Akram Khan arbeitet mit dem Stuttgarter Ballett Hier stimmt die Energie

Der Zustand der Welt mache ihn zornig, sagt Akram Khan. Entsprechend düster fällt das neue Tanzstück des Briten aus. Foto:  

Das Stuttgarter Ballett ist erst die dritte klassische Kompanie, mit der Akram Khan zusammenarbeitet. Warum das so ist, erklärt der international gefragte Choreograf, der zudem für das Colours-Festival im Theaterhaus eine Uraufführung vorbereitet, kurz vor der Premiere von „Kaash“.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - The Shed heißt die neue Attraktion von New York. Wie ein Raumschiff liegt das Gebäude am Westrand von Manhattan, spektakulär ist nicht nur seine bewegliche Hülle aus teflonbeschichtetem Plastik, sondern das ganze Konzept des flexiblen Kulturzentrums. Einer der ersten Künstler, die kurz nach der Eröffnung den 500-Millionen-Dollar-Schuppen bespielen, ist Akram Khan. Der britische Choreograf mit Wurzeln in Bangladesch ist an der Produktion des Kung-Fu-Musicals „Dragon Spring - Phoenix Rise“ beteiligt.

 

Wer sich mit dem Star der internationalen Tanzszene kurz vor seiner ersten Stuttgarter Premiere über sein Stück „Kaash“ unterhalten will, muss in New York anrufen. Akram Khans Bedauern am Telefon klingt echt, als er die Frage verneint, ob er an diesem Freitag bei der Premiere im Stuttgarter Opernhaus dabeisein wird. Nein, sagt er, das schaffe er zeitlich nicht. „Und das tut mir wirklich sehr leid. Die Premiere eines Stückes ist ja so, als ob ich eines meiner Kinder in die Welt entlassen würde.“ Als verantwortungsvoller Vater, der Akram Khan ist, wäre er da schon gern dabei. Alle zwei Wochen, erzählt der gefragte Künstler, versuche er ein paar Tage daheim in London zu sein, um Zeit mit seinen beiden Kindern zu verbringen.

Von Kylie Minogue bis Juliette Binoche: Akram Khan sprengt Grenzen

Künstlerische Kinder hat Akram Khan viele mehr. Doch die Projekte, die er neben der Arbeit mit der eigenen, im Jahr 2000 gegründeten Kompanie übernimmt, sind ausgewählt. Beide Partner, findet Akram Khan, müssten sich durch die Begegnung weiterentwickeln. Auf der Liste der Künstler, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat, finden sich unterschiedlichste Kooperationen: Mit dem Ballettstar Sylvie Guillem hinterfragte Akram Khan in „Sacred Monsters“ den Kult um Bühnenkünstler, mit der Schauspielerin Juliette Binoche beleuchte er in „In-I“ Liebe und Lust, für die Pop-Queen Kylie Minogue brachte er Bewegung in deren „Showgirl“-Tournee, oft und auch für „Kaash“ tat er sich mit dem Bildhauer Anish Kapoor zusammen.

Nun also Stuttgart, nach dem English National Ballet und dem Königlichen Ballett von Flandern die dritte klassische Kompanie, auf die sich Akram Khan einlässt – und die erste deutsche. Anfragen, sagt der Choreograf, habe er hunderte, vom Bolschoi bis zur Pariser Oper. Warum er Stuttgart zugesagt hat? „Tamas Detrich ist ein Direktor, der eine Vision für die Tänzer und die Zukunft der Kompanie hat“, erklärt Akram Khan. In Stuttgart stimme die Energie, hier habe er gleich beim ersten Besuch die lange Geschichte der Kompanie gespürt. „Es ist ein Privileg, mit dem Stuttgarter Ballett zu arbeiten“, sagt Akram Khan. „Ich spüre, dass hier eine enge Beziehung wachsen und ich etwas zu Tamas Detrichs Vision beitragen kann.“ Wenn auch nicht in der nächsten Spielzeit, so doch in den nächsten zwei Jahren, blickt Akram Khan nach vorn.

„Kaash“ bezeichnet in Hindi das Wunschwörtchen „wenn“

Mehrfach war er in Stuttgart, um die Einstudierung von „Kaash“ zu begleiten. Das 2002 für die eigene Kompanie und fünf Tänzer entstandene Stück hat Akram Khan 2017 für das Königliche Ballett in Flandern neu bearbeitet; in Stuttgart sind 14 Tänzer involviert, erstmals wird die Komposition von Nitin Shawney live gespielt. Wer nicht das Glück hatte, eines der vielen Gastspiele von Akram Khan in Ludwigsburg zu erleben, kann nun mit „Kaash“ einen Choreografen entdecken, der dynamisches Fließen und zeitlupenhaft ausbuchstabierte Details fast magisch überblendet.

