Neues Album von Charlotte Brandi „Es braucht alternative Vorbilder für junge Girls“

Die Musikerin und Produzentin Charlotte Brandi setzt weniger auf feministische Parolen als auf echte Veränderungen, die sie selbst anstößt. Foto: Annika Weertz/Annika Weertz

Ein Album ganz ohne männliche Beteiligung, das war ihr Ziel und das hat Charlotte Brandi nun veröffentlicht. Im Gespräch erklärt sie, warum sie mit „An den Alptraum“ ein Vorbild für Jüngere sein will und wieso es an alternativen Lebensmodellen mangelt.

Kultur: Kathrin Waldow (kaw)

Ihr zweites Solo-Album nach dem Ende ihrer Band Me and My Drummer hat Charlotte Brandi bewusst ausschließlich mit weiblichen oder weiblich gelesenen Personen umgesetzt. Als Zeichen gegen die Bequemlichkeit in der Musikwelt. Es geht um Männer, Frauen, die Angst und den Tod.

 

Frau Brandi, in der Ankündigung zum Album steht, „An den Alptraum“ sei ihr Beitrag zur Revolution. Wie ist das gemeint?

Ich habe dieses Album als feministisches Konzeptalbum gedacht, weil mir aufgefallen war, dass ich keine Popalben kenne im deutschsprachigen Raum, die nur von Frauen produziert worden sind. Ich hatte bislang gelernt, dass die Voraussetzung, um ein Album zu machen, immer die ist, dass früher oder später in der Produktionskette ein Mann auftauchen muss. Ich möchte zeigen, dass das auch ohne Männer geht.

Wie lief es?

Glücklicherweise bin ich in Berlin als Musikerin gut vernetzt. Wenn es Musikerinnen gibt, dann hier. Trotzdem musste ich, was den Mix anging, auf Amerika ausweichen. Ich habe keine Frau in Deutschland gefunden, die in dem Zeitraum das machen konnte und meinen Ansprüchen genügt hat. Ansonsten hatte ich meine Stammgitarristin Isabel Ment, zwei weibliche Engineers, Miche Moreno und Amanda Merdzan. Shanice Ruby Bennett am Bass und die Drummerin Aine Fujijoka. Das war meine Band. Produziert habe ich selbst, weil ich keine Produzentin gefunden habe. Wir haben innerhalb von drei Tagen neun Songs aufgenommen. Also sehr effizient und professionell.

Gab es darüber hinaus Unterschiede zu Ihren bisherigen Arbeiten?

Ja, der Unterschied zu allen Zusammenarbeiten mit Männern, was Platten und Musik machen angeht, war, dass ich niemandes Ego streicheln und mit niemandem flirten musste. Noch viel wichtiger: Meine Entscheidungen wurden nicht angezweifelt. Jede Entscheidung, die ich traf, wurde fraglos hingenommen und umgesetzt. In der Vergangenheit gab es früher oder später immer Momente, in denen Männer angezweifelt haben, was ich mir musikalisch ausgedacht habe.

Haben Sie schnell alle Positionen weiblich besetzen können?

Es war sehr knapp, aber es hat ja geklappt. Ich finde jedoch nicht, dass es genug Auswahl gibt. Gerade in den Bereichen Schlagzeug, Engineering, Produktion und Mix fehlt es sehr an guten Frauen.

Was sollte sich dahingehend in der Musikwelt ändern?

Ganz unbescheiden: Alben und Projekte wie dieses. Das Vorbild und Türöffner sein kann. Ich bin in den 90ern groß geworden, und für mich gab es das nicht. Ich war in Alanis Morissette verliebt, weil sie eine Ausnahmeerscheinung war. Weil sie sich nicht sexualisiert hat wie alle anderen Sängerinnen, die ich kannte. Ich musste es machen, um ein Vorbild für jüngere Girls zu sein. Wir müssen das Spektrum aktiv erweitern um das, was wir sind. Ich bin nicht Tiktok-Star oder Influencerin oder sexualisiertes weibliches Wesen, ich bin Mensch und Künstlerin, und das fehlt unter den Angeboten heute immer noch.

Dennoch gab es auch Frauen wie Patty Smith, die das auch schon vorgelebt haben. Auch sie hat eher anspruchsvolle Musik gemacht. Was ist Ihr Antrieb für diese, für manche vielleicht auch anstrengende Art von Musik, die nicht unbedingt die breite Masse anspricht?

Es kommt darauf an, worum es einem im Leben geht. Mir geht es darum, Charlotte Brandi zu werden und zu dem Kind zurückzukehren, das ich einmal war. Dass ich die Essenz von dem, was mich bewegt und berührt, weitermale. In der Bhagavad Gitta, in dieser alten indischen Schrift, soll es den Ausspruch geben: „Gott lebt durch dich als du.“ Das heißt, wenn du du wirst, bleibst oder bist, dann erfüllst du deinen göttlichen Auftrag. Das hat mir schon immer eingeleuchtet. Ich habe das Musikmachen als Seelenauftrag.

Auf Ihrem Album geht es viel um Verlust und Tod. Eine Art Abrechnung?

Ich staune immer, dass diese Themen so ausgeklammert werden. Noch nie hat ein Mensch überlebt. Die Sterberate auf der Welt liegt bei 100 Prozent. Wir machen alle möglichen Verrenkungen, diese Tatsache abzufedern oder uns davon abzulenken. Ich finde, darin liegt einer der Schlüssel für ein richtiges Leben, dass man weiß, dass das endet und dass man sich in diesem Kontext zur Menschheit verhält. Nämlich als kleines Licht, das aufleuchtet und wieder verlöschen wird. Ich finde, aus der Frage, wie man mit dem Tod umgeht, resultiert sehr stark eine Haltung dem Leben gegenüber.

