Alb-Fils-Klinikum zieht um Patienten werden durch einen Tunnel aus 50 Party-Zelten transportiert

Die Südseite des Bestandsgebäudes und der neuen Klinik. Hier werden Patienten am Umzugstag durch einen Zelttunnel transportiert und verlegt. Foto: Giacinto Carlucci

Rund 350 Patienten werden am 5. Juli in den Neubau des Alb-Fils-Klinikums in Göppingen umziehen. Schon um 17 Uhr soll der Betrieb hier komplett laufen. Ein Tag, der generalstabsmäßig vorbereitet wird – und zwei Dinge sollten auf keinen Fall passieren.

„Idealerweise macht man das nur einmal“, sagt Ingo Hüttner. Ein Komplettumzug einer Klinik in ein neues Gebäude sei ein Kraftakt, der von langer Hand geplant werden müsse, sagt der Medizinische Geschäftsführer des Alb-Fils-Klinikums (AFK). Der Teufel stecke oft im Detail, die Technik müsse funktionieren, zusätzliches Personal an Bord sein. Und in einem Krankenhaus gibt es keinen Stillstand, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Dementsprechend gespannt blicken Hüttner und der Kaufmännische Geschäftsführer Wolfgang Schmid dem Tag entgegen, an dem die Patienten den Neubau beziehen werden. Seit etwa zwei Jahren bereitet sich das AFK auf diesen 5. Juli vor. Eine Umzugsfirma ist längst beauftragt, das Landratsamt sowie die Rettungsdienste und die Leitstelle sind in die Planungen einbezogen, erklärt Steffen Szlamma, der Leiter der Logistik. „Man muss an alles denken, selbst an einen möglichen Massenanfall an Verletzten“, macht Schmid die Dimension deutlich. Ein Krisenstab wird im Falle eines Falles ordnen, sortieren, steuern, entscheiden und den Überblick bewahren.

 

Nur das OP-Programm wird reduziert

Der Klinikbetrieb läuft ganz normal weiter. „Wir reduzieren lediglich am Mittwoch, Donnerstag und Freitag vor dem Umzug das OP-Programm“, erklärt Hüttner. Im Haus werden am Morgen des 5. Juli noch rund 300 zu behandelnde Patienten auf den Normalstationen sein, die begleitet in den Neubau transportiert werden müssen. Das soll zwischen 8 und 17 Uhr passieren. „Die Patienten werden in ihren Betten über die Südseite in einem Zelttunnel rüber gefahren“, sagt Steffen Szlamma, der den Umzug koordiniert. Rund 50 Partyzelte werden aneinandergereiht – einerseits als Wetterschutz, aber auch aus Datenschutzgründen. Damit es nicht holpert, wird zudem extra ein Vliesboden ausgelegt. Der Altbau soll minutengenau von oben nach unten „leer geräumt“ werden. Damit niemand aus Versehen zum Beispiel auf der Toilette zurückbleibt, hat die Klinik Sicherheiten eingebaut: „Zwei Mitarbeiter suchen das Stockwerk im Anschluss ab und schließen zu“, erklärt Schmid. Zudem werden alle Patienten bei der „Abfahrt“ und bei der Ankunft im Neubau registriert. Szlamma sieht eine Herausforderung: „Flaschenhals sind die Aufzüge. Die müssen alle funktionieren.“ Rund 40 Kinder, Intensivpflichtige und infektiöse Patienten werden vom Deutschen Roten Kreuz abgeholt und mit dem Krankentransportwagen in den Neubau gefahren. Zwölf Krankenwagen stehen nur für diesen Tag bereit. Besuche sind nur in Ausnahmefällen erlaubt.

Alle medizinischen Großgeräte sind weitestgehend installiert

Was möglicherweise viele umtreibt: Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich ausgerechnet am 5. Juli einen Herzinfarkt erleide? Nein, lautet die klare Antwort der Klinik-Chefs. Alle medizinischen Großgeräte seien neu und im Neubau bereits weitestgehend installiert, die Mitarbeitenden seien geschult. Das Herzkatheterlabor zum Beispiel ist am Umzugstag in beiden Gebäuden am Netz. „Wir sind redundant aufgestellt, falls drüben etwas schiefgehen sollte“, sagt Ingo Hüttner. Abgesehen davon könne die Klinik den Betrieb bis zum Schluss aufrechterhalten, was bei einem Ab- und Wiederaufbau der Geräte nicht möglich gewesen wäre. „Das ist mit dem Sozialministerium so abgestimmt“, betont Schmid. Die meisten Großgeräte seien ohnehin Auslaufmodelle gewesen, man habe den Betrieb noch bis zum Umzug strecken können. Drucker und Rechner werden bereits vorher installiert, damit die IT am 5. Juli reibungslos läuft. Eine kleine Einheit, die Gefäßchirurgie, wird bereits einige Tage vorher in den Neubau ziehen und als Pilot testen, ob vom führerlosen Transportsystem und die Essensversorgung über die Rohrpost, Alarmierung und Lüftung bis hin zu den Abläufen im Hybrid-OP alles funktioniert. Schulungen und Einweisungen für Mitarbeiter flankieren diese Vorbereitungen.

