Aktzeichnen im Böblinger Kunstverein Nackte zu malen, ist die Königsdisziplin

Nur wenige Minuten haben die Teilnehmer Zeit, bevor die Pose wechselt. Foto: /Stefanie Schlecht

Mit Angeboten wie Aktzeichnen will sich der Böblinger Kunstverein neu aufstellen. Bei ersten Veranstaltungen zeigt sich, dass das auf großes Interesse stößt.

Das Aktmodell Blanka Walter steht im Fokus. Sie steht nackt auf einem Podest und wird von mehreren Scheinwerfern angestrahlt. Jeweils mehrere Minuten hält sie eine ungezwungene Pose ein – erst stehende, dann auch sitzende. Bevor sie die Position wechselt, warnt sie die Zeichenkünstler vor, dass sie nun nur noch eine Minute Gelegenheit haben, ihren Umriss aufs Papier zu bannen.

 

Im Raum ist nur noch das kratzende Geräusch von strichelnden und schraffierenden Stiften zu hören, im Hintergrund unaufdringliche Chillout-Musik. Die zwölf dicht gedrängten Teilnehmer des Aktzeichnens in der Druckwerkstatt des Kunstvereins sind mit kleinen und großen Blöcken ausstaffiert und voll bei der Sache. Die Zeichengeräte variieren: Bleistift, Kohle, Kreide, Filzstift, Aquarellfarben oder Pencil für das I-Pad.

Junge Künstler gesucht

„Aktzeichnen ist ein super Vorwand, sich zu treffen“, erklärt Ivan Zozulya, erster Vorsitzender des Kunstvereins. Das Aktzeichnen ist zusammen mit neuen Ausstellungen und Kursen in der Grafikwerkstatt Teil der Strategie, sich nach über 60 Jahren Vereinsgeschichte zu erneuern. „Idealerweise wird es eine Inkubationskammer für Mitglieder, die sich austauschen und kennenlernen können“, stellt sich Zozulya vor, der nun seit einem Jahr den Vorsitz des Kunstvereins innehat. „Es ist eine heikle Zeit für Kunstvereine, und es ist sehr schwierig, Leute zu motivieren, im Vorstand tätig zu sein“, sagt er. Der Altersdurchschnitt sei hoch und der Nachwuchs habe mit Vereinen kaum mehr etwas am Hut. Es gilt, ihn wieder von den Netzwerken und den vielen Ausstellungs- und kulturpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten eines Kunstvereins zu überzeugen.

Vor zwei Wochen hat der Verein eine erste Proberunde mit Aktzeichnen veranstaltet. „Wir waren erstaunlich gut besucht, auch Leute von außerhalb waren dabei“, sagt Zozulya. Über Instagram und Zeitungsankündigungen haben erneut viele nach Böblingen gefunden und können sich nun nach Lust und Laune auf dem Papier austoben: „Es ist ein freies Abzeichnen“, betont Zozulya. Und in der Tat hat jeder seinen eigenen Stil: Manche skizzieren tastend-strichelnd, andere werfen entschlossene Umrisslinien auf den Block, wieder andere konzentrieren sich auf Lasuren und Schatten. Einige fokussieren sich auf den Leib, andere auf Blankas versonnenen Gesichtsausdruck oder auf ihr lässig hochgebundenes Haar. Auch das Konterfei des ein oder anderen Teilnehmers landet zum Scherz auf den Blöcken.

Übung macht den Meister

„Man kann aus dem Machen heraus etwas entwickeln“, hebt Zozulya die Vorzüge des Aktzeichnens hervor. Zugleich gelte es als „Meisterklasse“ oder „Königsdisziplin“. Exklusiv ist es aber nicht: „Es ist für alle Level geeignet“, sagt Zozulya. Vom Strichmännchen bis hin zu Studien der tieferen Muskulatur. Doch ganz gleich, auf welchem Niveau man den Zeichenstift schwingt: „Dranbleiben ist das Wichtigste“, sagt der Vereinsvorsitzende. „Wir schauen mal, was für Ausmaße es annimmt, und ob wir es regelmäßig veranstalten können“, meint er. Er könnte sich einen Turnus von ein- oder zweimal im Monat vorstellen. Wenn Interesse besteht, wäre es auch denkbar, anatomische Kenntnisse zu vermitteln. Die Leiterin der Druckwerkstatt Martina Hampe war es, die Blanka nach Böblingen vermittelt hat. Außerdem bestehen Kontakte zu Michael Stolz, dem Werkstattleiter aus Stuttgart, wo es einen Pool an Aktmodellen gibt.

Ein beliebtes und erfahrenes Modell

Bisher jedenfalls verspricht das Aktzeichnen ein voller Erfolg zu werden: Maria Susi Areal Welta aus Gärtringen zum Beispiel hat ungefähr sieben Jahren Erfahrung in dem Metier gesammelt. „Blanka hat mich zum Aktzeichnen gebracht“, erzählt sie und schwärmt von ihren langen Gliedmaßen: „Wie Giacometti“, fügt sie hinzu. „Beim Aktzeichnen wird das Auge geschult, das Modell ganz schnell auf das Papier zu bannen“, sagt sie. Auch weitere Blanka-Fans sind heute in Böblingen dabei. Und andere hat das Angebot aus der Corona-Klausur wieder in die Kunstgemeinschaft gezogen: „Ich habe davor viel online gemacht“, sagt ein weiterer Teilnehmer. Aktzeichnen-Kurse über das Internet – ein neues Phänomen der Pandemie. „Ich halte davon nichts“, meint Blanka Walter. Sie ist seit 31 Jahren im Geschäft, gibt Kinder- und Erwachsenen-Kurse im Zeichnen und unterrichtet in Schulen oder in Mappenkursen. Ob in der Staatsgalerie, an Hochschulen, der Stuttgarter Modeschule oder in der Kunst- und Werkschule Schönaich – Blanka Walter ist als Modell und Dozentin viel in der Region unterwegs, und es scheint ganz so, als käme mit Böblingen bald noch eine weitere Station hinzu.

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