Alb-Fils-Klinikum Abläufe im neuen Klinikum in der Kritik

Ein Sanitäter mit einem Patienten auf dem Weg in die Göppinger Notaufnahme (Symbolbild) Foto: Giacinto Carlucci

Patienten und deren Angehörige berichten, dass sie schlechte Erfahrungen im neuen Göppinger Krankenhaus gemacht haben. Die Klinik verweist auf Datenschutz, verspricht aber Besserung.

Ein knappes halbes Jahr ist das neue Alb-Fils-Klinikum in Göppingen nun in Betrieb, nun ist der Alltag auf dem Eichert eingekehrt. Effizienter soll jetzt alles sein, moderner, alles schöner. Aber ist auch alles besser? Das sehen nicht alle Patienten so.​

 

Wie etwa die 78-jährige Frau aus Göppingen, die nach einem Sturz an einem Werktag in die Notaufnahme gebracht wurde. Auch Wochen danach ist sie noch empört. Von 11 Uhr bis um 22.30 Uhr verbrachte sie auf dem Gang, „es war gerammelt voll“, berichtet sie. Erst nach Stunden sei sie geröntgt worden, nach weiteren vier Stunden erkundigte sie sich nach dem Befund. Es sei falsch geröntgt worden, wurde ihr beschieden, also begann die Prozedur von vorne. Doch zuvor fragte der Arzt eine Pflegerin: „Wie alt ist denn die?“ Nach der Antwort „78“ habe er gesagt: „Dann röntgen wir halt noch mal.“ Die Patientin ist heute noch entsetzt: „Die glauben wohl, man hört schlecht.“ Das tut sie aber nicht, so hörte sie auch, wie sich zwei Schwestern unterhielten: „Sie sagten, es hätten wieder vier Ärzte gekündigt.“ Vier weitere Stunden sollte es dauern, bis der Bericht dann vorlag, zu essen habe die nicht gehfähige Frau nichts bekommen, lediglich auf Nachfrage einen kleinen Becher mit Wasser. Außer Röntgen sei in den knapp zwölf Stunden auch nichts passiert: „Gemacht haben die null.“ Ein „alter Mann“, so erzählt sie, habe nach vielen Stunden gefragt, wann er denn drankomme, er sei bereits seit 7 Uhr hier. Unwirsch sei ihm nur beschieden worden: „Na und?“ Für die 78-Jährige ein Unding: „Das geht nicht, das ist menschenunwürdig. Die sollten mal Anstand lernen.“

Die Alb-Fils-Klinikum GmbH äußert sich nicht konkret zu den Vorwürfen. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu den in Ihrer Anfrage beschriebenen, konkreten Einzelfällen aus Gründen des Patientendatenschutzes nicht direkt äußern können.“ Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht hätten oberste Priorität, teilt Pressesprecherin Susanne Stiltz mit. Patienten könnten ihre Beschwerden jedoch schriftlich einreichen. „Allgemein können wir Ihnen aber mitteilen, dass in der Notaufnahme auf Nachfrage der Patienten Wasser und auch kleine Snacks zur Verfügung gestellt werden, jedoch nicht, bevor die Notwendigkeit eines Eingriffes nicht sicher ausgeschlossen werden kann.“

Telefonische Erreichbarkeit lässt zu wünschen übrig

Auch eine ehemalige Krankenschwester der Klinik am Eichert zeigt sich „entsetzt“ über die Notaufnahme und die Abläufe im Neubau. Mehr als 60 Mal habe sie angerufen, um einen Termin für ihren 85-jährigen Vater auszumachen, der nach einer Überweisung vom Facharzt zur Untersuchung ins Alb-Fils-Klinikum sollte. Durchgekommen war sie nie, „deshalb sind wir dann einfach so hoch“. Dort hieß es, der Vater könne in ein bis zwei Wochen einen Termin bekommen. „Doch die Zeit hatten wir nicht“, sagt die Frau, denn es bestand der Verdacht auf einen Riss der Achillessehne. „Die telefonische Erreichbarkeit kann aufgrund des hohen Patientenaufkommens in einzelnen Fällen erschwert sein“, sagt Sprecherin Stiltz zu diesem Vorfall und verweist auch hier auf eine Kontaktaufnahme per E-Mail.​

Nachdem sie wieder weggeschickt worden waren, ging die Frau mit ihrem Vater in die Notaufnahme, wo ihr Vater einen Rollstuhl ohne Fußstützen bekam, was mit dem verletzten Fuß ein Problem darstellte. „Sie sagten, sie hätten keine anderen Rollstühle“, wurde auf ihren Einwand entgegnet. Passiert sei am Ende nicht viel: „Schließlich hat ein Arzt ein paar Minuten geguckt und meinem Vater dann so einen dicken Stiefel angezogen, ohne zu fragen, ob der passt.“

