Sport im Schönbuch Ein Seiltänzer beim After-Work-Wandern

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„Jeder Schritt hält fit“ lautet der Slogan beim Gesundheitswandern. Die neue Form der Fortbewegung ist für vor allem für Berufstätige gedacht, die entspannt in den Feierabend gehen wollen.

Anstrengender Ausfallschritt: Susie Bayer beim sportlichen Teil des Gesundheitswandern. Foto: factum/Granville
Anstrengender Ausfallschritt: Susie Bayer beim sportlichen Teil des Gesundheitswandern. Foto: factum/Granville

Böblingen - Der Seiltänzer ist ihre Lieblingsübung. Susie Bayer platziert den linken Fuß vor dem rechten, streckt ihre Arme zur Seite aus, reckt das Gesicht und schließt die Augen. Alles auf ein Mal können nur Fortgeschrittene. Die 32-Jährige hat eine Spezialausbildung zur Gesundheitswanderführerin gemacht. Dabei handelt es sich um eine neue Form der Fortbewegung, die der Deutsche Wanderverband konzipiert hat.

Die Mischung aus Wandern und Gymnastik ist vor allem für den Feierabend gedacht. „Es geht darum, aus der Hektik rauszukommen“, erklärt Susie Bayer. In der Natur werde der Kopf frei. Zwei Stunden dauert eine Tour mit ihr, fünf bis sieben Kilometer geht man, dazwischen macht sie an schönen Orten physiotherapeutische Übungen mit der Gruppe.

Körperbalance und Resilienz

Rund die Hälfte der Bevölkerung bewegt sich am Tag weniger als zwei Kilometer weit, und etwa die Hälfte der Menschen hat Stress. Mit dem Gesundheitswandern will der Wanderverband beide Probleme angehen. Susie Bayer holt ihre Teilnehmer praktisch direkt von der Arbeit ab. Sie stellt sich dann erst einmal vor, alle laufen ein Stück, um in Schwung zu kommen und sich zu akklimatisieren. Beim ersten Stopp macht sie den Seiltänzer, dann den Ausfallschritt, bei dem man beide Beine auch beugt. Und sie lässt die Schultern kreisen. „Das dient der Koordination, der Mobilisation und der Kräftigung“, erklärt sie.

Beim zweiten Stopp liefert sie Theorie, etwa über Körperbalance oder Resilienz. „Ich will einen Impuls geben“, erklärt die Führerin. Kurz vor dem Ziel folgen Atem- und Dehnübungen zur Entspannung.

Susie Bayer weiß, wovon sie spricht. Als Projektleiterin bei einem großen Logistikunternehmen war die Betriebswirtschaftlerin eigentlich auf der Karriereschiene. Vor zwei Jahren kündigte sie allerdings, im Prinzip, um das Tempo herauszunehmen und weil sie viel lieber draußen ist, als vor dem Computer zu sitzen. Im Bereich Online-Marketing machte sie sich selbstständig, mit ihrem Mann Frank produziert sie den Podcast Heimat-Verliebt, Audiostücke im Internet über Freizeittipps in Baden-Württemberg. Auf dem Jakobsweg hat sie schon mindestens 1500 Kilometer zurückgelegt. „Zu Fuß ist man langsam unterwegs“, sagt sie, „da hat man die Chance, die Details zu entdecken“.

Angestaubte Image der Alb- und Wandervereine

Dass Wandern im Trend liegt, findet ­Susie Bayer logisch. Es sei das Gegenprogramm zur Aufgeregtheit der Gegenwart, zum Weit-weg-Reisen: heimatverbunden und unkompliziert. „Laufen kann jeder, dazu braucht man wenig Ausrüstung, man kann einfach losgehen“, sagt sie.

Nur das angestaubte Image der Alb- und Wandervereine ist für sie leider noch ein Klischee. Es kommt auf die richtige Bezeichnung an: Das Ü-30-Wandern, das eine Altersgrenze bei 50 zieht, läuft zum Beispiel super, ebenso das Wellnesswandern, das Weitwandern oder eben das Gesundheitswandern.

Fast am Ende ihrer Runde angekommen, streckt Susie Bayer wieder ihre Arme aus, führt sie in einer Kreisbewegung über den Kopf und atmet tief ein. Sonnenstrahlen strömen durch den Schönbuch. Der Verkehrslärm von der Autobahn dringt zwar durch, aber die A 81 scheint weit entfernt zu sein. „Wer mit mir wandern geht, geht gechillt in den Feierabend“, sagt sie.




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