Während vieles immer schneller, digitaler und künstlicher wird, setzt Miriam Zatti-Herold bewusst auf das Gegenteil: Papier statt Bildschirm, Pinsel statt Maus, Begegnung statt Webinar. „Ich möchte einen Gegenpol schaffen“, sagt die 46-Jährige aus Aidlingen. Einen Raum ohne Handy, ohne Laptop – dafür mit Stift in der Hand und Zeit zum Durchatmen.
Dass sie heute Kreativ-Workshops sowie Trainings für Teamentwicklung, Kommunikation und Stressbewältigung gibt, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines tiefen Einschnitts. 23 Jahre lang arbeitete die gebürtige Grafenauerin bei Mercedes in Sindelfingen. Sie war karrieremäßig weit oben, ständig präsent, trug Verantwortung – parallel zu ihrem Familienleben mit zwei kleinen Kindern. Der Druck war hoch – die Erwartungshaltung ebenfalls. 2016 folgte der Zusammenbruch: ein schweres Burnout, Panikattacken, völlige Erschöpfung. „Es ging einfach nichts mehr“, sagt sie rückblickend. Als sich die Unternehmensstrukturen und strategischen Entwicklungen in eine Richtung bewegten, die sie innerlich nicht mehr mittragen konnte, wuchs der Konflikt. Schließlich kündigte sie. Das war vor drei Jahren. Einige Zeit vor ihrer Kündigung suchte sie bereits nach einem Ausgleich. Kreativität lag ihr schon immer im Blut. „Schon im Kindergarten war ich immer bei den Farben und Stiften zu finden“, erzählt sie. 2020 gründete sie nebenberuflich ihr Kleinunternehmen „Die Schnörkelei“ und startete mit ersten Handlettering-Workshops im Hobbyraum ihres Hauses. Nach der Pandemie verlagerten sich die Kurse in Cafés in der Umgebung. In ihren Workshops sitzen heute Menschen aller Altersgruppen, rund 95 Prozent sind Frauen. Handlettering habe nichts mit einer schönen Handschrift zu tun. „Es handelt sich dabei um das Zeichnen von Buchstaben“, sagt sie. Man könne eine Sauklaue haben und trotzdem schöne Ergebnisse erzielen.
Kreativität als Entlastung für das Gehirn
Wichtiger als das Ergebnis ist jedoch der Entstehungsprozess. Aus ihrer früheren Tätigkeit weiß sie, wie sehr kreative Tätigkeiten bestimmte Hirnareale aktivieren. „Das Gedankenkarussell wird leiser“, sagt sie. Gerade in Zeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz sieht sie darin eine wichtige Erfahrung. Zatti-Herold ist kein Fan von KI. Ihre Sorge: dass Menschen zunehmend geistige Prozesse auslagern und eigene Fähigkeiten verkümmern. Ihre Workshops sollen deshalb ein bewusster Gegenpol sein – hin zum Selbermachen, zur Entschleunigung, zur analogen Erfahrung.
Das Burnout hat sie nicht nur ausgebremst, sondern auch zu einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst geführt. Miriam Zatti-Herold ist hochsensibel. Früher habe sie sich manchmal wie ein Alien auf einem falschen Planeten gefühlt, erzählt sie. Heute weiß sie: Hochsensibilität ist nichts Ungewöhnliches – und kann eine besondere Stärke sein. „Ich habe gelernt, dass meine Energie begrenzt ist“, sagt die 46-Jährige. Resilienz sei wichtig: Man müsse lernen, in stürmischen Zeiten gut mit sich selbst umzugehen. Mit Unterstützung ihrer Familie – ihrem Mann und ihren zwei Kindern – fand sie Schritt für Schritt zurück in ihre Kraft. Die Kreativität wurde dabei zu einer zentralen Ressource. „Ein Burnout führt einen zurück zu der Person, die man eigentlich ist“, sagt sie heute.
Hochsensibilität als Stärke
Neben den Kunstworkshops arbeitet Zatti-Herold unter dem Namen „Die Rauszeit“ als Trainerin für Teamentwicklung, Konfliktlösung und Stressbewältigung in Firmen, Kommunen und Kindergärten. Der Coaching-Markt sei gesättigt und die wirtschaftliche Lage angespannt, räumt sie ein. Umso wichtiger sei eine nachhaltige Begleitung. Sie arbeitet mit den Teams über längere Zeiträume hinweg, analysiert Dynamiken, unterstützt bei Konflikten und Veränderungsprozessen. Ihre Hochsensibilität hilft ihr dabei. „Ich habe ein gutes Gespür für Stimmungen“, sagt sie. Sie nehme schnell wahr, wo Spannungen liegen und was unausgesprochen im Raum steht.
Ihr Wunsch für die Zukunft ist klar: viele Aufträge, viele Begegnungen, viele Menschen, die sie auf ihrem Weg begleiten darf. Am Ende geht es ihr um mehr als schöne Kunstwerke oder funktionierende Teams. Es geht um echte Begegnung, Selbstwahrnehmung – und um die Erlaubnis, wieder etwas selbst zu gestalten. Mit einem Stift in der Hand. Ohne Bildschirm. Und mit dem Mut, den eigenen Weg neu zu zeichnen.