Stuttgart - Der Islamische Staat, militärisch inzwischen in der Defensive, ist keine orientalische Angelegenheit. Viele „Terrortouristen“ aus Deutschland dienen dort als Söldner, darunter auch Frauen und Minderjährige. Woher sie kommen und wie sie für den Terrorkampf des IS rekrutiert wurden, beleuchten zwei aktuelle Studien. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und das Bundeskriminalamt (BKA) haben die Extremistenkarriere von Dschihad-Kämpfern untersucht, die zum Teil wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) in Stuttgart nahm die Hintergründe von 13 islamistischen Frauen in den Blick, die aus Baden-Württemberg in den Nahen Osten ausgereist waren, um den IS zu unterstützen, und sich überwiegend noch dort aufhalten.
Was sind „Terrortouristen“?
Seit 2013 sind nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes mehr als 1050 Islamisten aus Deutschland nach Syrien oder in den Irak ausgereist, um dort aufseiten der Terror-netzwerke Islamischer Staat, Al-Kaida oder ähnlicher Organisationen zu kämpfen. Diese Ausreisewelle erreichte 2014 einen Höhepunkt. Mittlerweile gebe es einen „deutlichen Abschwung“, die Zahlen stagnieren.
Unter diesen Extremisten waren knapp ein Viertel Frauen. Der überwiegende Teil der IS-Unterstützer war bei der Abreise jünger als 30 Jahre. Etwa ein Drittel der Ausgereisten ist wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Zu mehr als 230 Personen aus Deutschland liegen Hinweise vor, dass sie im Nahen Osten ums Leben gekommen sind. Eine Personenzahl im unteren dreistelligen Bereich würde gerne zurückkehren, befindet sich aber vor Ort in Haft.
Wer wird Islamist?
Die 784 Fälle, zu denen dem Verfassungsschutz nähere Informationen vorliegen, bewegen sich in einem Altersspektrum zwischen 13 und 62 Jahren. Das mittlere Alter liegt allerdings bei 25,8 Jahren zum Zeitpunkt der Ausreise. 56 waren minderjährig.
79 Prozent der „Terrortouristen“ sind Männer. 44 Prozent waren bei Abreise ledig. Von den anderen waren zwei Drittel verheiratet, fast alle mit Musliminnen, nur vier Prozent mit Frauen anderer Religionszugehörigkeit. Die IS-Pilger kommen aus 162 verschiedenen Kommunen – doch es gibt klar zu identifizierende Zentren, in denen besonders viele von ihnen rekrutiert wurden. Mehr als die Hälfte stammt aus 13 Städten, die der Verfassungsschutz nicht näher benennt.
Fast zwei Drittel dieser Islamisten sind in Deutschland geboren und besitzen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Unter den übrigen sind Türken oder Deutschtürken mit Doppelpass die größte Gruppe, gefolgt von Glaubensbrüdern aus Nordafrika. 96 Prozent der Personen, zu denen Informationen über den weltanschaulichen Hintergrund vorliegen, kommen aus dem salafistischen Milieu. 17 Prozent sind Konvertiten. Der Bildungsstand ist sehr unterschiedlich. Allerdings gibt es dazu nicht von allen Informationen: 36 Prozent der „Terrortouristen“, deren Schulabschluss bekannt ist, haben Abitur. Ähnlich viele haben jedoch ihre Ausbildung abgebrochen.
Wie verläuft die Radikalisierung?
Zwei Drittel der Ausgereisten hatten vor ihrem Aufbruch in den Nahen Osten Kontakt zu islamistischen Hetzern. „Die realweltliche Anbindung an bekannte salafistische Persönlichkeiten war offensichtlich für die Radikalisierung ausschlaggebend“, stellen die Verfassungsschützer fest. Die meisten derer, die sich zum Kampf für den IS entschlossen haben, waren bei der Polizei schon aktenkundig. Zwei Drittel waren vor der Abreise durch Eigentums- oder Gewaltdelikte aufgefallen. Ganz überwiegend handelt es sich um Mehrfachtäter. Freunde und Kontakte zu einschlägigen Moscheen spielen für die Radikalisierung offenbar eine wichtigere Rolle als das Internet. Bei etwa der Hälfte der Leute war die Radikalisierung offenkundig: Sie kleideten sich anders oder ließen sich einen Bart stehen.
Welche Rolle spielen Frauen?
„Das Radikalisierungsgeschehen hat auch ein weibliches Gesicht“, schreien die Verfassungsschützer. Die nach Syrien oder in den Irak ausgereisten Islamistinnen unterscheiden sich jedoch signifikant von ihren männlichen Kumpanen. Meist sind sie deutlich jünger (23,5 Jahre im Schnitt bei Ausreise). Es gibt unter ihnen auch mehr Minderjährige (13 Prozent, bei den Männern sechs). Unter den Frauen sind zudem mehr Konvertiten, fast ein Drittel ist nicht als Muslima geboren. Auffällig ist darüber hinaus, dass mehr weibliche IS-Unterstützer einen deutschen Pass besitzen. Die meisten der ausgereisten Frauen zählt der Verfassungsschutz zu den „kurzfristig radikalisierten Personen“. Bei ihnen habe sich die Radikalisierung „stärker im unmittelbaren privaten sozialen Umfeld“ vollzogen.
Anders als bei den Männern haben die Muslimas viel seltener eine kriminelle Vorgeschichte. Die baden-württembergischen Verfassungsschützer betonen, „dass hohe Schulbildung nicht vor Radikalisierung schützt“. Die meisten Frauen, die sie untersucht haben, waren bei Ausreise Mütter. Ihre Kinder hätten sie in der Regel mitgenommen. Für die Radikalisierung gebe es Risikofaktoren: zum Beispiel ein „stark kontrollierendes Verhalten der Eltern“ oder Störungen der sexuellen Entwicklung. Weiter heißt es: „Der Kontakt mit der Szene erfolgte in der Regel offline.“