Aktion „Achtung, Schulweg!“ Von Schneeballschlachten bis Amokalarm – was fünf Kinder auf dem Schulweg erleben

Samuel, Paul, Viktor, David und Johann (von links) gehen noch einmal ihren Schulweg ab. Foto: LICHTGUT/Zophia Ewska

Allein zur Schule zu laufen macht Kinder selbstständig, ausgeglichener – und es macht Spaß. Fünf Jungs aus dem Stuttgarter Osten erzählen, warum es so cool ist, gemeinsam zur Schule zu laufen.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Jedes vierte Kind wird zur Schule gefahren – dabei lernen Kinder Wichtiges, wenn sie allein zur Schule gehen: Sie werden selbstständig, schulen ihren Orientierungssinn und kommen ausgeglichener und konzentrierter in den Unterricht. Vor allem aber haben sie zusammen so viel Spaß.

 

Warum – das erzählen David, Johann, Paul, Samuel und Viktor aus Stuttgart-Ost. Sie sind drei Jahre lang gemeinsam zur Grundschule gelaufen. Nun gehen sie teilweise weiter zusammen in die weiterführende Schule.

Hallo David, Johann, Paul, Samuel und Viktor! Wie habt Ihr Euch als Laufgruppe gefunden?

David: In der ersten Klasse war ja noch Corona und wir waren ganz lang im Homeschooling. Da sind wir noch nicht zusammen gegangen.

Samuel: Ich bin ab der zweiten Klasse mit Johann und Paul gelaufen. Und David und Viktor zusammen. Wir waren in Parallelklassen. Wir sind immer vor denen abgehauen.

Johann: Nein, David und Viktor sind abgehauen! Ab Mitte zweites Schuljahr wurden die Klassen zusammengelegt. Dann sind wir auch gemeinsam gelaufen.

Samuel: Wir wurden dann immer mehr: Titus und Magnus waren auch dabei, mein kleiner Bruder und zwei Freunde von ihm.

Paul: Und meine Schwester noch.

Viktor: Und meine Schwester auch und eine Freundin und noch andere.

Johann: Am Ende waren wir 14 Kinder.

Wie lange dauerte Euer Weg?

Samuel: Wir mussten erst eine kleine Straße und eine Treppe hoch, dann ging es in einen Weg. Und dann noch eine Straße entlang.

David: Wenn wir schnell waren, haben wir elf Minuten gebraucht.

Samuel: Als ob!

Viktor: Wenn wir über Brawl Stars geredet haben, länger. Das ist ein Videospiel.

Samuel: Meistens so 20 Minuten.

Wen habt Ihr auf dem Weg getroffen?

Viktor: Eine alte Frau stand immer in einer Einfahrt und hat auf uns runtergeguckt.

Johann: Mir ist immer eine Frau mit Schirm und blauer Winterjacke begegnet, auch wenn es Sommer war.

Viktor: Mal ist eine bei Rot über die Ampel und hat gesagt: nicht nachmachen! Und immer haben wir eine Frau mit Kinderwagen und noch vier weiteren quengelnden Kindern gesehen.

David: Und die Zwillinge, die immer gleich angezogen sind.

Viktor: Und manchmal eine große, dünne Frau mit Hut. Die ist ein bisschen gruselig.

Ist Euch an den Häusern entlang des Weges etwas aufgefallen?

Samuel: Ich habe auf dem Rückweg manchmal in einen Stein gebissen.

Wie bitte?

Samuel: Da gibt es eine Mauer mit zwei kleinen Türmchen und obendrauf so Steinplatten und da hab ich aus Spaß reingebissen.

Viktor: Und in dem Haus bei der Allianz hat manchmal einer gesungen. Einmal hat einer von uns einen Schneeball in ein Haus geworfen.

Paul: Und dann gibt es so einen Kellereingang, da haben wir uns versteckt bei den Mülltonnen. Da konnte man rein.

Seid Ihr mal zu spät gekommen?

Viktor: Natürlich.

Samuel: Fast nie, nur wenn wir viel über Brawl Stars geredet haben.

Paul: Eigentlich waren wir beim Klingeln immer da.

Viktor: Aber einmal war auch die Bombendrohung.

Ihr meint den Amokalarm, den es an Eurer Schule gab?

Johann: Ja, da kam uns schon ein anderer Junge auf dem Schulweg entgegen und sagte „Da vorn ist Polizei“ und alle sollen wieder nach Hause gehen.

Samuel: Aber wir haben es nicht geglaubt und sind trotzdem hin. Das war krass.

David: Wir wollten halt gucken.

Samuel: Da war SEK, ganz viele Polizisten und Autos. Wir sind dann wieder heim. Später durften die Schüler wieder kommen. Es war falscher Alarm.

Johann: An dem Tag haben ganz viele Schulen in Deutschland dieselbe E-Mail mit der Drohung bekommen.

Paul: Samuel, Johann und ich sind dann zu Hause geblieben. David und Viktor sind in die Schule.

Johann: Es gab auch mal einen Fail-Feuer-Alarm.

Paul: Da sind wir in Socken aus dem Schulgebäude.

Viktor: Eine Lehrerin hatte Würstchen gemacht und das hat den Feuermelder ausgelöst.

Was ist Euch noch auf dem Schulweg passiert?

David: Ich bin mal bei Glatteis auf meinen Schulranzen gefallen.

