Albertville-Realschule in Winnenden Chantal wird bei Amoktat getötet – 17 Jahre später hat ihr Vater eine Botschaft

Uwe Schill hat Bilder und Erinnerungen aus dem Leben seiner Tochter Chantal in seinem Video verwendet hat. Foto: privat/Hilke Lorenz

Vor 17 Jahren starb Chantal Schill beim Winnender Amoklauf. Eine Trennung und viele Therapien später will ihr Vater Uwe Schill andere Eltern aufrütteln – mit einem emotionalen Appell.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Uwe Schill (62) scrollt durch die Fotografien auf seinem Handy. Er setzt seine Brille ab und vergrößert immer mal wieder eines der Bilder, indem er es mit seinem rechten Zeigefinger antippt. „Das war in Tripsdrill“, sagt er dann oder „Das ist beim Kanufahren“. Aber auch „Das ist ihr Grabstein“. Oder „Diese Freundin ist auch tot“. Mit diesem für Außenstehende vielleicht irritierenden bruchlosen Nebeneinander von Leben und Tod lebt er. Die schönen Erinnerungen und der Schmerz liegen nah beieinander.

 

Uwe Schill, zerzaustes grau-weißes Haar, runde Metallbrille, T-Shirt mit Löwenkopfaufdruck, sitzt in seinem Wohnzimmer im Ostalbkreis. Das Haus steht am Rand einer 2500-Seelen-Gemeinde. „Hier fühle ich mich beheimatet“, sagt er gleich bei der Begrüßung und kocht erst mal einen Kaffee für die Besucherin. Diesmal zeigt er jedes dieser Bilder freiwillig, weil er es so will.

Amok von Winnenden wirkt noch heute nach

Er kennt es auch anderes. Auf all diesen Bilder ist seine Tochter Chantal zu sehen. Sie starb am 11. März 2009 einen gewaltsamen Tod. Erschossen von einem ehemaligen 17-jährigen Mitschüler der Albertville-Realschule. Auch dessen Schwester findet sich auf den vielen Bildern ausgelassener junger Menschen beim Rumalbern und Posieren in Schills Handyspeicher. Die Tat vom 11. März 2009 ging als Amoklauf von Winnenden in die Gewaltgeschichte Deutschlands ein. Nach Erfurt wurde die Stadt im Speckgürtel Stuttgarts zum Synonym für unvorstellbares Leid in unzähligen Familien, bei Angehörigen und Menschen, die in unterschiedlichen Funktionen mit dem Ausbruch dieser tödlichen, vom Vernichtungswillen bestimmten Gewalt konfrontiert wurden. Die Schockwellen des Massakers wirken bis heute nach. Aber auch die Fragen, was bringt einen jungen Menschen dazu, seine Gewaltfantasien auszuleben und wie lässt sich das verhindern.

Chantal stirbt mit 15 beim Amoklauf in der Albertville-Realschule

16 Menschen starben an diesem Tag. Darunter acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen der Albertville-Realschule. Die Medien wollten damals Bilder, manche durchforsteten die sozialen Netzwerke nach Fotos der Getöteten. Auch Chantal wurde damals zur öffentlichen Tochter. Zwei Monate vor ihrem Tod hatte sie ihren 15. Geburtstag gefeiert.

Chantal bei einem Motorradausflug zur Löwensteiner Platte. Foto: privat

Jeder durfte die Jugendliche plötzlich deuten, ihre dunkel gefärbten Haare, das weiß geschminkte Gesicht und die dunkelroten Lippen betrachten und die Geschichte einer ihm bis zu der furchtbaren Tat gänzlich Unbekannten erzählen. „Sie war noch am Suchen, wer sie war“, sagt ihr Vater. Sie hätten sie machen lassen, weil sie wollten, dass die Tochter ihren Weg findet, erinnert sich Schill. Und er erzählt, dass das eigentlich ängstliche Mädchen zu ihm als Vater eine ganz besondere Beziehung gehabt habe. Zu ihm setzte sie sich aufs Motorrad, hielt sich an ihm fest und fuhr mit ihm über die Straßen im Land. „Zu mir hat sie Vertrauen gehabt“, sagt er. Am 28. Februar 2009 waren die beiden gemeinsam auf der Wheelies-Motorradausstellung in Ilshofen. Die Liebe zum Motorradfahren verband Vater und Tochter, auch wenn die noch gar keinen Führerschein hatte. Es sollte einer ihrer letzten Ausflüge sein.

