Alarmierende Entwicklung Baden-Württemberg – Gewalt durch Kinder auf neuem Höchststand

Raufereien und Prügeleien unter Kindern gab es schon immer – doch wie ist die neueste Entwicklung einzuordnen? Foto: imago/Steinach

Werden Kinder zwischen acht und 13 Jahren immer gewalttätiger? Die noch unveröffentlichte Kriminalstatistik 2022 für den Südwesten zeigt: Durchaus. Binnen zwei Jahren stieg die Zahl um knapp 60 Prozent.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Ist der Tod der zwölfjährigen Luise im westfälischen Freudenberg nur die Spitze eines Eisbergs? Die Zahl der Kinder, die als Tatverdächtige bei Gewaltdelikten polizeilich registriert sind, hat in Baden-Württemberg den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Diese alarmierende Entwicklung geht nach Informationen unserer Zeitung aus der Kriminalstatistik für 2022 hervor, die Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) am Donnerstag vorstellen wird. Die noch unter Verschluss gehaltenen Zahlen liegen unserer Redaktion vor.

 

Zahlen alleine sind nicht alles – doch der Trend in den Tiefen der Kriminalstatistik, wo sich Realzahlen des sogenannten Führungsinformationssystems zur strategischen Analyse finden, gibt Anlass zur Sorge: 815 Kinder im Alter zwischen acht und 13 Jahren werden dort als Tatverdächtige bei sogenannten Rohheitsdelikten geführt. Das sind 35 Prozent mehr als im Vorjahr, als 604 Kinder in dieser Kategorie auffällig wurden. Und auch diese Zahl hatte schon eine Steigerung von über 18 Prozent gegenüber dem Jahr 2020 bedeutet. Der Zuwachs seither beträgt hier also knapp 60 Prozent. Zum Vergleich: In den Jahren davor hatte die Zahl der gewalttätigen Kinder etwa zwischen 450 und 550 gelegen.

Höchststand auch bei Jugendlichen

Bei den Tatverdächtigen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren ist die Entwicklung bei Gewaltdelikten ähnlich bedenklich. Mit mehr als 2500 Tatverdächtigen im Führungsinformationssystem ist ebenfalls ein Höchstwert der letzten zehn Jahre erreicht. Über die Jahre waren zwischen rund 1800 und knapp 2300 rabiate Burschen auffällig gewesen.

Dabei dürfte längst nicht alles registriert werden. Zwar ist der Fall zweier 13 und 14 Jahre alter Jungen in den Akten und polizeilichen Datenbanken, die im November 2022 auf dem Arsenalplatz in Ludwigsburg einen 20-Jährigen mit Fäusten und Schlagstock niedergestreckt haben sollen. Doch schon der harmlosere Fall eines Achtklässler-Trios, dass seit Monaten in einer Schule in der Region die Klasse und Lehrer terrorisiert, erreicht weder die Außenwelt noch behördliche Statistiken. Die Schule versucht dies intern zu regeln.

Gibt es etwa eine neue Welle?

Damit zeichnet sich ab, dass sich hier womöglich wieder eine Welle von Jugendgewalt im Südwesten aufbaut. Von solchen Wellenbewegungen hatte zuletzt der Zürcher Kriminologe Dirk Baier gesprochen. „Zwischen 2000 und 2005 hatten wir eine deutlich höhere Jugendgewalt in Deutschland“, stellt er jüngst in unserer Zeitung fest. Die habe sich bis 2015 sogar wieder halbiert.

Der 25-Jahre-Vergleich könnte das belegen. Während die Gesamtzahl der tatverdächtigen Kinder im Südwesten in den vergangenen zehn Jahren stets in der Größenordnung zwischen 7000 und 9000 lag, waren es in den Jahren 2000/2002 jeweils um die 16 000 Kinder, die bei Delikten aller Art erwischt worden waren.

Der 25-Jahre-Vergleich: Gewalt fast verdoppelt

Doch schon zur Jahrtausendwende hatte das Innenministerium, damals mit Thomas Schäuble (CDU) an der Spitze, festgestellt, dass der „Einstieg in kriminelle Karrieren zunehmend früher erfolgt“. Sorge bereitete dem Minister im Jahr 2000 dabei eine „zunehmende Gewaltbereitschaft junger Menschen“. Bemerkenswert ist in der Gesamtschau, dass vor 25 Jahren sogar weniger Gewaltstraftaten insgesamt registriert wurden. Der Vergleich mit der Kriminalbilanz 1998 in Baden-Württemberg zeigt: Damals ging die Polizei insgesamt knapp 48 000 Rohheitsdelikten nach. Im Jahr 2022 sind es nun mehr als 86 000.

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