Bei erfreulichen Ereignissen wie diesen fällt einem Erich Kästner, Schriftsteller aus der Weimarer Republik, und sein Epigramm ein: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Es geht ums aufrechte Denken, doch neben aller „grauen Theorie“, wie es bei Goethes Faust heißt, ist doch das Handeln ebenso wesentlich. In Waiblingen haben am Wochenende rund drei Dutzend Menschen – fast doppelt so viele wie erwartet waren – gehandelt. Und zwar „mit der Hand am Arm“, um eine weitere geflügelte Wendung zu zitieren: Unter Anleitung des Revierförsters Andreas Münz pflanzten Mitglieder und Freunde der Initiative namens Waiblingen klimaneutral insgesamt 200 klimaresistente Bäume.
Eine der Initiatorinnen, Elena Sugg, hatte den Kontakt zum Revierförster hergestellt. „Der Klimawandel macht ja auch vor unseren Wäldern nicht halt“, sagt sie. „Die Wälder leiden unter der Trockenheit und Schädlinge breiten sich aus; oft sind Nachpflanzungen erforderlich.“ Und wenn unter Gleichgesinnten diskutiert werde, komme oft der Vorschlag, doch selbst Bäume zu pflanzen.
Areal wurde vom Borkenkäfer heimgesucht
Gesagt, getan, und zwar am Samstagvormittag, Treffpunkt um 9.30 Uhr am Friedhof des nördlichsten Waiblinger Stadtteils Bittenfeld. Von dort aus tuckert der Tross, bestehend aus einigen Autos und natürlich Fahrrädern, dem Revierförster in seinem Pritschenwagen weiter die Gumpenstraße entlang in Richtung Böllenbodenhof, bis es nach circa einem Kilometer links weg über eine Schotterpiste an den Waldrand geht. Von der Ladefläche müssen nun noch die Setzlinge – Tulpenbäume, Douglasien, Wildkirsche und Elsbeere –, ein paar Spaten und Hammer sowie die schützenden Wuchshüllen durchs Gebüsch getragen werden.
Die Lichtung befindet sich im Gewann Brühleichen – und dass hier Neues, nämlich eine Baumgruppe, entstehen kann, ergibt sich aus dem Verlust der früheren Bäume. „Dies ist eine typische Fläche, die vom Borkenkäfer heimgesucht wurde“, erläutert Andreas Münz. Vor vier Jahren sind die Bäume abgestorben, das Holz konnte zwar verkauft werden, aber zu einem niedrigeren Verkaufspreis als sonst. Eigentlich wollte man das Gelände der Natur überlassen, doch dass dies nicht so recht geklappt hat, „liegt an diesem Elend“, sagt der Förster und zeigt auf das asiatische Springkraut am Boden. Das habe sich so verbreitet, dass nichts von sich aus wachsen kann. „Wir haben hier eine Fläche, auf der man doch mal wieder anpflanzen kann.“ Und zwar Bäume, die sonst hierzulande nicht so oft vorkommen und gut aufs wärmere Klima eingestellt sind.
In der Pause gibt’s Punsch und Kuchen
Mit rot-weißen Stangen hat Münz im Zweimeter-Abstand die ungefähre Lage der jeweiligen Standorte für die Setzlinge gekennzeichnet. Nun geht’s los: Erst das Loch mit dem mitgebrachten Spaten buddeln – was in diesem weichen Boden und bei Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt keine außergewöhnlichen Kräfte erfordert – die Setzlinge rein, Erde drumherum, dann die Schutzhülle zusammenbauen, über den Setzling stülpen, die stabilisierenden Stäbe aus witterungsbeständigem Robinienholz reinstellen und sie schließlich per Hammer in den Boden treiben – fertig.
Dank der vielen fleißigen Helfer sind schon nach einer Viertelstunde erhebliche Fortschritte zu sehen, deutlich vor der eingeplanten Mittagspause mit Kinderpunsch und dem von Elena Sugg selbst gebackenen Kuchen. Anschließend zieht der Tross weiter zum zweiten Baumpflanzprojekt, auf dem Hügel gegenüber im Bereich Zuckmantel.
Pro Jahr vier Anfragen für eine Pflanzaktion
„Man hat einfach das Gefühl, dass man angesichts des Waldsterbens was Gutes tut“, beschreibt eine mit ihren Kindern erschienene Mutter die Motivation, warum sie sich an der Aktion beteiligt. „Vielleicht kann man in der großen Politik nichts ändern, aber im Kleinen seinen Beitrag für ein besseres Klima leisten .“
Es sei „immer schön, wenn man die Bevölkerung bei solchen Themen mitnehmen kann“, sagt der Förster Münz. Doch es ist gar nicht so einfach, geeignete Fläche für Wiederaufforstungen zu finden. Drei bis vier Anfragen pro Jahr für eine solche Initiative erhält er, von Firmen oder Schulen. Da der Waiblinger Stadtwald in diesem Jahr vom Borkenkäfer verschont geblieben ist, ist die Fläche im Bereich Brühleichen zunächst einmal die aktuell letzte, die er anbieten könne, räumt Münz ein. Denn gesunde Bäume abzuholzen, damit neue gepflanzt werden können, sei natürlich ausgeschlossen.
Die jetzigen Teilnehmer können sich ja bereits heute eine Wanderung hierher in ein paar Jahren vornehmen – und dann, erwachsen oder zum Senior geworden, ein bisschen stolz sein auf diesen Setzling, den sie damals im November 2022 im selbstgebuddelten Erdloch vergraben haben.
Fischtreppen und steckfertige Mini-Solaranlagen
Waiblingen klimaneutral
Die Initiative hat sich vor zwei Jahren mit dem Ziel gegründet, gemeinsam mit Stadt und Bürgerschaft ein Programm zu entwickeln, das Waiblingen bis spätestens 2035 klimaneutral macht.
Mini PV-Anlagen
Mitte Oktober hat die Initiative die kleine, komplett zugewachsene Rems-Fischtreppe in Hallenbadnähe wieder flott gemacht. Zudem werden Fachvorträge organisiert. Beim letzten Abend vor wenigen Tagen zum Thema Mini-PV-Anlagen war der Saal mit 120 Interessenten so proppenvoll, dass 30 weitere Frauen und Männer wieder weggeschickt werden mussten. Nun gibt es aufgrund der großen Nachfrage einen Wiederholungstermin mit Infos zu steckerfertigen Mini-Solaranlagen – am Mittwoch, 30. November, um 19 Uhr im ökumenischen Zentrum auf der Korber Höhe.