Albertus-Magnus-Gymnasium Stuttgarter Abiturientin gewinnt Jenny-Heymann-Preis

Ife Christiana Onipede hat mit ihrer Arbeit über die Rolle der Frau im Judentum den Jenny-Heymann-Preis gewonnen. Foto: Heidemarie A. Hechtel

Beim Wettbewerb um den Jenny-Heymann-Preis gewinnt Ife Christiana Onipede vom Albertus-Magnus-Gymnasium mit einer Arbeit über die vielfältigen Rollen der Frau im Judentum.

„Du schaffst es“, haben Eltern und Geschwister Ife Christiana Onipede als mentale Unterstützung mit ins Abitur gegeben. Nachzulesen in der Galerie der Mutmacher- Adressen am Zaun rund um das Albertus-Magnus-Gymnasium, wo Familie, Freunde und Mitschüler den schweren Gang in die Prüfung stressmindernd begleiten. Natürlich hat es die 18-Jährige geschafft. Dass sie kurz vorher für ihre Arbeit über die vielfältigen Rollen der Frau im Judentum zwischen Tradition und Moderne den Jenny-Heymann-Preis gewonnen hat, wird ihr Selbstvertrauen beflügelt haben.

 

Brückenbauerin im Dialog zwischen Juden und Christen

Seit 2014 lobt die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Stuttgart den Jenny-Heymann-Preis aus zu Gedenken und Würdigung der Stuttgarter Jüdin, Pädagogin und Brückenbauerin im Dialog zwischen Juden und Christen. Als Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler, über Erinnerungskultur, Holocaust und Themen aus dem Judentum im weitesten Sinne zu schreiben. Niveau und Themenspektrum dieser Seminararbeiten hätten deutlich zugenommen, stellt Nicolaus Lang fest, Lehrer für Kunst und Religion an diesem katholischen Gymnasium, das im Wettbewerb federführend ist. Für die Arbeit von Ife Christiana Onipede ist er voll des Lobes: „Handwerklich perfekt und innovativ.“

Preisverdächtig seien auch die Leistungen von drei weiteren hiesigen Schülern gewesen: Moritz Klein über die ökologische Ausrichtung jüdischer Feiertage und Gesetze, und Jona Amalie Jung und Elena Charlotte Axthelm, die sich gemeinsam dem aktuellen Thema Juden in der Ukraine widmeten. Die Jury vergab unter 20 Einsendungen aus fünf Gymnasien in ganz Baden-Württemberg den zweiten Preis an Clara Sigloch (Ferdinand-Porsche-Gymnasium, Stuttgart), die den Anteil der Medien an der Verbreitung antisemitischer Verschwörungstheorien untersuchte. Dritte Preisträgerin ist Rebekka F. König (Bedeutung der Wissenschaft für die zionistische Staatsgründung) von der Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg.

Das Judentum, sagt Ife Christiana Onipede, habe sie fasziniert, seit es in der 8. Klasse Schwerpunkt im Religionsunterricht war. Den Ausschlag für das aktuelle Thema gab ein Besuch im jüdischen Museum in Berlin: „Hier habe ich erstmals von Regina Jonas, der weltweit ersten Rabbinerin, erfahren.“ Sie wurde 1935 in Berlin ordiniert und 1944 in Auschwitz ermordet. Filme und Dokumentationen lieferten weitere Anregungen, erst recht habe der Besuch in Stamford Hill, dem jüdischen Viertel von London, ihr Interesse an der Stellung der Frau im orthodoxen Judentum geweckt: Die Begegnungen mit Frauen, die züchtig gekleidet sind, Beine und Arme bedeckt, das Haar unter Hüten oder Perücken verborgen.

Sind jüdische Frauen zweitrangig, gar unterdrückt?

Wie hältst Du es mit der Rolle der Frauen? Das ist heutzutage die Gretchenfrage an Christentum, Judentum und Islam. Kleidervorschriften, Einschränkungen und Regeln wie die Trennung nach Geschlechtern in der Synagoge oder ein Rabbiner, der Frauen nicht die Hand gibt, lassen vermuten, dass jüdische Frauen zweitrangig, gar unterdrückt seien. Ife Christiana stellt nichts richtig, sie stellt dar. Sachlich, kompetent, wissenschaftlich korrekt mit Quellen aus dem Talmud und hebräischen Begriffen belegt. Ein weites Feld, denn von der Ultra-Orthodoxie über das konservative Judentum bis hin zur Reformbewegung ist die Rolle der jüdischen Frau unterschiedlich. Gerade die vielen Strömungen herauszufinden und differenziert darzustellen, sei eine große Herausforderung gewesen, räumt Ife Christiana ein. Sie hat sie mit Bravour und aufwendiger Recherche gemeistert, ist tief eingetaucht in jüdische Lebenswelten und die Rechte und Pflichten der Frauen. Vom Entzünden der Sabbatkerzen bis zu Zedaka, der Wohltätigkeit.

Wandel durch Reform und Liberalisierung

Ihr Hauptfokus, bekennt die Autorin, lag aber auf dem Wandel im Leben vieler jüdischer Frauen durch Reform und Liberalisierung. Allein in Deutschland seien mittlerweile elf von 40 liberalen Rabbinern Frauen. Sie stellt Frauen vor, die sich als Akademikerin, Künstlerin oder Politikerin durchgesetzt haben wie die Malerin Alice Haarburger (1891-1942), die Frauenrechtlerin Thekla Kauffmann (1919-1960) oder die Ärztin Maria Margarete Wolf (1880-1944). Dazu passt auch die Namenspatronin des Wettbewerbs, Jenny Heymann (1890-1996): Nach eigener Aussage „jüdisch liberal erzogen, völlig von der Religion und ihren Gebräuchen gelöst und unbedingte Anhängerin der Assimilation“, war Emanzipation für die Lehrerin am Hölderlin-Gymnasium, die den NS-Terror durch Emigration nach England überlebt hatte, selbstverständlich. Damit ist sie ein Vorbild für Ife Christiana Onipede, die mit einem Bekenntnis schließt: „Ich spreche mich für die Gleichberechtigung von Frauen in allen Bereichen der Familie, Gesellschaft und Religion aus“, betont die getaufte Protestantin und macht keinen Hehl daraus, „dass ich mich am besten mit der Rolle der Frau im Reformjudentum identifizieren kann“.

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