Albanien Letzte Ausfahrt Adria

Abendstimmung am Strand der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik. Foto: Ludwig
Abendstimmung am Strand der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik. Foto: Ludwig

Albanien ist ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte. Kurt Ludwig hat es entdeckt.

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Zu meinem 65. Geburtstag habe ich mir eine Reise mit dem Motorrad um die Adria gewünscht. Drei Jahre zuvor hatte ich brennende Wälder und Temperaturen von bis zu 47 Grad erlebt, dazu höllischen Verkehr mit aggressiven Fahrern. Diesmal war alles ganz anders. Die Temperaturen lagen zwischen 35und 40 Grad und waren noch erträglich – kaum Verkehr. Der Zustand der Straßen ist gut bis sehr gut. Als ärgerlich erwiesen sich die Schlangen vor den Grenzübergängen nach Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Aber Motorradfahrer haben das Privileg, nach vorne fahren zu dürfen.

Zwischenstation in Dubrovnik, wo ich zuvor bereits zweimal gewesen war. Auch jetzt beeindruckte mich die harmonische Architektur der Altstadt. Während der Krieges zwischen Serbien und Kroatien in den 90er Jahren wurde Dubrovnik von den Bergen herab beschossen. Schäden sieht man keine mehr.

Eine unübersichtliche Straße führte über die Grenze nach Albanien. Gleich hinter der ersten Kurve begegneten mir freilaufende Esel. Zu den ersten Eindrücken gehörten auch die Einmann-Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges und des stalinistischen Enver-Hodscha-Regimes. Offenbar werden sie nicht mehr gebraucht, die Natur überwuchert sie. Enttäuschend fand ich den Shkodër-See, durch den die Grenze zwischen Montenegro und Albanien verläuft. Der See ist schön gelegen, aber die Umgebung mit hässlichen Bauten verschandelt. Eigentlich wollte ich dort übernachten. Ich entschied mich zur Weiterfahrt in die Hafenstadt Durrës. Ich folgte einer gigantisch breiten, schnurgeraden, von der EU finanzierten Straße, auf der locker auf jeder Straßenhälfte ein Großraumflugzeug hätte landen können. Für die Geschwindigkeitsbegrenzungen zwischen 20 und 40km/h fand ich keine Erklärung.

Ohnehin hielt sich niemand daran, es wurde wild überholt. Am Straßenrand standen Polizisten mit Laserpistolen, aber sie hielten keinen an, obwohl viele deutlich schneller als 100 km/h fuhren. Plötzlich kam mir ein Auto auf meiner Spur entgegen, später weitere Autos. Geisterfahrer? Nein, die andere Straßenseite war noch im Bau, keiner hielt es für nötig, mit Schildern darauf hinzuweisen.

Tags darauf empfing mich in der Hauptstadt Tirana das Grauen. Im Reiseführer ist zu lesen, in Tirana sei immer Stau. Stimmt. Gnadenlos schiebt sich jeder in jede noch so kleine Lücke. Auf den Kreuzungen regelten Polizisten den Verkehr. Kaum war die Fahrt freigegeben, stürzten sich die Fahrer in eine erbarmungslose Schlacht um jeden Zentimeter. Im Zentrum ist die italienische Botschaft in der prachtvollen Oper untergebracht. Ein Tourist aus Italien erinnerte mich stolz daran, dass Albanien unter dem Mussolini-Regime noch italienisch gewesen sei. Das erklärt die besondere Lage dieser Botschaft. In einer Oper? Das passt zu Italien und Berlusconi.

Bei meiner Reise durch Albanien habe ich die Region von der Grenze bis zur Hauptstadt und zu der Hafenstadt Durrës gesehen. Kann sein, dass es in anderen Gegenden schöner ist. Dieser Teil zählt nicht dazu. Planlos ist die Landschaft mit hässlichen Gebäuden bebaut. Beton ist der vorherrschende Baustoff.

Interessant auch, welche Autos unterwegs sind. Sie lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Nobelkarossen (oft mit deutscher Nummer, aber albanischen Besitzern) und eine Großzahl Pkw, die vor der Schrottpresse in Sicherheit gebracht werden konnten. Mein Eindruck: Albanien braucht noch geraume Zeit, um mitteleuropäischen Ansprüchen gerecht zu werden. Wer als Motorradfahrer die Gefahr liebt, wird sich wohlfühlen. Schade, dass es keine erkennbare touristische Infrastruktur gibt und die schönen Sandstrände nicht besser erschlossen sind. Die Überfahrt nach Ascona für die Rückreise musste ich selbst organisieren. Problem: Keiner der Beamten sprach Englisch. Deutsche Touristen erklärten mir, an welchem Schalter ich mein Ticket erhalten konnte. Die Überfahrt dauerte 19 Stunden, in Ascona angekommen, empfing mich eine andere Welt.

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