Ein Mann steht an der Reling. Möwen umschwirren ihn, von der eiskalten See steigt Nebel auf, der Blick des Passagiers ist auf die von Fjorden zerklüftete Küste Norwegens gerichtet. Mit dieser Reise hat er sich einen Traum erfüllt. Jetzt lebt Wolfgang Jakob (63), so heißt der Mann an der Reling, im Pflegezentrum Paulinenpark und zehrt von seinen Erinnerungen. Er könnte so viel erzählen. Wie die meisten der 69 Damen und Herren, die in dieser Einrichtung der Diak-Altenhilfe betreut werden. Aus 70, 80, sogar mehr als 90 gelebten Jahren. Voller Geschichten. Aber wer hat schon Zeit, alten Menschen zuzuhören. Als reduziere der Status alt den Menschen auf seinen Jetzt-Zustand ohne Vergangenheit.
Und wie sie erzählt haben . . .
Diese Zeit, mehr als in der täglichen Betreuung möglich, hat man sich im Paulinenpark jetzt genommen. Natürlich sind die Bewohner alt. Und mehr noch: „Viele sind dement“, sagt Dajana Pejic, die Leiterin des Hauses, unumwunden. Pflegefälle. „Aber in erster Linie sind es doch Menschen, die Schönes und Schlimmes erfahren haben, Schicksale meisterten, Persönlichkeiten, die die Summe ihres Lebens darstellen“, betont sie. „Wollen Sie uns etwas über besondere Momente in Ihrem Leben erzählen“, hat sie bei ihren Schützlingen angefragt, als über Thema und Gestaltung des Kalenders 2025 und wie man dafür wieder Damen und Herren aus dem Hause in Szene setzen könnte, nachgedacht wurde. Hatte doch der Kalender 2024 mit dem Rollenspiel zum Motto „Wie es Euch gefällt“ und der professionellen Unterstützung des Staatstheaters bei Kostüm und Maske höchste Maßstäbe gesetzt. Und wie sie wollten. Und wie sie erzählt haben. Und vor der Kamera von Elke Werner wieder jung wurden. Mit Kostümen und Requisiten vom Staatstheater. Und zum Leuchten gebracht durch die Kunst des Visagisten Aaron Eisemann.
Meist stumm und in sich versunken: So hat Dajana Pejic bisher Ingomar Jung wahrgenommen. Und nun: Welche Verwandlung. Denn als sie den 88-Jährigen auf die Gitarre in seinem Zimmer angesprochen hat, tat sich die Welt des musikalischen Showbiz auf: Jung, Schriftsetzer, dann Musiklehrer für Gitarre und Free Jazz, hatte eine eigene Jazzband und einen Namen in der Jazz-Szene. Sein Sohn erinnert sich, dass er mit seinem Vater und dem berühmten spanischen Gitarristen Paco de Lucia nach einem Konzert „um die Häuser“ gezogen sei.
In Pose vor dem schneebedeckten Piz Palü
„Ich kenne alle Bewohner gut“, versichert Dajana Pejic. Und staunt doch über die Schätze der Erinnerung. Wie bei dem 94-jährigen Manfred Rumpel. Dass er im Ruhestand noch Geschichte studiert hat, dass er beinahe ganz Nordafrika bereist hat, sogar etwa Arabisch lernte, das habe sie ja alles gar nicht gewusst. Da wird das Fotoshooting erst recht zur Zeitreise mit Tropenhelm, wüstentauglichem Khakihemd und dem Kopf einer Sphinx als Souvenir. Und wer hätte vermutet, dass Wolfgang Laiple ein Gipfelstürmer war? Jetzt erzählte der 76-Jährige vom Gipfelglück bei Klettertouren und von Gletscherwanderungen, am liebsten im Engadin. Und posiert vor dem schneebedeckten Piz Palü (3899 Meter), den er bewältigt hat, mit Eispickel, Seil und Karabinerhaken.
Die Skyline von Melbourne mit der Silhouette der berühmten Oper ist die richtige Kulisse für den Auftritt von Inge Bertels, denn für die 86-jährige ist eine Australienreise die schönste Erinnerung: „Sechs Wochen lang“, schwärmt sie, „am liebsten wollte ich für immer bleiben.“
Gleich abheben wird auch Eleonore Knöll, der Erdenschwere enthoben von Luftballons und Engelsflügeln: „Als Kind bin ich ständig gehüpft“, hatte die 89-Jährige erzählt. Es müssen nicht nur große Ereignisse sein, die als besondere Momente empfunden werden. Es kann auch die Schwerelosigkeit im Wasser sein, die Mira Floriani (83) geliebt hat: Daher ziert sie als Badenixe das Kalenderblatt für den August. Oder die Freude am Gärtnern, wunderbares Motiv für den Sommermonat Juni, in dem man Berta Kuppinger (93) am Gartenzaun beim Blumengießen entdeckt.
Einfühlsam lässt Elke Weber ihre Bilder Geschichten erzählen: Von der unvergesslichen Feier, die Chefs und Kollegen bei Kodak Annemarie Semlow (97) zum 50. Geburtstag bereitet haben und die nochmal inszeniert wird. Mit dreistöckiger Geburtstagstorte. Oder von der Bedeutung, die der Beruf für die 96-jährige Lore Barboritsch hatte. Sie hat nicht die Welt bewegt, aber die Welt am Draht gehabt. Als Telefonistin im Rathaus: „Ich habe die Gespräche zum OB Arnulf Klett durchgestellt.“
Mit Bier vor sich und Hut im Nacken
Atmosphärisch dicht hat Elke Weber Jutta Kosanke ins Licht gesetzt: „Ich war der dritte Mann beim Skat“, hatte die 86-Jährige erzählt. Wie sie schmunzelt über ein gutes Blatt, ein Bier daneben, den Hut in den Nacken geschoben, wäre sie in jeder Zocker-Runde ein gefürchteter Gegner.
Der Mann an der Reling hat seinen Traum wahr gemacht. Für andere ist der besondere Moment ein Traum geblieben. Aber im Spiegel sieht sich Ingrid Bürk-Zeeb als Ballerina, ein Diadem in den Haaren, die Spitzenschuhe streichelnd. „Das ist nicht für Frauen“, hatte es die Mutter verhindert. Jetzt wird der Kalender für die 84-Jährige zur Bühne. Ein Begleiter durch 2025, der allen Beteiligten neue besonderen Momente geschenkt hat.
„Besondere Momente“: Kalender 2025, ab sofort erhältlich im Pflegezentrum Paulinenpark, Seidenstraße 35, zum Preis von 25 Euro.