Akademie Schloss Solitude Wenn Künstler einsam sind

Christ Mukenge und Lydia Schellhammer wohnen und arbeiten gemeinsam an der Akademie Schloss Solitude. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Wie lebt es sich während einer Pandemie auf einem abgelegenen Schloss? Drei Künstlerinnen und Künstler der Akademie Schloss Solitude geben Einblicke in ihren Alltag.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

Stuttgart - „Aus dem Kongo sind wir Schlimmeres gewohnt“, sagt Lydia Schellhammer während sie durch das Treppenhaus zu ihrem Studio geht. „Hier gibt es fließendes Wasser, Strom und eine gute Internetverbindung – was will man mehr?“

 

Ein bisschen mehr Geselligkeit. Das wünschen sich die rund 25 Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude sicherlich. Denn aufgrund von Corona ist es in dem auf einem lang gezogenen Hügel zwischen Leonberg, Gerlingen und den Stuttgarter Stadtbezirken Weilimdorf und Botnang gelegenen Schlossgebäude auffällig still.

„Hier ist es immer so leise“, sagt Schellhammer, die in Radolfzell geboren ist, mit ihrem Partner Christ Mukenge seit fünf Jahren in der Stadt Kinshasa im Westen der Demokratischen Republik Kongo lebt und im November 2020 für ihr Stipendium nach Stuttgart kam. Schellhammer öffnet die Türe zu ihrer Wohnung – hier Studio genannt – und tritt ein. Die kleine Küchenzeile zu ihrer Linken nutzt sie häufig, da die Cafeteria pandemiebedingt geschlossen ist. Die Akademie-Küche hat zwar mittags offen, das Essen muss aber abgeholt und dann in der eigenen Wohnung verspeist werden.

“Wir können mit Krisen umgehen.“

Der große helle Raum zu Schellhammers Rechten dient ihr und ihrem Partner als Atelier. Auf dem Boden überlappen sich bunte Gemälde aus Acryl und Kreide, Farbflaschen und Pinsel liegen herum. Als sich das kongolesisch-deutsche Duo auf das Künstler-Stipendium beworben hatte, wussten die 28- und der 33-Jährige nicht, dass eine Pandemie bevor steht. „Die Coronazeit ist hart“, sagt Christ Mukenge, der gehofft hatte, in Stuttgart seine Bilder in Galerien ausstellen zu können. Doch in Lockdown-Zeiten mussten Museen und Galerien schließen. Stattdessen erwartete die Neuankömmlinge eine zweiwöchige Quarantäne in der neuen Wohnung. Nahrungsmittel wurden ihnen vor die Wohnungstür gestellt. „Ja, die Regeln hier sind streng“, bestätigt Mukenge. „Aber ich finde es wichtig, dass wir sie einhalten.“

Und die beiden sind aus ihrem Heimatland einiges gewohnt. Behaupten von sich, mit Krisen umgehen zu können und versuchen deshalb, das beste aus der Corona-Situation zu machen. Sie experimentieren viel. Nutzen den akademie-eigenen Raum für virtuelle Realität und entwickeln eine eigene Technik für dreidimensionale Malerei.

Auf eine Cola an den Tempel

„Wir arbeiten sehr viel“, sagt Schellhammer und wirkt dabei erschöpft. Außer langen Spaziergängen im umliegenden Grün fehlen ihr Alternativen zum Arbeiten. Denn es dürfen sich immer nur zwei Haushalte treffen, die Gemeinschaftsräume sind alle gesperrt und Besprechungen und Projekte finden online statt. Auch die Inspirationen von außen fehlen. Denn die Künstler können auch selbst keine Ausstellungen und Veranstaltungen besuchen.

Für die wenigen Pausen, die sie sich gönnen, gibt es den sogenannten Tempel. Dieses hölzerne Gebäude hinter dem Schloss wurde 1998 von dem Zimmermann Masao Sato in Kalifornien erbaut – dann stürzte ein Baum um und zerstörte das Bauwerk. 2016 baute Maso den Tempel gemeinsam mit dem israelischen Künstler und ehemaligen Stipendiat der Akademie Schloss Solitude, Ariel Schlesinger, rund herum um die Linde im Schlosshof wieder auf.

Mit Frau und Kind ins Schloss

Mukenge und Schellhammer holen sich eine Cola aus dem Kühlschrank im Untergeschoss, hier ist die Cafeteria. Es ist inzwischen Nachmittag. Zeit für eine Pause. Da die Tische in der Cafeteria immer noch gesperrt sind, setzten sich die beiden trotz Nieselregen an den Tempel. Sie bleiben nicht lange alleine. Sebastian Klawiter gesellt sich dazu. Der gelernte Schreiner arbeitet gerade an einem Modell für sein nächstes Projekt. „Ich beschäftige mich mit der Frage: Ist der Außenraum der Innenraum der Stadt?“ Wenn Corona es wieder zulässt, möchte er alte Kunststücke in Stuttgart freilegen und dabei Bürgerinnen und Bürger als Laien-Archäologen miteinbeziehen. Zuvor baute er unter anderem mit dem gemeinnützigen Verein „Stadtlücken“ den Österreichischen Platz um.

Die drei Stipendiaten tauschen sich kurz über den Stand ihrer Projekte aus. „Und, wie läuft es bei euch?“, fragt Klawiter. Nachdem die Zigaretten aufgeraucht und die Colas leer getrunken sind, geht es für Christ Mukenge und Lydia Schellhammer wieder an die Arbeit. Sebastian Klawiter ist für heute fertig. Seine Frau und er teilen sich die Kinderbetreuung auf und arbeiten beide aus dem Homeoffice, das heißt aus dem Schloss. „Klar ist Corona blöd, aber es ist toll, dass meine Frau und meine Tochter mit mir hier im Schloss wohnen können“, sagt der gelernte Schreiner, der vom Angebot der Akademie begeistert ist, dass auch die Familie mit einziehen darf. Ihre Wohnung in der Stadtmitte haben sie für die Dauer des Stipendiums vermietet. „Und so viel Schlittenfahren wie dieses Jahr waren wir noch nie. Die Piste ist ja jetzt direkt vor unserer Haustüre und wir hatten die letzten Monat mehr Zeit für die Familie als sonst. Da hat Corona auch seine positiven Seiten.“

Info

Die Akademie Schloss Solitude ist eine internationale Residenz, die Künstler und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen sowie Kulturschaffende durch Wohn- und Arbeitsstipendien fördert. Die Akademie wurde 1990 gegründet und wird vom Land Baden-Württemberg finanziert.

Noch bis zum 25. April 2021 ist die Akademie Schloss Solitude zu Gast im Kunstmuseum Stuttgart. In der Ausstellung „Beyond Walls – Über Grenzen hinaus“ sind Werke von aktuellen und früheren Stipendiaten zu sehen, die sich mit nationalen, kulturellen oder sprachlichen Grenzen beschäftigen. Die Ausstellung ist Teil des Jubiläumsprogramms zum 30-jährigen Bestehen der Akademie.

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