17 Jahre liegt die Amoktat zurück. Uwe Schill lebt nicht mehr in Weiler zum Stein (Rems-Murr-Kreis). Er hat ein Tattoo auf dem Unterarm, das einen schwarzen Raben und Chantals Geburtsdatum und ihrem Todestag zeigt. Dazu ein schwarzer Rabe. „Ich habe sie mir immer als Raben vorgestellt“, sagt er. „Ich mag Raben.“ Schill hat eine neue Partnerin, mit der er seit drei Jahren verheiratet ist, lebt in einem Haus, in dem die Wände mit Familienfotografien der neuen Patchworkfamilie dekoriert sind. Er hat eine vierjährige Enkelin und lacht, wenn er von ihr erzählt.

Bei den Erinnerungen an den Tag der Amoktat kommen Tränen

Aber es kommen ihm auch die Tränen, wenn er sich zurück erinnert, wie er am 11. März 2009 von der Arbeit in Stuttgart mit dem Motorrad zurück nach Winnenden fuhr und durch eine Armada von Polizei- und Rettungsfahrzeugen fahren musste. Wie er sich durchgefragt hat bei der Schule und wissen wollte, ob seine Tochter überlebt habe – und alle sagen: Wir wissen es nicht. Wie er sie immer auf ihrem Mobiltelefon angerufen hat, aber nur die Mailbox dranging und er ihre Ansage mit dem glucksenden Lachen hörte. Bis er es erfuhr: Chantal ist tot.

Jedes Jahr fährt Uwe Schill am Jahrestag nach Winnenden zur Gedenkfeier. Auch dieses Jahr. Diesmal hat er ein Musikvideo im Gepäck. „We are riding on our bike“ (Wir fahren auf unserem Motorrad) heißt es. Auf Youtube kann man es sehen. Er versteht es als eine Art Türöffner. Er will es in Winnenden zeigen und für seinen Blick auf das Geschehen werben. Er hofft, dass ihm viele zuhören, wenn er bei Schülerinnen, Schüler und Eltern für einem liebevollen Umgang miteinander wirbt. Es ist seine Botschaft an die Welt, erwachsen aus der Kraft, endlich wieder selbst geben zu können und zu sich gefunden zu haben.

Chantal Schill – mehr als eine Zahl in der Opfer-Statistik

Gleichzeitig ist es eine wunderschöne Erinnerung an seine Tochter – mit Bildern von einem Ausflug nach Tripsdrill, dem Schlittenfahren in Kaisersbach und auch von dem Meer brennender Kerzen vor der Albertville-Realschule, mit dem die Menschen ihre Trauer und ihr Mitgefühlt zeigten. Das Mädchen mit den schwarzen Haaren ist nur eine Facette seiner Tochter. „Sie ist nicht nur eine Zahl in der Statistik“, sagt er. Sie ist auch die Kleine, die auf dem Kinderfahrrad sitzt, das er an sein großes Erwachsenenfahrrad geschraubt hatte. Als sitze sie in einem Beifahrersitz. Und das Mädchen, das mit ihren Katzen schmust.

Trennung, Therapien: Uwe Schill hat einen langen Weg hinter sich

Der Text, den ein Freund vertont hat, erzählt von der innigen Gemeinsamkeit von Vater und Tochter beim Ausflug zur Motorradausstellung, dem einsamen Weg des Vaters auf dem Motorrad zur Arbeit, nicht wissend, was der Tag bringen wird. Den Sekunden in Winnenden, in denen Schüsse die Tochter, ihre Freundin und die anderen töten. Es ist die Rede von einem Jungen ohne Zukunft, der „unsere Zukunft zerstört, der sich und seine eigenen Träume zerstört. “ Und der Heilung in den Armen Jesus, wo es keine Tränen mehr gebe und endlose Träume wahr würden. Schills Botschaft und Überzeugung: Der Tod ist nicht das Ende.

