Polizei und Stadt glauben es selbst kaum: Der Ludwigsburger Akademiehof, der durch Krawalle, Müll und Wildpinklerei Schlagzeilen machte, hat eine erstaunliche Imagewandlung erfahren. Woran liegt das?

Ludwigsburg: Susanne Mathes (mat)

Eine Oase der Glückseligkeit wird der Akademiehof zwar nie sein“, sagt Guido Passaro, Leiter des Ludwigsburger Polizeireviers, trotzdem ist er von der Entwicklung in diesem Sommer positiv überrascht: Das Konzept, den 2021 wegen Krawallen und Vermüllung in Verruf geratenen Platz mit einem Programm zu bespielen, ihn mit Toilettencontainern auszustatten und mittels einer mobilen Bar einer gewissen sozialen Kontrolle zu unterwerfen, ist aufgegangen. Passaro, der in der Sitzung des Umwelt- und Mobilitätsausschusses einräumt: „Ich wollte zunächst nicht zu euphorisch sein“, sagt Stand jetzt: „Das Konzept ist eine nachhaltige Sache. Die Heterogenisierung des Publikums scheint zu greifen.“

Der großräumige, hochwertig gestaltete Platz bei Ludwigsburgs künstlerischen Hochschulen war 2021 zum Problem-Hotspot mutiert: Hunderte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen feierten dort – wohl auch eine Nachwirkung der Corona-Lockdowns – teils so exzessiv, dass Anwohner, Akademien und die angrenzenden Hotel- und Gastrobetriebe Alarm schlugen. Teils aggressive Konflikte mit Verletzten, verpinkelte Wände und Ecken voller Erbrochenem, laute Musik, Krakeelereien und Berge von Müll brachten sie zur Verzweiflung. Der Hotelier Harald Kilgus schloss wochenends sogar sein Campus Zwei. Oberbürgermeister Matthias Knecht erklärte den Platz zur Chefsache, ein Arbeitskreis „Sicherer Akademiehof“ gründete sich und hirnte, wie gegengesteuert werden könnte.

Die Flutlichtanlage musste kein einziges Mal eingesetzt werden

Wie gut das, was sich die Beteiligten ausdachten, klappt, überraschte Verwaltung und Polizei selbst. „Das Publikum hat sich verändert. Es ist ein Stück weit ein Platz für alle geworden“, stellt Heinz Mayer, Chef des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung, fest. Die Polizei registrierte im Vergleich zu den Vorjahren deutlich weniger Straftaten und Ordnungsstörungen. „Einsätze hatten wir im September gerade einmal vier“, berichtet Guido Passaro. „Die hatten aber nicht originär mit dem Akademiehof zu tun, sie hätten auch überall sonst sein können.“ Die eigens installierte Flutlichtanlage, die über die Leitwarte der Stadtwerke gesteuert wird und den Platz binnen Sekunden ausleuchten kann, musste bisher sogar noch nie eingesetzt werden. „Natürlich“, so Passaro, „sind wir präsent und gehen in Absprache mit dem Kommunalen Ordnungsdienst Streife. Bei Bedarf hätten wir auch kräftemäßig nachgesteuert. Das mussten wir aber kein einziges Mal.“

Gut angekommen sind die Mitternachtskino-Aktionen der Filmakademie, bei denen es sich die Zuschauer mit Sitzkissen und Decken gemütlich machen und Produktionen der Akademie anschauen konnten. Überhaupt hebt Passaro explizit den Einsatz der Akademien für die Bespielung „ihres Platzes“ hervor: „Sie sind sehr interessiert und engagiert“, betont der Polizeichef. „Das Zusammenspiel von verschiedenen Playern ist toll. Nur so geht es in einer Kommune. So etwas kann eine Stadtverwaltung oder eine Polizei nicht alleine richten, das braucht den gesamtgesellschaftlichen Einsatz.“

Die soziale Kontrolle hat funktioniert

Eine Erfolgsgarant für die Trendwende ist – neben dem WC-Wagen, seit dessen Aufstellung das Wildpinkeln spürbar nachgelassen hat – offenbar auch Thilda geworden: In der rollenden Bar, die von der Kneipe Flint in Kooperation mit der Studentenschaft der Akademien betrieben wird, gehen mittwochs bis samstags nicht nur Getränke über den Tresen: „Das Personal hat auch ein sehr gutes Gespür dafür, wenn sich an der Stimmung etwas ändert oder komische Leute auftauchen“, sagt Heinz Mayer.

Dafür habe man auch das Dilemma in Kauf genommen, dass Thilda länger draußen ausschenken dürfe als andere Gastrobetriebe. „Das Problem ist: Zwischen 23 Uhr und 1 Uhr wechselt das Publikum, die Jüngeren gehen, andere kommen“, sagt Heinz Mayer. „Wenn die Bar um Mitternacht zumacht, ist es vielleicht zu früh. Dann tauchen womöglich die Leute auf, die wir nicht wollen.“ Das Thema Außenbewirtschaftungszeiten habe die Verantwortlichen „extrem beschäftigt“, aber man habe die lange Öffnungszeit angesichts der besonderen Situation testen wollen.

„Wir haben die Kurve gekriegt“

Im nächsten Jahr soll es wiederum eine moderate Bespielung des Platzes durch ein Programm geben – nicht zu viel und nicht zu wenig, er soll weiterhin in erster Linie ein zwangloser Treffpunkt für alle sein. Angedacht sind bisher zwei Mitternachtskinos, drei Programmpunkte der mobilen Jugendarbeit und ein Abend von der Akademie der Darstellenden Künste. So habe man für jeden warmen Monat „mindestens schon eine Veranstaltung“, sagt Heinz Mayer.

Bei den Stadträten ist die Erleichterung zu spüren. „Wir haben die Kurve gekriegt. Das ist deutlich besser, als den Platz zu sperren. Irgendwo müssen die Jugendlichen ja hin“, kommentiert etwa CDU-Rat Armin Klotz. Christine Knoß (Grüne) sagt, gerade Eltern von Mädchen hätten ein viel besseres Gefühl, wenn sie wüssten, dass diese sich „auf einem Platz mitten in der Stadt“ träfen.

Man sei nicht davor gefeit, dass auch mal wieder anderes Publikum zurückkomme, wirft Guido Passaro ein. Aber aus seiner Sicht sei der Platz „auf einem wirklich guten Weg“.