Aktion in Stuttgart Stullen und Socken für Obdachlose

Von Tilman Baur 

Mitglieder von SPD queer haben in der Stuttgarter Innenstadt Essen, Unterwäsche und Strümpfe verteilt.

Fatih Ceylan steckt einem Obdachlosen vor der Leonhardskirche eine Orange in den Rucksack. Foto: Tilman Baur
Fatih Ceylan steckt einem Obdachlosen vor der Leonhardskirche eine Orange in den Rucksack. Foto: Tilman Baur

S-Mitte - Sonntagmittag, 12 Uhr: Der Schlossplatz gibt ein tristes Bild ab. Kaum Menschen sind unterwegs, es ist nasskalt und nieselt. Während es sich die meisten Menschen am Dreikönigstag auf der Couch bequem machen, haben sich vier Mitglieder der Regenbogen-Abteilung der SPD eine besondere Aktion überlegt. Fatih Ceylan, Simone Schaffner, Alexander Prinz und Lara Iglesias von „SPD queer“ wollen mit dem Bollerwagen losziehen, Obdachlose aufsuchen und ihnen Geschenke machen: Orangen, Lebkuchen, Käse- und Wurststullen, Unterwäsche, Socken.

„Wir wollen etwas zurückgeben an Menschen, die nicht so viel haben“, so Fatih Ceylan über die Aktion. Das sei im Winter besonders wichtig. Als Fachmann haben die jungen Parteimitglieder Roman Jung eingeladen. Jung hat den Verein Children-First gegründet und engagiert sich in vielen Projekten für junge Erwachsene.

Verein will helfen

Mehr als 700 junge Menschen bis 21 Jahre gelten nach Angaben von Sozialverbänden in Stuttgart als heimat- oder obdachlos. Insgesamt sind 3500 Menschen in der Landeshauptstadt betroffen. „Es gibt für dieses Milieu zu wenige Angebote“, sagt Roman Jung. Zwar gebe es gute Einrichtungen in Stuttgart, doch müssten Menschen bis zu drei Jahre auf einen Platz warten. Mit seinem Verein versucht er deshalb, neue Räumlichkeiten aufzutun und sie Obdachlosen zur Verfügung zu stellen.

Er arbeitet dabei mit Gewerbetreibenden und Architekten zusammen und sucht weitere Kooperationspartner. „Es gibt sehr viel Leerstand in Stuttgart“, so der 34-Jährige, das mache ihm Hoffnung. Die SPD unterstütze er gern bei ihrer Aktion. Fatih Ceylan und er dächten ähnlich. „Es gibt viele Aktionen, die rein symbolisch sind. Bei der Anfrage der SPD hatte ich das Gefühl, das mehr dahintersteckt.“

Vom Schlossplatz aus geht es zunächst Richtung Rotebühlplatz. Die Rotebühlpassage ist ein beliebter Unterschlupf für Obdachlose. Nicht so heute. Die Passage ist wie leer gefegt. Die Gruppe mit dem Bollerwagen berät, wo es hingehen soll. Roman Jung hat eine Stuttgart-Karte dabei, auf der Einrichtungen für Wohnsitzlose eingezeichnet sind. Weiter geht es Richtung Hauptstätter Straße.

Prall gefüllter Bollerwagen

Am Österreichischen Platz befindet sich das „Sleep Inn“ der Caritas, eine Notaufnahme und Übernachtungsmöglichkeit für Suchtkranke. Wie geht man auf die Menschen zu? Die Gruppe ist unsicher. Ein Gespräch mit dem Hausmeister bringt sie weiter. Er schicke die Leute runter an die Tür, die Interesse an den Sachen hätten, sagt er. Minuten vergehen, niemand kommt. Ein weiteres Gespräch mit dem Hausmeister. Die Gruppe solle einfach alle Zimmer abklingeln und einzeln nachfragen. Lara Iglesias schreitet zur Tat, drückt eine Klingel nach der anderen. Nichts tut sich. Alle ausgeflogen? Keine Lust auf Besuch? Mit dem noch immer prall gefüllten Bollerwagen zieht der Trupp Richtung Leonhardskirche. Die Unterführung ist ebenfalls leer. „Wir wollten die Sachen eigentlich schon loswerden“, sagt Simone Schaffner halb verwundert, halb konsterniert.

Ein paar Meter weiter steht eine größere Gruppe vor dem Jazzclub Bix. Lara Iglesias spricht sie an und stellt sich vor. Die Obdachlosen reagieren gemischt: Einige bleiben reserviert im Hintergrund, doch viele kommen direkt auf die Gruppe zu, bedienen sich an den mitgebrachten Sachen, bedanken sich, kommen mit den Besuchern ins Gespräch. Vor allem frische Unterwäsche und Socken finden nun regen Absatz. „Viele haben gesagt, dass sie es gut finden, dass wir so etwas machen“, fasst Fatih Ceylan zusammen. „Ein Mann hat geweint, er war sehr gerührt“, sagt Alexander Prinz. „Mit solchen Reaktionen hätte ich nicht gerechnet.“




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