Die freischaffende Malerin Sibylle Bross fertigte live in der Ausstellung Porträts in Öl an – da war stillsitzen beim Model Leander Sonntag angesagt. Foto: Stoppel
Selfies hat wohl jeder auf dem Handy. Doch wie wäre es stattdessen mit einem echten Porträt eines Künstlers? In der Galerie Stihl gab es die Möglichkeit am Internationalen Museumstag.
Die Zeit ist um. Nici Halschke zieht das Blatt Papier aus der Schreibmaschine und gibt es weiter an Julia Lenzmann, die passend zu den Zeilen, die ihre Kollegin in genau einer Minute über ihr Gegenüber verfasst hat, blind eine Zeichnung anfertigt. Man ahnt es schon – wieder sind dafür nur 60 Sekunden zur Verfügung. Ausreichend Zeit aber, um beispielsweise die kleine Alma in Aquarellfarben gekonnt als „flinke und pfiffige Haselmaus“ aufs Papier zu bringen.
Sehr zur Freude ihrer Eltern, die sich mit ihrer Tochter gleich mal begeistert über das als „1-Minuten-Portrait“ gestempelte Kunstwerk beugen. Papa Jochen Forstner, der Almas kleinen Bruder in der Bauchtrage an sich hat, hatte die Idee, einen Familienausflug in die Galerie Stihl zu machen. Ob sie sich noch andere Porträts gönnen werden, wissen die Eltern noch nicht. „Wir würden gerne öfter in eine Kunstausstellung, waren aber schon lange in keiner mehr. Mal schauen, was wir hier noch erleben werden“, sagt Jochen Forstner.
Gelegenheit, sich porträtieren zu lassen und damit statt eines Selfies ein ganz analoges Selbstbildnis aus Künstlerhand zu erwerben, gab es an dem wechselhaften Sonntag zuhauf. Denn die ungewöhnliche, schnelle und assoziative Porträtaktion von Julia Lenzmann und Nici Halschke, bei der die Zeichnerin das Model gar nicht sieht, sondern nur ein kleines Textporträt ihrer Kollegin zur Hand hat, war nur der Auftakt eines breiten Angebots.
Während die eine tippt, sitzt die andere abgeschirmt hinter einem Vorhang: „1-Minuten- Porträt“-Aktion von Julia Lenzmann und Nici Halschke. Foto: Stoppel
Anlässlich des Internationalen Museumstags sowie zum Abschluss der Karikatur- und Cartoonausstellung „Die lieben Nachbarn! Deutschland und Österreich“ lud die Galerie Stihl in Waiblingen am Sonntag zum großen Porträttag ein – initiiert vom Förderverein Freunde der Galerie Stihl Waiblingen. Inmitten der Ausstellungsräume fertigten bekannte Waiblinger Künstler live vor den Augen des Publikums Portraits an – von reduzierten Bleistift- und Kohlezeichnungen über Arbeiten mit leuchtenden Markern bis hin zu Porträts in Ölfarben.
„Wir haben tolle Künstler am Start. Ich hoffe nur, dass die auch alle was zu tun bekommen, da fühle ich mich in der Verantwortung“, sagt Juliane Sonntag, erste Vorsitzende des Fördervereins Freunde der Galerie Stihl Waiblingen. Die Idee sei, dass die bei laufendem Betrieb entstehenden Porträts dann direkt als persönliches Erinnerungsstück erworben werden könnten. „Dadurch wäre dann auch sicher gestellt, dass die Künstler angemessen entlohnt werden.“
Laufender Betrieb: Die Künstler, hier Renate Busse, müssen an diesem Aktionstag in der Galerie Stihl ihre Umgebung gut ausblenden können. Foto: Stoppel
Um mitzuhelfen, dass sich genügend mutige Besucher porträtieren lassen, war Juliane Sonntag an dem besonderen Aktionstag überall präsent. Doch so große Sorgen hätte sich die Vorsitzende des Fördervereins gar nicht machen müssen – gleich beim Einlass bildete sich eine Schlange, und auch die Anfragen von mutigen Besuchern, die sich spontan entschieden, ein Selbstbildnis von sich anfertigen zu lassen, riss nicht ab.
