Aktion im Mittleren Schlossgarten Frauenkollektiv Stuttgart macht auf Angsträume aufmerksam

„Wir erkämpfen uns die Stadt zurück!“ war das Motto der Aktion des Frauenkollektivs Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 6 Bilder
„Wir erkämpfen uns die Stadt zurück!“ war das Motto der Aktion des Frauenkollektivs Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Dass sich Mädchen und Frauen angstfrei im öffentlichen Raum bewegen können, dafür hat das Frauenkollektiv Stuttgart am Samstagnachmittag in einer mehrstündigen Aktion im Mittlerer Schlossgarten demonstriert, im Schulterschluss mit vier weiteren Initiativen.

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Stuttgart - „Wir erkämpfen uns die Stadt zurück!“ Mit diesem Motto hat die Demo direkt an den im Herbst vergangenen Jahres in einer eigenen Umfrage deutlich gewordenen Befund angeknüpft, dass Frauen viele Bereiche des öffentlichen Raumes als unsicher und bedrohlich erleben, vor allem nachts. Viele S- und U-Bahnstationen, diverse Plätze und an dritter Stelle dann die Parks. So wurde die Aktion auf der Grünfläche nun als „symbolische Rückeroberung“ bezeichnet, bei der es galt, „sichtbar zu werden und unsere Wut laut in die Öffentlichkeit zu tragen“.

Für Sichtbarkeit sorgte schon der geschickt gewählte Platz an der Weggabelung vor der Lusthausruine, wobei die Wege teils von Stelen flankiert waren, an denen Erfahrungen mit sexistischen Vorfällen teils auch künstlerisch aufbereitet plakatiert wurden: „Geh endlich Sterben!, Schlampe, fette Kuh“ waren darunter die zitierbaren verbalen Attacken, und auf einer Stele schreibt eine Frau über ein „Tabu-Thema, was wie ein Hilferuf gegen drohende Zwangsehen wirkt: „Da ich eine Frau bin und in der Türkei nicht ernstgenommen werde, kann ich nichts dagegen machen.“ Jetzt aber müsse sie darüber schreiben, „weil es sonst niemand tut!“

Es gelt auf „die gesellschaftlichen Strukturen zu schauen und diese zu verändern“

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen klagen alle Rednerinnen an. Jede dritte Frau habe laut Statistik Sexismus und sexuelle Belästigung in unterschiedlicher Form zu erleiden, jede vierte sei Opfer von Gewalt in der Beziehung, hinzu kämen jedes Jahr rund 300 Femizide, Tötungen aus Frauenhass.

Neben der individuellen Täterschaft gelte es aber auch auf „die gesellschaftlichen Strukturen zu schauen und diese zu verändern“, betonte Sophia und unterstrich: „Der öffentliche Raum ist für Männer gemacht und wird auch von ihnen wie selbstverständlich dominiert. Der Ort der Frau ist nach patriarchalen Vorstellungen das Zuhause und die Familie, also der private Raum. Doch wir akzeptieren die patriarchalen Strukturen der Gesellschaft nicht. Wir Frauen haben ein Anrecht auf ein gewaltfreies Leben ohne Angst und Unterdrückung.“

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Eine weitere Rednerin kritisierte die Stadt: „Es ist nicht zu erkennen, dass Stuttgart große Anstrengungen unternimmt, um den öffentlichen Raum für Frauen sicher zu machen.“ Nicht zuletzt sei Aufklärung „der Schlüssel für eine Stadt, die für alle da ist“.

Ein Dutzend Teilnehmerinnen der Demo schlossen sie der „Aktion Ankreiden“ an, bei der auf die Wege ausgeschwärmt wurde, um dort aufzumalen, „was einem stinkt, nervt oder widerfahren ist“. Mehrfach fand sich das bekannte „Nein ist Nein“, auch „Nicht dein Objekt!“ mit Stinkefinger oder „ich scheiß auf Deine Kommentare!“ Eine 13-Jährige schreibt auf den Asphalt: „Stop Gewalt gegen Mädchen!“ Gleich daneben: „Stell Dich nicht so an!“ Das fräst eine junge Frau mit einem Zorn auf die raue Oberfläche, dass die Kreide bricht. So, also wolle sie endlich ein erlittenes Drama loswerden. Ja, sagt Sophia, es gehe auch darum, „Mädchen und Frauen zu ermutigen, sich zu wehren“.




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