Samuel: Einmal wollten wir schieben helfen, weil ein Auto bei Eis den Berg nicht mehr hochkam. Aber dann haben sie es so geschafft.

Johann: Ich bin einmal den ganzen Weg runtergestolpert, aber es ist nichts passiert.

Worüber habt Ihr euch unterhalten?

Samuel: Über Brawl Stars.

David: Über Fußball.

Samuel: Und Brawl Stars.

Viktor: Und FC Mobile und Fifa Mobile. Oder über Karten, die wir getauscht haben. Ninjago oder Fußballkarten.

Samuel: Ich hab so viel Geld in Karten gesteckt!

Viktor: Ja, ich bereue das auch.

David: Ich hab euch immer gesagt: Kauft die nicht, die enden alle im Müll.

Was habt Ihr noch so gemacht?

Johann: Wir haben Eisklumpen auf die Straße gelegt, damit Autos drüber fahren.

Samuel: Das haben wir ganz oft gemacht. Und Schneeballschlachten mit den Mädchen. Eine hat mal ihren Apfel auf mich geworfen. Wir haben auch nen Stock vor ein Müllauto geworfen, da haben uns die Männer angeschrien und wir sind weggerannt.

Paul: Einmal haben uns Jugendliche wegen unserer T-Shirts ausgelacht auf dem Rückweg vom Schulfest.

Samuel: Da hab ich meinen Papa gerufen und sie sind weggerannt.

Viktor: Ich finde die T-Shirts aber auch dumm.

Und habt Ihr immer brav den Zebrastreifen vor der Schule genutzt?

Samuel: Nö, wir sind immer irgendwo über die Straße. Wir sind auch nie über die Ampel, nur in der ersten und zweiten Klasse.

Johann: Oder wenn mein Papa dabei war am Anfang.

Und warum nicht?

Viktor: Das ist voll der Umweg! Obwohl…eigentlich wäre es gar kein Umweg. Alle gehen halt irgendwo über die Straße.

Paul: Es gab doch mal eine Zeit, in der wir alle mit VfB- und Kickers-Schals in die Schule sind!

Samuel: Stimmt. Die haben wir dann im Unterricht geschwenkt, bis sie uns weggenommen wurden.

Johann: Ich hab im Urlaub die Allianz-Arena in München besichtigt.

Viktor: Ich war in Rostock im Stadion.

David: Lukas Podolski eröffnet einen Döner-Laden in Stuttgart!

Johann: Ich hab noch nie einen Profifußballer in echt gesehen. Aber meine Mutter Guirassy im Auto.

Samuel: Mein Vater hat mal Alexander Nübel auf der Toilette getroffen.

David: Meine Eltern haben Lucas Höler auf einer Party gesehen.

Jetzt trennen sich Eure Wege teilweise, Ihr kommt in die 5. Klasse. Erzählt mal, wie Ihr zukünftig zur Schule kommt.

Johann: Ich fahre mit der U-Bahn. Am Anfang fährt mein Papa wahrscheinlich noch mit.

Samuel: Ich fahre mit dem Bus.

David: Viktor, Paul und ich gehen weiter zusammen zur Schule zu Fuß.

Viktor: Aber Paul zieht um.

Paul: Ja, ich laufe dann erst mal allein. Ich hab es ganz kurz.

Was werdet Ihr vermissen?

David: Den kurzen Weg.

Viktor: Der neue ist auch kurz.

Johann: Ich würde gern laufen und nicht mit der U-Bahn fahren.

Samuel: Ich find es mit dem Bus gut, da kann ich sitzen.

So, ich hab alle Fragen gestellt. Vielen Dank Euch.

Viktor: Okay. Kommt, wir gehen Fußball spielen!

Hinweis: Einer der Jungs ist der Sohn der Interviewerin, die nach diesem Gespräch endlich weiß, warum er morgens immer so schnell wie möglich zum Treffpunkt mit seinen Freunden wollte.

Gemeinsamer Weg und Aktion unserer Zeitung

Gehen jetzt teils unterschiedliche Wege: Viktor, Paul, Johann, David und Samuel (von links). Foto: Zophia Ewska/Zophia Ewska

Gesprächspartner
David, Johann, Paul, Samuel und Viktor sind alle 10 Jahre alt und wohnen im Stuttgarter Osten. Sie sind drei Jahre gemeinsam in die Schule gelaufen. Nun trennen sich ihre (Schul-)Wege teilweise.

Machen Sie die Schulwege sicherer
Die Redaktion von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten möchte in Kooperation mit dem investigativen Recherchenetzwerk Correctiv wissen, wie sicher die Schulwege in Stuttgart sind. Dazu brauchen wir Ihre Hilfe! Über ein einfach zu bedienendes Online-Tool können Sie bis zu drei Gefahrenstellen auf Schulwegen dokumentieren und melden. Wir prüfen jede Eingabe und veröffentlichen sie anschließend. Die Stadtverwaltung Stuttgart begleitet unser Projekt. Unsere Redaktion wird zusammen mit dem Ordnungsamt auf ausgewählte Gefahrenstellen eingehen. Das Ziel ist es, Gefährdungen von Schülerinnen und Schülern zu reduzieren.

Online-Tool
Das Tool ist ab sofort freigeschaltet und online hier zu finden. Das Aktion dauert bis in den Herbst.

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