Aus bunten Farbstrichen entsteht Kunst
Während Juliane Sonntag mit Museumsbesucher Wolfgang Maile die Zeit absprach, wann er sich von Sibylle Bross in Öl verewigen lassen konnte, grinste sie parallel das aktuelle Model der Künstlerin an – denn der junge Mann, der da saß, war ihr Sohn – und der ist genauso kunstaffin wie seine Mama und wurde deshalb im Verlauf der Sitzung immer ungeduldiger. „Ich habe keine Ahnung mehr, was da vorne so passiert und bin gespannt“, sagt Leander Sonntag und versucht, ruhig sitzen zu bleiben, während Sibylle Sonntag im Stehen bunte Pinselstriche auf dem Gesicht auf der Leinwand auftrug, um daraus das Bild quasi zusammenzupuzzeln. „Es ist ein Abenteuer, bei dem man regelmäßig über sich hinauswächst“, sagt Sibylle Bross.
Ausschließlich mit Buntstiften bringt Künstler Andrej Dugin seine Modele aufs Papier. Dass ihm mit Günter Garbocz sogar ein ehemaliger Schüler gegenüber sitzt, inspiriert beide. Foto: Stoppel
Ein paar Meter weiter saß Renate Busse über ihr Papier gebeugt und genoss den besonderen Aktionstag, auch wenn er anstrengend ist: „Es ist toll und inspirierend. Man verlegt sein Atelier quasi ins Öffentliche.“ Herausfordernd sei dabei gar nicht nur der Trubel, sondern auch das Licht. „Je nach dem wie Leute sitzen, haben sie Schatten im Gesicht, damit muss man klarkommen.“ Gustav-Herbert Binder kommt gut damit klar. „Ich bin sehr zufrieden, auch wenn ich in natura natürlich noch schöner bin“, sagt er und lacht. Er verpasse so gut wie keine Ausstellung in der Galerie Stihl und habe große Lust gehabt, sich zum ersten Mal porträtieren zu lassen, Licht und Schatten seien dabei egal.
Auch Andrej Dugin, der an anderer Stelle in der Galerie Stihl mit Buntstiften hochkonzentriert seine Porträts anfertigte, empfand das Licht als schwierig. Seine gute Laune ließ er sich davon aber nicht kaputt machen, denn der freie Künstler und Dozent, der auch schon viele Buchprojekte gemacht hat, hat seinen ehemaligen Schüler vor sich sitzen – was beide freut und inspiriert. „Alles was ich selbst als Künstler weiß, habe ich von Andrej gelernt. Als ich gelesen habe, dass er heute hier Porträts anfertigt, war klar, dass ich vorbeikomme“, sagt Günter Garbocz, während Andrej Dugin seine Stifte spitzt – statt zum Spitzer greift er dafür zum Tapetenmesser. Und schon kann es weitergehen. Die Besucher strömen, und die Künstler sind kreativ und laufen auf Hochbetrieb.
Während sie das taten, freute sich Hans-Ingo von Pollern darauf, mit der Künstlerin Uschi Schäfer endlich seinen Porträtwunsch in die Tat umzusetzen, den er schon länger hat. „Ich habe schon mal mit ihr darüber gesprochen, heute wird es endlich was“, freut sich Hans-Ingo von Pollern, während Uschi Schäfer eifrig die Acrylfarben auf die Leinwand brachte und dabei versuchte, alles um sie herum auszublenden. „Es ist eine spezielle Situation. Man muss immer wieder zum Bild zurückkehren und darf sich nicht ablenken lassen. Es ist eine besondere und tolle Aktion, die richtig gut ankommt.“