Je häufiger er ein Stück wieder aufnehme, sagt Akram Khan, umso besser werde es; wie bei der Erziehung eines Kindes wachse die Erfahrung. Und dass dieses Stück bei jeder Kompanie, die es tanzt, anders aussieht, versteht sich für Akram Khan von selbst. „Jedes Kollektiv ist anders“, sagt er, „schließlich besteht es aus Menschen mit ihren Stärken und Schwächen.“

Bereits als Kind im indischen Khatak-Tanz ausgebildet, bringt der 1974 geborene Akram Khan eine große Offenheit in seine Kunst ein, dazu enorme Präzision – in den Bewegungen wie im Denken. „Kaash“ bezeichnet in Hindi das Wunschwort „wenn“. Inspiriert haben Akram Khan zwei Dinge, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: die Quantenphysik und die hinduistische Gottheit Shiva; bei den drei Aspekten des Göttlichen steht sie neben dem Schöpfen und Bewahren für die Zerstörung.

Die Idee von schwarzen Löchern, multiplen Universen und Zeitebenen finde sich schon in den Legenden von Shiva, bringt Akram Khan Entferntes zusammen. Solche Mythen seien das, was ihn besonders interessiere. „Auf kurze Sicht steht Geschichte für die Wahrheit, doch über einen langen Zeitraum betrachtet entpuppen sich Mythen als Wahrheit und Geschichte als Lüge“, zitiert er einen englischen Philosophen.

Lernen von der Vergangenheit

So, wie eine mit einfachen Worten erzählte Narration komplexe Theorien anschaulich machen kann, ist der Tanz für Akram Khan Mittel, um hinter schönem Schein tiefere Zusammenhänge anzudeuten – wie im jüngsten Werk für seine eigene Kompanie, das als Koproduktion mit dem Colours-Festival in Stuttgart zur Uraufführung kommen wird. Sehr düster sei dieses Stück, sagt Akram Khan. Denn blickt er heute auf den Zustand der Welt, dann sieht er Schwärzeres als im schwarzesten Loch: Dass die Menschheit mit der Angst vor dem anderen wieder da stehe, wo sie sich vor dem Zweiten Weltkrieg befunden habe, dass unser Planet in bedauerlichem Zustand sei, mache ihn „traurig, ärgerlich und zornig“.

„Outwitting the Devil“ heißt das Epos, das am 13. Juli im Theaterhaus seine Uraufführung erlebt und im Dialog mit „Kaash“ in Stuttgart möglich macht, die Arbeit von Akram Khan über eine Zeitspanne von fast zwanzig Jahren hinweg und den Choreografen persönlich kennenzulernen: Am 14. Juli gibt es im Anschluss an die Vorstellung im Theaterhaus ein Gespräch mit Akram Khan. Erzählen wird er dann vielleicht, wie ihn ein kürzlich entdecktes Fragment des babylonischen Gilgamesch-Epos dazu inspirierte, über Rituale und Erinnerung nachzudenken. Der Mensch als einer, der den Teufel austrickst, wie der Titel „Outwitting the Devil“ behauptet? Wenn es um die eigenen Vorteile gehe, seien wir bereit, das Wissen um die Vergangenheit und ihre Fehler sowie die Zukunft auszublenden, sagt Akram Khan: „Uns ist nur die Gegenwart wichtig.“

Wenig Optimistisches sagt der Choreograf am anderen Ende der Leitung in seinem New Yorker Hotelzimmer. Ja, die Londoner Friday-for-Future-Demonstrationen machten ihm Hoffnung, aber mal ehrlich: Letztlich seien immer die kapitalistischen Prinzipien stärker. Doch verzweifeln gilt nicht. „Als Künstler haben wir die Verantwortung, Probleme auf der Bühne zu diskutieren“, sagt Akram Khan. „Auch wenn meine Arbeit ohne Auswirkung auf die Welt bleibt, ist es doch wichtig, nicht inaktiv zu sein.“

Infos zu den Stuttgarter Premieren von Akram Khan

Premiere: „Kaash“, 2002 von Akram Khan für seine damals noch junge Kompanie choreografiert, ist im Rahmen des Ballettabends „Atemberaubend“ an diesem Freitag, 19 Uhr, im Opernhaus erstmals in Stuttgart zu sehen. Außerdem neu für das Stuttgarter Ballett ist Johan Ingers 2002 am Nederlands Dans Theater herausgekommenes Ballett „Out of Breath“, das dem Abend den Titel gab. Ergänzt wird das Programm von Itzik Galilis Perkussions-Ballett „Hikarizatto“, das 2004 in Stuttgart entstand.

Uraufführung: Akram Khans eigene Kompanie ist am 13. und 14. Juli zu Gast beim Colours-Festival. Vom 3. Juli an finden die Endproben für das neue Stück „Outwitting the Devil“ in Stuttgart statt; im Anschluss reist die Kompanie nach Avignon, um die Produktion für fünf Aufführungen im Ehrenhof des Papstpalastes einzurichten. Die französische Premiere ist am 17. Juli.

Dialog: Am 14. Juli gibt es nach der Aufführung von „Outwitting the Devil“ im Theaterhaus ein Gespräch mit Akram Khan.

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