Der Franke Georg Wilhelm Steller ging als erster Europäer im neu entdeckten Alaska an Land. Die Region gehörte jahrhundertelang zu Russland, bis das Zarenreich sie für einen Spottpreis an die USA verkaufte. Dann wurden Gold und Öl entdeckt.
Zar Peter der Große war sich sicher: Hinter Sibirien ist die Welt nicht zu Ende. Könnte sein riesiges Land mit dem sagenhaften Amerika verbunden sein? Oder trennt ein Ozean die Kontinente? Um das herauszufinden, befahl der wissenschaftlich interessierte Herrscher die erste Kamtschatka-Expedition und engagierte den Dänen Vitus Jonassen Bering als deren Leiter.
Der „Kolumbus des Zaren“, 1681 in Ostjütland geboren, heuerte 1703 in Kronstadt bei der neu gegründeten Kaiserlich Russischen Marine an. Bering kämpfte im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) auf der Seite Russlands gegen Schweden um die Vorherrschaft im Ostseeraum und genoss das volle Vertrauen des Zaren. Ein Mann für schwierige Fälle.
Mammut-Expedition ins Ungewisse
1725 brach Bering in Sankt Petersburg auf und erreichte Kamtschatka drei Jahre später. Das Baumaterial für die Schaluppe, die man vor Ort zusammenzimmerte, musste quer durch das riesige Reich geschafft werden, durch unwirtliche Sümpfe, über reißende Ströme, in klimatisch extremen Bedingungen. Das Mammutprojekt kostete zig Menschenleben und Rubel. Auf der „St. Gabriel“ segelte Bering ins Ungewisse. Bei seiner ersten Expedition entdeckte er zwar das Nordpolarmeer, stieß aber nicht auf Land. Wegen schlechten Wetters musste er umkehren. Auftrag nicht erfüllt.
Zar Peter war da schon tot, doch seine Nachfolgerin Anna Iwanowa (1693– 1740) hielt an der Idee fest. Die Sache hatte nicht nur wissenschaftliche Gründe. Man wollte den Seeweg nach Amerika finden, die sibirischen Bodenschätze erschließen und die Grenze absichern. Neue Jagdgründe für wertvolle Zobelfelle und Seeotterpelze wären auch nicht übel.
Also schickte die Zarin eine zweite Expedition los, an der 3000 Menschen beteiligt waren. Dieses Mal dauerte alles noch länger, Startschuss war 1733, sieben Jahre später wurden die Schiffe „St. Peter“ und „St. Paul“ fertig, mussten dann aber noch einmal in Kamtschatka überwintern. An der Expedition sollte auch der schwäbische Naturforscher Johann Georg Gmelin aus Tübingen teilnehmen.
Zwei Botaniker aus Deutschland
Auf dem Weg zur Pazifikküste studierte Gmelin in Kasan, Tomsk und Irkutsk am Baikalsee die Natur und schrieb den Almanach „Flora Sibirica“. Weil sich die Materiallieferungen immer weiter hinzogen, hatte der Schwabe irgendwann keine Lust mehr. Er wolle „nicht ewiger Bürger von Sibirien werden“ und reiste zurück nach Sankt Petersburg. Also übernahm sein Assistent, Georg Wilhelm Steller aus Windsheim. Der war nicht nur Naturforscher, sondern praktischerweise auch Arzt. So einen konnte Bering gut gebrauchen. Der Franke war nach Russland gekommen, weil er keine Aussicht auf eine Karriere in Preußen hatte. Er sollte in die Geschichte eingehen.
Am 15. Juni 1741 ging es wirklich los mit dem zweiten Versuch einer Expedition. Am 26. Juli 1741 kam Land in Sicht, vier Tage später ankerte die „St. Peter“ vor der heutigen Kayakinsel im südlichen Alaska.
Bering wollte nur rasch frisches Wasser an Bord nehmen und dann so schnell wie möglich zurück. Doch Steller überredete den Kapitän, an Land gehen und Forschungen durchführen zu dürfen. Der verrückte Deutsche sammelte wie besessen Pflanzen, schoss Tiere und dokumentierte die Spuren menschlichen Lebens. Die Einheimischen hatten sich aus Angst vor den Ankömmlingen ins Hinterland zurückgezogen.
Zehn Jahre Vorbereitung für zehn Stunden Aufenthalt
„Die Zeit, welche hier zu Untersuchungen angewendet ward, hatte mit den Zurüstungen ein arithmetisches Verhältnis. Zehn Jahre währte die Vorbereitung zu diesem großen Endzweck, zehn Stunden wurden der Sache selbst gewidmet“, notierte Steller desillusioniert in seinem Reisebericht. Ein Trost: Ein Seelöwe trägt noch heute seinen Namen. Bering und seine Kartografen fertigten die erste Landkarte der Gegend. Sie konnten auch endlich den Beweis führen: Sibirien und Alaska sind durch eine Meerenge getrennt, die heute Beringstraße genannt wird.
Auf dem Rückweg wurde es richtig abenteuerlich. Die halbe Mannschaft erkrankte an Skorbut, man kam in Stürme, strandete an der Küste einer der heutigen Schumagin-Inseln und musste dort überwintern.
Kapitän Bering und viele weitere Besatzungsmitglieder erlebten das nächste Frühjahr nicht mehr. Eine klägliche Resttruppe – darunter Steller – kehrte 1742 nach Kamtschatka zurück.
Trotz dieser abschreckenden Erfahrungen lockte Alaska in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Menschen aus Russland an. Sie wollten vor allem eines: Pelze. Das Zarenreich reklamierte die Region als Kolonie und kämpfte brutal gegen die Ureinwohner, das Volk der Tlingit. 1799 wurde im Südosten Alaskas die Stadt Nowo Archangelsk gegründet, heute bekannt als Sitka, und zur Hauptstadt des Außenpostens erklärt.
Keine 100 Jahre später waren die meisten Pelztiere erlegt, das Land aus russischer Sicht wertlos geworden. Zar Alexander II. brauchte Geld für den Krimkrieg und bot das schwierig zu verwaltende Gebiet den USA an. Dass der Fürst von Liechtenstein zuerst gefragt wurde, wird gerne behauptet, lässt sich aber nicht belegen.
Beim ersten Goldrausch wurden 50 Millionen Dollar verdient
US-Außenminister William H. Seward, nach dem in Alaska viele Straßen benannt sind, handelte den russischen Botschafter Eduard von Stoeckl auf 7,2 Millionen Dollar herunter. Ein sehr gutes Geschäft für die Amerikaner. 30 Jahre später wurden beim ersten Goldrausch 50 Millionen Dollar verdient, dann fand man in der abgelegenen Gegend auch noch Erdgas und Öl. Alaska gehört heute zu den reichsten US-Bundesstaaten. Ein Viertel der Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf fließt in einen Fonds, dessen Gewinn über eine Dividende an die Bewohner ausgeschüttet wird.
1867 rollten die Russen ihre Fahne in Sitka für immer ein. Dennoch finden sich dort noch immer Spuren der russischen Zeit. Häuser aus Holz wie in Sibirien, ein kleines orthodoxes Kirchlein mit Zwiebeltürmchen, etwas großspurig St. Michaels Kathedrale genannt. Die Andenkenläden führen Matroschkas und Figuren von Väterchen Frost. Aber Schilder in den Schaufenstern beteuern die Solidarität mit der Ukraine. Sicher ist sicher – nicht dass Moskau irgendwann wieder die Hand nach Alaska ausstreckt.
Dieser Artikel erschien erstmals am 29.9. 2024 und wurde im August 2025 aktualisiert.