Patientendurchläufe wurden bereits trainiert

Eine neuralgische Stelle in der Klinik und besonders am Umzugstag ist die Zentrale Notaufnahme (ZNA). Hier wird morgens der Schalter umgelegt. „Um 7.59 Uhr kommen die Patienten noch im Altbau an, um 8 Uhr im Neubau“, erklärt Hüttner. Die Rettungsdienste werden entsprechend umgeleitet, die Patientendurchläufe wurden in der ZNA bereits simuliert und trainiert. Sollte sich doch ein fußläufiger Notfallpatient in den Altbau verirren, werden Lotsen ihm den Weg weisen. Auch der OP-Betrieb sei gewährleistet: „Am Sonntag können Notfälle operiert werden, am 7. Juli fahren wir mit einem reduzierten Programm und am 8. Juli werden dann alle zwölf OP-Säle in Betrieb sein“, erklärt der Medizinische Geschäftsführer den Plan. Sollte am 5. Juli eine Operation notwendig sein, findet diese im Altbau statt. Küche, Labor, Apotheke, Pathologie und Administration ziehen bereits vorher um, ergänzt Szlamma, deren Betrieb muss zum Teil vom Regierungspräsidium abgenommen werden. Zwei Wochen vor und zwei Wochen nach dem Patientenumzug müssen rund 9000 Kubikmeter Möbel, Medikamente oder Akten von A nach B gebracht werden, erzählt Szlamma. Dinge, die weitergenutzt, weiterverkauft oder gespendet werden, werden in der Kantine und im Hörsaal deponiert, dann legen die Entrümpler los.

„Es gibt jede Menge Themen, die wir beachten müssen“, fasst Wolfgang Schmid zusammen. Er schätzt die Kosten für den Umzug grob auf „einen kleinen, siebenstelligen Betrag“. Klar sei auch, dass bei diesem komplexen Mammutprojekt nicht sofort alles klappen wird. Daher werde ein Meldesystem eingeführt, damit die Belegschaft mitteilen kann, wo es noch hakt nach dem Umzug. Die Strahlentherapie wird zuletzt umziehen, weil die Patienten ihre Therapie an den alten Geräten beenden müssen. Im Altbau soll Ende September komplett das Licht ausgehen. Was mit dem Bestandsgebäude passiert, steht noch in den Sternen, der Kreistag soll im vierten Quartal über Abriss oder Erhaltung abstimmen.

Trotz aller Herausforderungen sieht Hüttner Vorteile: „Unsere isolierte Lage hier oben. Es ist unser Grundstück, es gibt keine Anlieger und keinen Abstimmungsbedarf mit Behörden.“ Nach 30 Metern Luftlinie ist der Umzug für die Patienten geschafft, es sind keine kilometerweiten Entfernungen zurückzulegen. „Die Patienten sind in 15 Minuten im neuen Zimmer“, unterstreicht Szlamma. Was nicht passieren sollte: „Sturm, Gewitter oder ein Busunfall auf der B10“.

Neue Klinik steht in den Startlöchern

Eröffnung
 Am 15. Mai findet die offizielle Eröffnungsfeier des Klinik-Neubaus in Göppingen mit dem Landesgesundheitsminister Manne Lucha statt – das geschieht zwölf Jahre nach dem Baubeschluss. Einen Tag später gibt es dann ein Mitarbeiterfest, der Tag der offenen Tür für die Bevölkerung ist für 24. Mai geplant. Der Umzugstermin in den Neubau ist für den 5./6. Juli vorgesehen.

Standards
 Das neue Alb-Fils-Klinikum ist beim Thema Nachhaltigkeit derzeit der „Goldstandard“. Die deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) hat die Nachhaltigkeit des neuen Gebäudes geprüft und mit dem DGNB-Vorzertifikat in Gold ausgezeichnet. Die Wärmerückgewinnung aus der Abluft trägt zur Nachhaltigkeit bei. Der Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach der Klinik ist auch bei Schnee und Eis einsatzbereit.

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