Aidlingen Auge in Auge mit Kuh und Gans

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Beim Lernort Bauernhof können Schüler Landwirtschaft erleben. Seit zehn Jahren gibt es das Projekt. Seither haben rund 6000 Kinder daran teilgenommen. Der Aidlinger Landwirt Thomas Rott hat häufig Besuch.

Die Kinder lernen auf dem Hof von Thomas Rott, dass sich Schweine „voll rau“ anfühlen und Kühe im Oberkiefer nur eine Knorpelleiste haben. Foto: factum/Weise
Die Kinder lernen auf dem Hof von Thomas Rott, dass sich Schweine „voll rau“ anfühlen und Kühe im Oberkiefer nur eine Knorpelleiste haben. Foto: factum/Weise

Aidlingen - Harun schleppt einen Eimer voll Getreide in das Gänsegehege und schüttet ihn in einen der Tröge. Gleich danach zieht der Siebenjährige zusammen mit einem Klassenkameraden erneut los, um noch mehr Futter für das Geflügel heranzuschaffen – unbeeindruckt von der schnatternden Gänseschar mit mehreren hundert Tieren sowie ihren Hinterlassenschaften, durch die er unweigerlich gehen muss. Viele seiner Mitschüler indes bleiben lieber in respektvollem Abstand zu dem Federvieh oder treten mit zugehaltener Nase und der Bemerkung „Bäh, das stinkt“ schnell wieder den Rückzug an.

Viele der Kinder sind das erste Mal auf einem Bauernhof

Die meisten der rund 20 Erstklässler der Körschtalschule in Stuttgart-Plieningen waren vor dem Ausflug zu dem Aidlinger Landwirt Thomas Rott und seinen Tieren noch nie auf einem Bauernhof oder kennen so etwas nur aus einem Urlaub im Schwarzwald. „Viele der Kinder haben vorher noch nie ein Kalb oder eine Kuh gesehen“, sagt ihre Klassenlehrerin Sonja Koch und gesteht, dass auch sie noch etwas gelernt hat. Beispielsweise, dass eine Kuh im Oberkiefer statt Eck- und Schneidezähne eine Knorpelleiste hat. Für Staunen unter den Bauernhofbesuchern hat zudem gesorgt, dass Kühe nicht einfach immer Milch geben, sondern nur wenn sie zuvor Nachwuchs bekommen haben, und dass Milch eigentlich die Nahrung neugeborener Kälber ist – Grundwissen, das offensichtlich nicht mehr ohne Weiteres vorausgesetzt werden kann.

Dies hat auch der Kreisbauernverband Böblingen festgestellt. „Immer weniger Kinder haben die Möglichkeit, Landwirtschaft zu erleben und so Erfahrungen damit zu sammeln“, sagt Heike Eisenmenger, die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands. Um Kindern, aber auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen landwirtschaftliche Themen und Zusammenhänge näherzubringen, habe man daher den Verein Lernort Bauernhof im Heckengäu vor zehn Jahren gegründet.

Landwirte erhalten pädagogische Schulung

Seither sei nicht nur die Anzahl der Betriebe, die sich daran beteiligen, gestiegen – momentan machen 17 Bauern in der Region zwischen Leonberg, Böblingen, Calw und Altensteig mit –, sondern vor allem auch die Anzahl der Schulklassen, berichtet Eisenmenger, die Vorsitzende des Vereins. Rund 6000 Schüler haben bisher im Rahmen des Projekts Höfe besucht, also mehr als 300 Klassen. Allein Thomas Rott bekommt inzwischen bis zu 20 Mal im Jahr von Schülern Besuch. Wie seine Kollegen wurde der Landwirt vom Verein dafür extra pädagogisch geschult.

Dabei geht es beim Lernort Bauernhof nicht allein darum, den Schülern bloßes Wissen zu vermitteln. Vielmehr können sie eigene Erfahrungen sammeln, indem sie bei der Arbeit mithelfen dürfen. Auf Thomas Rotts Hof haben die Plieninger Erstklässler dafür reichlich Raum. Denn er hat seinen Betrieb nicht wie viele Kollegen spezialisiert, sondern setzt auf Direktvermarktung und ein dementsprechend breites Angebot landwirtschaftlicher Produkte, die er Kunden in seinem Hofladen anbietet. So tummeln sich nicht nur Gänse auf den Weiden, sondern auch Ziegen und Schafe. Die Stallungen bevölkern neben Rindern auch Hühner. Zusammen mit den Katzen, die um die Gebäude streichen, und dem Hofhund vermittelt Rotts Betrieb den Eindruck eines Bilderbuchbauernhofs.

Entsprechend viel gibt es für die Schüler aus der Stadt zu erleben – zum Beispiel wie sich Schweine anfühlen. „Die sind voll rau“, berichten Ole und Isabell mit leuchtenden Augen von ihrer Entdeckung. „Kühe fühlen sich ein bisschen weich und hart zugleich an, und Kälbchen sind noch weicher.“ Thomas Rott indes wichtig, den Kindern vor allem eines mitzugeben: die Wertschätzung von Lebensmitteln. „Wer weiß, wo Nahrungsmittel herkommen, wie sie produziert werden und wie viel Arbeit dahinter steckt, der lernt auch, dass man sie nicht einfach wie Sachen wegwerfen kann.“