Frau Freitag, Sie legen da ja einen veritablen Branchenwechsel hin.
Branchenwechsel ja, aber beide Unternehmen kümmern sich um Infrastruktur. Und es geht in beiden Fällen um große Investitionen in die Zukunft. Auch darum, Akzeptanz und Unterstützung für diese Infrastruktur zu schaffen. Sowohl Flughäfen als auch Netzbetreiber sind für unsere Gesellschaft und auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland essenziell. Und für beide werden die Herausforderungen größer, da Deutschland ja bis 2045 klimaneutral sein will.
Sie betrachten beide Unternehmen als Vorreiter der Ökologie?
Wir haben an unserem Landesflughafen mit dem Fairport-Konzept mit Erfolg eine sehr nachhaltige Strategie verfolgt und werden das auch mit Nachdruck weiterverfolgen. Und Tennet treibt ebenfalls mit großer Vehemenz in Deutschland und den Niederlanden die Energiewende voran.
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Und die Energiewende ist Ihnen wirklich wichtig?
Ich betrachte das Thema Nachhaltigkeit in der Infrastruktur für mich als roten Faden in meinem Lebenslauf. Und natürlich auch das Kümmern um die Finanzen, denn ohne geordnete Finanzen ist alles nichts. Es ist wichtig, beim Eigentümer Vertrauen in eine nachhaltige Finanzierung zu schaffen und es zu wahren.
Warum machen Sie das lieber bei Tennet?
Beim Flughafen steht man vor großen Investitionen in die Terminalstruktur, Tennet steht ebenfalls vor gigantischen Investitionen in die Netzinfrastruktur. Die finanziellen Themen sind ähnlich, aber die Beträge nun deutlich höher.
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Tennet will große Mengen von Windkraftstrom aus der Nordsee auf den Weg nach ganz Deutschland bringen. Das wird viel Geld kosten. Geld, das Sie beschaffen müssen?
Meine Aufgabe als Kaufmännische Geschäftsführerin ist unter anderem, bei Tennet auf der finanziellen Ebene die Energiewende zu gestalten. Das Unternehmen betreibt die großen Übertragungsnetze von Nord nach Süd, es geht um die Verbindung zwischen der Nordsee mit ihrem großen Potenzial bei der Offshore-Stromerzeugung und den südlicheren Industriezentren. Da sind große Investitionen vonnöten. Ich kümmere mich auch um die Refinanzierung.
Das ist ein Jonglieren mit vielen Millionen Euro, wenn nicht Milliardenbeträgen. Wie viel Respekt haben Sie davor?
Ich habe langjährige Erfahrung im Finanzbereich und auch Erfahrung mit der Refinanzierung von Investitionen in große Infrastruktur. Ich kenne hier und anderswo anspruchsvolle, gut informierte Interessensgruppen, mit denen man gemeinsam eine Basis für Entscheidungen finden muss. Also, ich habe keine Angst, aber schon Respekt vor der Aufgabe.
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Sie wechseln in eine höhere Liga?
Das kann man wohl so sagen. Aber für mich ist das einfach der nächste folgerichtige Schritt, um das Thema nachhaltige Infrastruktur vorantreiben zu können.
Im Fußballgeschäft mischen Spielerberater mit. Sie sind vermutlich von einem Headhunter, also einem Personalberater im Auftrag von Tennet, angesprochen worden?
Tatsächlich wurde ich gefragt, ob ich mir die Aufgabe vorstellen könnte. Denn es gab wichtige Anknüpfungspunkte, etwa meine Erfahrungen mit Umsatzthemen in preisregulierten Wirtschaftssektoren. Ich kümmerte mich am Flughafen um die regulierten Entgelte, also die Gebühren für die Airlines. Und zuvor hatte ich bei der Bahn das Thema Trassenpreisentgelte mitgemanagt.
Ihre Verweildauer am Flughafen blieb überschaubar. Im Rückblick nur Zeitverschwendung?