Leben mit Erinnerungen: Chantals frisches Grab. Wie Vater und Tochter sich verstanden, zeigt ein Sommerbild. Foto: privat

Das mitzuteilen, ist ihm wichtig. Er hat einen weiten Weg hinter sich gebracht in den zurückliegenden 17 Jahren nach der Trennung von seiner Frau, Chantals Mutter. Er unternahm Reisen mit dem Motorrad, pilgerte über die Jahre immer wieder in Etappen auf dem Jakobsweg. Am Ende ist er 2300 Kilometer unterwegs gewesen. Unzählige Psychotherapien liegen hinter ihm. Immer war er auf der Suche nach dem, was ihn hält und dem er sich ganz hingeben kann. Das war auch eine ständige Auseinandersetzung mit seinem Glauben und Gott. „Ich habe mich wie ein Baum gefühlt, den man rausgerissen und der irgendwo wieder Wurzeln schlagen will.“ Mal war Uwe Schill gläubig, dann Atheist, weil er glaubte, dem Gott, dem er sich hingeben will, doch nicht gerecht werden zu können.

Schill: Elternliebe ist wichtig

Als seine Tochter stirbt, befindet er sich bereits in einer schweren Krise. Ein Burn-out hatte ihn ausgeknockt, es war ihm alles zu viel. Er arbeitete im Projektmanagement, musste immer mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Und außerdem, sagt er im Rückblick, hatte er einen Beruf, der ihm nicht entsprach. Auch das ist einer der Gründe, warum er sagt, Eltern sollten ihre Kinder lieben und sich entfalten lassen. Nach dem Amok geht bei Uwe Schill gar nichts mehr. Er kann nur noch Hilfsarbeiterjobs machen, wird irgendwann frühverrentet.

Er erinnert sich, wie er vor einem Jahr nach der Gedenkfeier noch ein Weilchen an dem überdimensional großen gebrochenen Ring im Stadtgarten stand, dem Mahnmal, das an die Opfer des Amoks erinnert. Eine Frau, die er gar nicht kannte, habe ihn angesprochen. „Sie haben ja wahrscheinlich eine Geschichte“, sagt sie. Sie fragt, ob er ein paar Minuten Zeit habe, sie ihren Schülern zu erzählen. Uwe Schill erzählt – und merkt, dass er das kann und dass seine Zuhörer bei der Sache bleiben.

Chantal bei einer Ausfahrt auf dem Motorrad ihres Vaters. Foto: privat

Schon nach der Tat hatte er zur Irritation vieler nicht hassen können. Und nun teilte er seine Gedanken mit den Zuhörern, dass jeder Mensch wertvoll sei, eine besondere Gabe habe und dass es doch nicht Schlimmes sei, wenn man sich Blöße gebe. In einer Gemeinschaft könnten alle voneinander profitieren, ohne jemanden auszugrenzen. Schill, der sich in seinem eher ungeliebten Beruf des Maschinenbautechnikers in den Burn-out gearbeitet hatte, sagt heute: Eltern sollten ihren Kinder Zeit und Liebe schenken, statt sie mit Geld und Geschenken zu füttern.

Wenn er das sagt, steht als weißer Elefant immer Tim K., der Täter von damals und der Junge ohne Zukunft aus seinem Song, mit im Raum. Deshalb würde Schill gerne in Schulen oder bei anderen Gelegenheiten sprechen. Er will dem schrecklichen Verlust, den er erlitten hat, etwas Positives entgegensetzen und nicht im Hadern verharren. Immer, in jeder Krise, nach jedem Schicksalsschlag, habe er ganz tief ein seinem Inneren gewusst: „Es ist nie das Ende!“ Auch andere sollten das wissen und leben.

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