieren möchte. Von diesem Vorhaben abgestoßen, beschließt sie, das Amphibienwesen zu befreien: eine poetische Variante von „Die Schöne und das Biest“, eingebettet in einem liebevoll gestalteten Retrodesign, in warmen Farben fotografiert und erzählt im Stil der Melodramen eines Douglas Sirk. Geschickt zieht der mexikanische Filmemacher die Spannungsschraube an und findet nebenbei noch Zeit, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen: Kurzweil bei einem B-Picture im A-Look.

Abgemagerte Kuh vor brennendem Ölfeld

Heiß erwartet wurde, nicht nur aus deutscher Sicht, „Human Flow“, eine Art filmische Installation des inzwischen in Berlin lebenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Mit dem weltweiten Flüchtlingsproblem setzt er sich in seiner Dokumentation auseinander, 23 Länder hat er im Verlauf eines Jahres bereist, darunter Hot Spots wie Griechenland und Afghanistan, den Irak, Kenia und die Türkei. Mehr als 65 Millionen Menschen haben derzeit ihre Heimat verloren, durch Krieg, wirtschaftliche Not oder Klimakatastrophen. „Elend-Hopping“ wird dem mit 140 Minuten überlangen Dokumentarfilm nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, ziemlich konventionell ist er gestaltet. Unterschiedliche Experten kommen kurz zu Wort, auf Schrifttafeln sind Zeitungsschlagzeilen, Politikeräußerungen und Verse von Dichtern zu lesen.

Neues erfährt man zum Thema nicht, auch zahlreiche Aufnahmen – etwa die Berge benutzter Schwimmwesten oder das „Der Dschungel“ genannte Lager in Calais – sind bekannt. Stark wird der poetisch gestaltete Essay in der letzten halben Stunde. Faszinierende Bilder gibt es da zu sehen, etwa von einer abgemagerten Kuh, die durch die Gassen des zerstörten Mossul humpelt, während im Hintergrund von IS-Milizen angezündete Ölfelder brennen – da verzeiht man sogar, dass sich Ai Weiwei recht häufig etwas selbstgefällig vor die Kamera schmuggelt und einige Szenen ganz offensichtlich inszeniert hat.

Nahostkonflikt mit Faustschlägen

Ebenfalls im Hier und Heute verortet ist Zaid Doueiris „The Insult“. In Beirut geraten sich ein libanesischer Christ und ein palästinensischer Ingenieur wegen eines falsch verlegten Abwasserrohrs in die Haare. Der „Beleidigung“, so der Titel, folgt ein Faustschlag in den Bauch, die Streithähne treffen sich vor Gericht wieder. Eine einfache Geschichte über den endlos schwelenden Nahostkonflikt, differenziert, pointiert und realitätsnah vermittelt. Was man sonst abstrakt aus Nachrichten erfährt, wird hier anhand eines Einzelfalles hautnah erläutert. Die Männer, ausdrucksstark verkörpert von Adel Karam und Kamel El Basha, lassen die Muskeln spielen, die Frauen versuchen zu schlichten. Keiner will nachgeben, jeder sieht das Recht auf seiner Seite.

Will man bei dieser libanesisch-französischen Koproduktion eine Schwachstelle festmachen, sind es die überlangen juristischen Wortgefechte, denen man folgen muss. Entsprechend werden die Innenräume nur selten verlassen – wenn aber doch, weiß Doueiri seine Story perfekt zu illustrieren. Zeitgeschichte aufwühlend und verständlich auf den Punkt gebracht – ein Preis sollte dem Werk sicher sein.




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