Nein, den Landesflughafen zu führen war für mich nicht nur eine berufliche Aufgabe, sondern auch Herzensangelegenheit. Für mich war das alles in allem eine gute Zeit. Wir haben in den vergangenen vier Jahren gemeinsam viel bewegt, besonders im Rekordjahr 2019. Dann kam die Teilerneuerung der Runway, und wir bemühten uns auch nach Kräften um die Produktion nachhaltiger Kraftstoffe hier im Bundesland. Und die starke Fokussierung auf die Passagiere als Kunden, damit sie gern zum Flughafen kommen und hier digitalisierte Prozesse vorfinden, das habe ich mit großem Engagement und gern betrieben und mit einer tollen Unterstützung von vielen Kolleginnen und Kollegen.
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Dann kam natürlich auch Corona. Der Flughafen wurde zurückgeworfen. Manche meinen sogar, er sei dadurch in der Konkurrenz mit den Nachbarflughäfen in die Bedeutungslosigkeit gestürzt.
Die vierte Welle der Pandemie ist jetzt wirklich noch einmal eine schwierige Zeit. Wir hatten vor Weihnachten etwas mehr Passagiere als im Vorjahr, aber wir hatten für dieses Jahr mit deutlich mehr geplant. Bisher kamen wir aber gut durch die Krise. Das liegt an unserem Fokus auf die Beschäftigungssicherung. Trotz wenigen Passagieren gibt es morgens große Verkehrsspitzen. Diese sind sogar ausgeprägter als im Rekordjahr 2019. Umso wichtiger, dass wir darauf setzten, unsere qualifizierten und motivierten Beschäftigten an Bord zu halten – und dass der Aufsichtsrat diese Strategie so klar unterstützte.
Welche Zukunft sehen Sie für den Flughafen?
Der STR wird seine gute Position unter den deutschen Flughäfen verteidigen und auch im Europaverkehr wieder eine führende Rolle einnehmen können. Er ist gut gelegen, und durch Stuttgart 21 und die intermodulare Verkehrsdrehscheibe wird er einen Schub bekommen. Er ist operativ sehr, sehr stark und hat sehr gute Pünktlichkeitswerte. Die Airlines treffen hier auf einen nach wie vor starken Markt. Und in der Zukunftsfrage der Transformation zum klimaneutralen Fliegen und zur Defossilisierung des Treibstoffes ist er top aufgestellt. Die Passagiere kommen auch gern zu diesem Flughafen der kurzen Wege, auch wenn es eine Zeit lang dauern wird, die Businesspassagiere zurückzugewinnen.
Und wo wird man Sie künftig finden? In der Tennet-Zentrale in Arnheim in den Niederlanden oder in Bayreuth, dem deutschen Standort?
An beiden Standorten – genauso wie in unseren Repräsentanzen Berlin und Brüssel. Mein Wohnort bleibt hier. Stuttgart ist eine gute Drehscheibe, sehr gut angebunden zu vielen Zielen, zu denen ich in Zukunft reisen muss. Vornehmlich werde ich also eine gute Kundin des STR sein.
Arina Freitag
Ausbildung
1990 legt Arina Freitag (Geburtsjahrgang 1971) in Frankfurt am Main das Abitur ab. 1990 bis 1997 studiert sie in North Dakota (USA) und Mainz Business Administration und Volkswirtschaftslehre. Im Anschluss Promotion in Mainz.
Karriere
1998 wird sie bei der Bank of Tokyo-Mitsubishi als Economist tätig. 2001
startet sie beim Flughafen Frankfurt/Main als Leiterin der Finanzkommunikation. Danach verschiedene Managementpositionen: von 2009 an Projektleitung Operational Excellence und Head of Airport Charges, von 2011 an Senior Vice President Commercial Affairs – Aviation. 2015 wechselt sie als Senior Vice President Marketing und Vertrieb zur DB Netz AG. Von 1. September 2017 an ist sie Geschäftsführerin der Flughafen Stuttgart GmbH, zuständig für den Bereich Aviation und damit für den Luftverkehr, das Controlling und die Finanzen des Airports.