Die Deutsche Bahn investiert 2026 rund 50 Millionen Euro in Sicherheit und Sauberkeit. Ein Teil davon fließt in hunderte groß angelegte Frühjahrsputz-Aktionen – in Weil der Stadt etwa.
Mit einem herkömmlichen Ceranfeldschaber macht sich Nikolaus Hebding an die Arbeit: Vorsichtig kratzt er mit der scharfen Kante seines Werkzeugs an den ausgefransten Ecken eines Fußballstickers, der seinem Aussehen nach wohl schon länger an seinem Platz auf einem Laternenpfad des Weil der Städter Bahnhofes klebt. Und er ist hartnäckig – einige Minuten braucht Nikolaus Hebding, bis sich zumindest ein Teil des Aufklebers gelöst hat. Zurück bleiben die grauen Schmierer des Klebstoffes.
An diesem Morgen ist am Bahnhof von Weil der Stadt – Endstation der Linie S 6 und Startpunkt der neuen Hermann-Hesse-Bahn nach Calw– mehr Betrieb als üblich. Unter die regulären Pendler und Reisende, die an den beiden Gleisen auf ihre Züge warten, haben sich zahlreiche Helfer in leuchtend blauen Warnwesten gemischt. Einen ganzen Tag lang wollen sie den Bahnhof auf Vordermann bringen, „Frühjahrsputz“ nennt die Deutsche Bahn das. Insgesamt 200 Stationen in Baden-Württemberg werden in diesem Jahr so gereinigt, 38 davon im Raum Stuttgart.
Und zu ihnen gehört in diesem Frühling eben auch: Weil der Stadt. Besonders auffällig in Sachen Sicherheit und Sauberkeit sei die Station deshalb aber nicht, erklärt Nikolaus Hebding. Er ist Leiter des Bahnhofsmanagements Stuttgart der DB, in seinen Zuständigkeitsbereich gehören 93 Bahnhöfe – und gesehen hat er sie alle schon. Problemzonen sind häufig jene Haltestellen mit Nachtaktivität, erklärt er. Und die ist in Weil der Stadt eben nicht wirklich ausgeprägt.
Kaugummi, Sticker, Graffiti: 35 Helfer putzen am Bahnhof
Das heißt aber nicht, dass es hier immer blitzt und glänzt: Rund um die Mülleimer am Bahnsteig kleben hunderte Kaugummireste. Schilder sind mit Aufklebern verziert, Wände mit Graffiti. Im Gleisbett sammelt sich Plastikmüll. Die Scheiben der Aushängekästen und Infotafeln sind mit scharfen Gegenständen zerkratzt worden, in der Bahnhofsunterführung hat sich Staub und Dreck von der Straße gesammelt, den die Reisenden auf ihrem Weg zur Bahn mit den Schuhen hereingetragen haben.
Um die Verschmutzungen zu beseitigen, haben sich die rund 35 Helfer von DB und Stadt entsprechend ausgerüstet: Mit Hochdruckreiniger werden Wände und Böden gereinigt, der Wasserdampf vernebelt die Unterführung des Bahnhofs. Ein Mitarbeiter klettert auf eine Leiter und streicht Pfosten mit silbriger Farbe neu an. Ein weiterer Helfer kratzt mit einem Schaber Kaugummireste vom Boden, mit Lappen werden die Sitzbänke gewischt und mit langen Rechen Grünzeug entfernt, dass sich mit der Zeit den Weg durch den Beton gebahnt hat.
50 Millionen Euro steckt die Bahn in Sicherheit und Sauberkeit
Sauberkeit, erläutert Hebding, ist für die Deutsche Bahn ein großes Thema. So groß, dass DB-Chefin Evelyn Palla und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) im Januar ein Sofortprogramm auf den Weg gebracht haben, dass das „Stationserlebnis“ mit entsprechendem Budget verbessern soll. 50 Millionen Euro will die DB im Jahr 2025 für Sauberkeit und Sicherheit ausgeben. Von dem Geld werden etwa die Frühjahrsputze, wie in Weil der Stadt, finanziert. Aber auch die reguläre Reinigung soll verbessert werden. „Die Profis sind zur Reinigung jeden Tag da“, sagt Nikolaus Hebding. Bisher wird alle zwei Wochen mit Hochdruckreiniger geputzt, künftig soll das doppelt so oft geschehen. In den Frühjahrsputz hat die Deutsche Bahn in diesem Jahr auch viele Kommunen, ansässige Händler oder Gastronomen eingebunden, sauber gemacht wird an den ausgewählten Bahnhöfen nicht mehr alleine. „Das soll auch dem Netzwerk, dem Austausch dienen“, sagt er. Grenzen? Die soll es beim Frühjahrsputz nicht geben. Zwar sind die Bahnhöfe nicht im Besitz der jeweiligen Kommunen, sondern gehören der Bahn. Aber: „Wir erleben schon im Rathaus, dass der Bürger und der Bahnkunde nicht unbedingt unterscheidet, welches Gelände jetzt wem gehört“, sagt auch Bürgermeister Christian Walter.
Deutsche Bahn: Weniger Müll, mehr Geld für andere Dinge
Frustrierend kann es werden, wenn Kunden sich über die Verschmutzung beschweren – aber es eben oft auch die Kunden sind, die Sticker verteilen und Kaugummis achtlos beiseite werfen. Dabei würde weniger Müll auch für geringere Kosten sorgen, wovon die Infrastruktur wiederum an anderer Stelle profitieren könnte. „Da muss man manchmal sehr resilient sein“, sagt Nikolaus Hebding. Besonders die Mitarbeitenden, die an den Bahnhöfen jeden Tag sauber machen: Statt sich über die Reinigung zu freuen, würden Reisende immer wieder unzufrieden reagieren, wenn mal ein Kabel im Weg liegt oder der Boden nass ist, berichtet der Bahnhofsmanager. Und auch nicht alles ist leicht zu reinigen, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht. Um Plastik aus den Gleisbetten zu fischen, muss etwa die Strecke gesperrt, die Aktion genehmigt werden. Im laufenden Betrieb? Zu gefährlich.
Dabei ist eine Bahnstation für eine Kommune eigentlich ein gar nicht so unwichtiges Aushängeschild. „Für die Stadt ist so ein Bahnhof schon bedeutend“, sagt Bürgermeister Walter. „Das ist das Aushängeschild, das erste, was man sieht, wenn man hier ankommt.“ Und Nikolaus Hebding? Der findet: „Der Bahnhof ist ein Abbild der Gesellschaft“. Dass sich die Menschen am Bahnhof wohler fühlen, will die DB mit der Frühjahrsputz-Aktion erreichen.
Und ein paar mehr positive Stimmen rund um ihr Angebot kann die Bahn, bei all den ganzen Beschwerden über Unpünktlichkeit, wahrlich gut gebrauchen.