Das Fazit der Göppingerin: „Meine Eltern hätten das nicht geschafft, sich da alleine durchzuboxen, es war ja eine akute Verletzung. Ich würde das nächste Mal nach Kirchheim gehen.“ Das Problem mit dem Rollstuhl will die Klinik nun angehen, versichert Susanne Stiltz: „Defekte Rollstühle sollten selbstverständlich nicht zur Verfügung stehen. Wir werden dies erneut prüfen und sicherstellen, dass beschädigte Geräte aussortiert werden.“

Die betroffene Frau hat immer noch Kontakte zu ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in der Klinik und sagt: „Einige der Schwestern und Pfleger in den Funktionsabteilungen sind jetzt gegangen, weil man sie einfach in den Schichtdienst gesteckt hat, auch nachts. Das kann man mit Ü60 nicht mehr machen. Die hat man woanders mit Kusshand genommen.“ Sie bedauert die Situation: „Das ist schade, aber das Personal ist halt fertig – die, die noch da sind.“​

Nicht in der Notaufnahme, dafür auf einer Station hat eine 91-Jährige aus einer Voralbgemeinde schlechte Erfahrungen gemacht. Sie und ihre Zimmernachbarin seien nahezu ignoriert worden. So wurden weder eine heruntergefallene Brille noch ein Gebiss der bettlägerigen Damen aufgehoben, mit Verweis darauf, das sei nicht Aufgabe des Pflegepersonals. Beide Frauen seien kein einziges Mal umgekleidet oder gewaschen worden, auch die Windeln seien nicht gewechselt worden. Als wegen eines undichten Infusionsschlauchs die Bettdecke und das Nachthemd der 91-Jährigen durchnässt waren, habe niemand auf die Notklingel reagiert. Schließlich deckte sich die Patientin mit einer Zeitung zu. Das sind nur einige der vielen Vorfälle, von denen der Sohn der Dame berichtet.

Es gibt aber auch Lob

Wie das Personal mit den Patienten umgehe, beschäftigt jetzt auch die Klinik, schreibt Stiltz: „Zum Umgangston in der Notaufnahme und auf Station müssen selbstverständlich alle Mitarbeitenden im Haus einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit Patientinnen und Patienten pflegen. Ihre Schilderungen werden in den jeweiligen Teams und im Qualitätsmanagement geprüft und aufgearbeitet, um sicherzustellen, dass unsere Kommunikations- und Verhaltensstandards eingehalten werden.“ Der Sohn sagt dazu: „Ich habe ja Verständnis, dass es da zu wenig Pflegekräfte gibt, aber ein bisschen Menschenwürde muss schon sein“. Er verteilt aber auch Lob: „Am besten war der Azubi, der war der einzige, der sich gekümmert hat und den man auch etwas fragen konnte.“

Seine Erkenntnis: „Wenn Du da drinnen bist und alt bist und keine Angehörigen hast, bist Du verkauft. Dass man seine eigene Mutter im Krankenhaus trocken machen muss, habe ich so nicht erwartet. Wir haben das auch im Bekanntenkreis erzählt und dann war klar: Wir sind kein Einzelfall.“

Beschwerden können Patienten per Mail an rueckmeldung@af-k.de adressieren.​

Tablets statt Fernsehern auch für Hochbetagte

Interne Kritik
 Der Sohn einer 91-jährigen Patientin glaubt, dass auch Fehlplanungen zu Unmut unter den Beschäftigten geführt haben. So habe eine Schwester gesagt: Ja, das Gebäude sei schön geworden, aber die Organisation sei schlimmer als vorher. „Sie hatten zum Beispiel früher einen Vorratsraum gehabt, jetzt seien es fünf und sie müssten immer alles suchen.“ Was er mitgenommen hat vom Personal aus dem Neubau: „Die waren überhaupt nicht begeistert.“​

Mediennutzung
Auffällig sei auch gewesen, dass die Ladestation für die Tablets auf der Station immer fast vollständig gefüllt war, die Leihgeräte kaum genutzt wurden. „Dafür gibt es keine Fernseher mehr, wie soll denn so jemand ein Tablet bedienen?“, fragt der Mann aus einer Voralbgemeinde, dessen Mutter nach einem Schlaganfall halbseitig eingeschränkt ist.

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