Zig böse Kommentare prasselten auf ihn ein – von Menschen, die nicht merkten, dass es sich bei dem Kommentator nicht um den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz handelte, sondern um den Bürgermeister einer knapp 10 000 Einwohner großen Stadt im Kreis Esslingen: Aichtal.
Nachrichten erhalten, die für den anderen bestimmt waren
Der Bürgermeister Sebastian Kurz und der ehemalige Kanzler Sebastian Kurz tragen nicht nur den gleichen Namen, sondern sind auch derselbe Jahrgang: 1986. Beide haben früh begonnen, sich für Politik zu interessieren. Und sie haben auch beide ein Studium begonnen, dieses aber nicht abgeschlossen und dennoch hohe Posten erlangt.
Im Rathaus von Aichtal spielt Sebastian Kurz Sprachnachrichten ab, die ihm über Facebook geschickt wurden: Ein Mann aus Niederösterreich lädt ihn zu sich nach Hause ein, er wolle so gerne mal mit ihm einen Kaffee trinken und reden. Trotz mehrerer Beteuerungen des Bürgermeisters, dass er ihn verwechsele und dass er aus Stuttgart, nicht aus Wien komme, gibt der Mann nicht auf. „Das war der Hartnäckigste. Der wollte nicht glauben, dass ich der Falsche bin.“ Der Aichtaler Bürgermeister erhält im Schnitt fünf bis acht Nachrichten und Mails pro Woche von Menschen, die ihn verwechseln.
Die Karrieren der beiden „Bastis“ ähneln sich
Er bekommt aber auch Hass ab, der sich gegen den Namensvetter richtet. „Als die Coronabeschränkungen eingeführt wurden, war es schlimm.“ Auch als der Kanzler Ende 2021 zurücktrat, explodierte sein Postfach. Kürzlich erhielt er sogar eine Postkarte: Im November war der Ex-Kanzler Vater eines Sohnes geworden, dazu wollte ihn jemand beglückwünschen. Und offenbar hatte es den Verfasser nicht nachdenklich gemacht, dass der vermeintliche Österreicher in Neckartailfingen gemeldet ist. Die Versuche des Bürgermeisters, die Karte an den richtigen Empfänger weiterzuschicken, blieben bis heute erfolglos.
Name, Jahrgang, Politikerkarriere: Die beiden „Bastis“ ähneln sich in so manchem Punkt. Der schwäbische Sebastian Kurz wurde im Februar 1986 in Filderstadt geboren und wuchs in Nürtingen auf. Mit 25 kandidierte er erstmals für ein politisches Amt; bei der Wahl des Nürtinger Bürgermeisters 2011. Er erhielt 25 Prozent der Stimmen, für den Sieg reichte das nicht. Ein Jahr später bewarb er sich in Aichtal als Bürgermeister, auch dort klappte es nicht.
Vorerst blieb er also Notfallsanitäter bei Daimler. Parallel dazu fing er ein berufsbegleitendes BWL-Studium an, schmiss aber vor dem Abschluss hin. Bis November 2020 blieb er bei dem Autobauer – dann wurde in Aichtal erneut der Bürgermeister gewählt. Diesmal setzte sich Kurz mit 53,5 Prozent gegen den Amtsinhaber Lorenz Kruß durch.
Österreichs Kurz hat sich völlig zurückgezogen
Auch der ehemalige Bundeskanzler von Österreich hat keinen Uniabschluss. Er studierte Jura in Wien, doch bevor das Staatsexamen anstand, wurde er Berufspolitiker. Er fing für die Österreichische Volkspartei im Wiener Gemeinderat an, kam in den Landtag, wurde Obmann der Jungen Volkspartei, Staatssekretär im Innenministerium, schließlich Außenminister mit 27 Jahren – und dann mit 31 Jahren Bundeskanzler.
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Anderthalb Jahre blieb er im Amt – bis im Mai 2019 die Koalition mit der FPÖ nach der Ibiza-Affäre zerfiel. Bei der Nationalratswahl im September 2019 gewann seine ÖVP erneut, Kurz regierte nun mit den Grünen. Im Mai 2021 nahm die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Kurz auf, es ging um Falschaussagen vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss. Im Oktober 2021 wurde die ÖVP-Zentrale durchsucht, Kurz trat als Kanzler zurück. Im Dezember 2021 zog er sich von allen politischen Ämtern zurück.
Aichtaler Bürgermeister trat einst für Alfa an
Ganz so aufregend war es für den schwäbischen Sebastian Kurz nicht, doch auch er hatte eine dunkle Phase. Nachdem er mit Anfang 20 in die Junge Union und die CDU eingetreten war, verließ er diese 2013 wieder, „ich war mit einigen Entscheidungen auf bundespolitischer Ebene nicht einverstanden“. Bei der Landtagswahl 2016 kandidierte er für die Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa), gegründet und damals geführt von dem Ex-AfD-Politiker Bernd Lucke. „Ich sah Alfa als Interessensvertretung für Mitglieder aus der FDP und der CDU aus der Mitte der Bevölkerung“, rechtfertigt Kurz sich heute. „Ich habe aber gemerkt, dass das in eine falsche Richtung ging, und habe die Partei direkt nach der Landtagswahl verlassen.“ Von der AfD distanziere er sich, er sei ein „offener, liberaler Mensch“. Dennoch hing ihm diese Episode lange nach. Während seines Wahlkampfs in Aichtal wurde Kurz immer wieder darauf angesprochen. Und wer „Sebastian Kurz Aichtal“ in Google eingibt, erhält als ersten Vorschlag „AfD“. Heute ist Kurz in keiner Partei Mitglied.
Träumt der Bürgermeister davon, auch eines Tages Bundeskanzler zu werden? Sebastian Kurz verneint. „Man kann in keinem Amt so viel gestalten und umsetzen wie als Bürgermeister“, sagt er. „Außerdem habe ich durch die vielen versehentlich bei mir gelandeten Nachrichten ja mitbekommen, was man da alles mitmachen muss“, sagt er.
Bundeskanzler will der Bürgermeister nicht sein
In Österreich macht der schwäbische Sebastian Kurz gerne Urlaub. Skurrile Episoden inklusive. So wollte er einmal Ferien auf dem Bauernhof buchen. Dort dachte man, es handele sich um den anderen – und entschuldigte sich wortreich, dass man dem vermeintlichen Kanzler kein Zimmer anbieten könne: alles ausgebucht. Ein anderes Mal dachte ein Kellner auf einer Alm, dass er ihn veräppele, als er den Name in ein Corona-Datenformular schrieb. „Auch wenn ich Ausweis oder Impfnachweis zeigen muss, reagieren die Leute sofort.“ Und wenn er dann noch Maske trage, schauten manche ganz genau hin.
Der Ministerialdirektor wurde nervös
Die amüsanteste Verwechslung geschah im Februar 2021. Damals sammelte die Feuerwehr Aichtal mit anderen Feuerwehren aus dem Kreis Esslingen Materialspenden für das kroatische Glina, welches zuvor von einem Erdbeben heimgesucht worden war. Einen Tag bevor sich die 60 Feuerwehrleute mit 23 Fahrzeugen auf den Weg nach Kroatien machen wollten, fiel Kurz siedend heiß ein, dass er vergessen hatte, sich um die Maut für Österreich zu kümmern. „Ich rief also abends beim Bundesinnenministerium an – und wurde sofort mit dem Ministerialdirektor verbunden, der hörbar nervös wurde.“
Das Ende der Geschichte: Die Maut für den Hilfskonvoi wurde ihnen von oberster Stelle in Österreich erlassen.
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