Was hat es mit dem Titel des Albums auf sich?

Ich habe mit dem Album auf ein paar Träume geantwortet. „Der Ekel“ habe ich zum Beispiel geschrieben, nachdem ich geträumt habe, dass ich auf dem Schulhof stehe und Jungs auf mich zeigen und sagen, „Charlotte ist so eklig“. Dann bin ich aufgewacht und dachte mir, der Ekel ist eine starke Empfindung. Das ist so eine kindliche Angst, was ist, wenn sie mich nicht mögen. Und das stärkste Gefühl dazu ist für mich der Ekel.

Was ist Ihr persönlicher Albtraum?

Mein Albtraum ist, dass ich mich verliebe und mit einem Mann Kinder zeuge und dieser Mann, während ich auf die Kinder aufpasse, das Leben führt, das ich führen wollen würde. Dass der ein Studio hat und Alben aufnimmt, dass der auf Tour fährt und flirtet, dass der One-Night-Stands hat, dass der säuft, dass der feiert, dass der eine gute Zeit hat, und ich bin dann zu Hause und muss dem vertrauen und so dankbar sein. Aaaaalbtraum! Davon handelt das Stück „Die letzte Brücke“.

Auf dem Album treffen düstere Texte auf glockenhellen Gesang und kinderliederhafte Melodien. Definieren Sie sich durch Gegensätze?

Ja, das ist volle Absicht, weil ich finde, dass nichts nicht gegensätzlich ist. Eine Wahrheit, die vielleicht schmerzt, wird erst verdaulich, wenn man Zucker draufschmiert. Ich habe versucht, den Feminismus, um den es mir geht, mitschwingen zu lassen, wie eine Zutat von vielen. Also ich wollte kein Album mit feministischen Parolen machen.

Musikalisch hört man Einflüsse aus unterschiedlichen Strömungen und Stile wie etwa mexikanische Volksmusik und Kirchenchöre.

Richtig. Ich bin mit Folklore und traditioneller Musik aus anderen Ländern aufgewachsen. Oft stand dabei die Stimme im Vordergrund. Lateinamerikanische, vor allem mexikanische, bolivianische und peruanische Volksmusik hat mich vor ein paar Jahren sehr beschäftigt. Da gibt es genau das, was ich so liebe, dieses Kinderliederhafte, Einfache. Diese Schlichtheit benötigt für mich dann eine Zutat, die woanders herkommen muss, und das habe ich auf dem Album umzusetzen versucht.

Solo oder Band, was liegt Ihnen mehr?

Alleine ist es eine sicherere Nummer für mich, und ich genüge mir dabei in einem sehr hohen Maß. Aber ich vermisse es, mit anderen Menschen Musik zu machen und eine gemeinsame Mission zu teilen. Deshalb hoffe ich, bald wieder Menschen zu finden, mit denen ich im Kollektiv arbeiten kann.

Mit wem würden Sie gerne mal zusammenarbeiten?

Mit der amerikanischen Vokalkünstlerin Meredith Monk, die ist wirklich wahnsinnig. Und mit Björk ein Konzeptalbum machen, das wäre auch toll. Und mit einem georgischen Männerchor.

Da sind dann Männer dabei!

Ja, so ist es eben, niemand ist perfekt (lacht).

Sie waren in Lützerath. Haben Sie politischen Aktivismus für sich entdeckt?

Ja, ich bin sehr von meiner Mutter geprägt, die in den 80ern die politische Band Cochise hatte, die waren in der Hausbesetzerszene in Dortmund aktiv. Ich habe irgendwelche Bilder daraus mitgenommen, und als ich in Lützerath war, wurden wir eingekesselt von der Polizei, und ich hatte eine Panikattacke. Ich bin eventuell nicht geeignet für Aktivismus. Nichts bringt mich so zuverlässig zum Heulen wie SEK und Polizisten, die Zivilisten verhauen. Deswegen versuche ich noch auszuloten, wie brauchbar ich dafür bin. Aber die Haltung dahinter ist die gleiche wie bei meiner Mutter früher. Dass die Lebensgrundlagen von kapitalistischen Konzernen schonungslos aufgebraucht werden und dass man sich solidarisch stark machen muss, solange man kann. Ich hoffe, dass mein Aktivismus noch ausbaufähig ist.

Charlotte Brandi tritt am Samstag, 1. April 2023, um 20 Uhr im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin auf.

Über Charlotte Brandi

Vita
Charlotte Brandi (37) ist in Dortmund aufgewachsen. Ihre Mutter Klara Brandi und ihr Vater Peter Freiberg gründeten 1979 die Polit-Folk-Band Cochise, die bei Linksalternativen und Hausbesetzern angesagt war.

Band
Charlotte Brandi wurde mit der Indie-Band Me and My Drummer bekannt, die sie 2009 mit Matze Pröllochs gründete. Die Indie-Band löste sich nach zwei erfolgreichen Alben 2017 auf. Seit 2019 ist Charlotte Brandi solo unterwegs.

Projekte
„An den Alptraum“ (VÖ: 10. 2., Listen Records) ist ihre zweite Soloplatte. Brandi hat als Theatermusikerin unter anderem am Landestheater Tübingen gearbeitet und ist zudem Literaturstipendiatin.

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