Alejandro Zambras „Ferngespräch“ Sex, Lügen und ein alter Computer

Eine neue Stimme aus Chile: der Autor Alejandro Zambra Foto: Instituto Cervantes de Tokio
Eine neue Stimme aus Chile: der Autor Alejandro Zambra Foto: Instituto Cervantes de Tokio

Alejandro Zambra gilt in Chile als würdiger Nachfolger seines 2003 verstorbenen Kollegen Roberto Bolaño. In seinen Erzählungen führt er ein „Ferngespräch“ mit der Erinnerung.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Stuttgart - Vielleicht ist die Erinnerung so etwas wie eine Festplatte. Unser Persönlichstes wäre dann im Ordner „Eigene Dokumente“ gespeichert. Der chilenische Autor Alejandro Zambra klickt sich in den elf Erzählungen seines Bandes „Ferngespräch“ – der im spanischen Original „Mis Documentos“, eigene Dokumente, heißt – durch Aufzeichnungen, in denen unterschiedliche Lebensmomente gespeichert sind. Man begegnet jungen und nicht mehr ganz jungen Männern, die sich zwischen Gelegenheitsjobs, literarischen Ambitionen, sexuellen Obsessionen und der Liebe zum Fußball durchmogeln. Eigentlich passiert nicht viel, das aber wird zum Ereignis: Mal gewöhnt sich der Protagonist das Rauchen ab, mal zieht er in ein fremdes Leben ein, mal jobbt er nachts in einem Callcenter, tags als Dozent in der Berufsschule – und alles vermischt sich zu merkwürdigen Tag-und-Nacht-Träumen, die das Dasein einer Generation umwälzen, die unter Pinochet aufwuchs und im Übergang zur Demokratie erwachsen wurde.

Liebesgeschichte löst sich in Mediengeschichte auf

Diese Erzählungen lesen sich frisch, geradlinig und unmittelbar, führen aber gleichzeitig zwischen den Zeilen einen Kommentar zu der medientheoretischen These mit sich, nach der unsere innersten Erlebnisse und Erinnerungen von den äußeren Bedingungen der Aufschreibesysteme formiert werden, in denen wir über sie verfügen. So stehen im Mittelpunkt nicht nur Figuren, die man als Abspaltungen des Ichs im Ordner „Eigene Dokumente“ begreifen kann, nicht nur Gauner, Frauen, Katzen und andere Tiere, sondern auch Computer und das Aufschreibesystem der Erzählung selbst. „Mein Vater war ein Computer, meine Mutter eine Schreibmaschine“, heißt es gleich zu Beginn. Das erste Notebook hat im Zentrum der Tastatur einen kleinen roten Ball, „die Informatiker nannten ihn ,Klitoris‘“. In den „Erinnerungen eines Personal Computers“ kreist das Triebleben eines Paars komplett um eine aus heutiger Sicht fossile Datenverarbeitungskiste: Die Liebesgeschichte löst sich in der Mediengeschichte auf.

Zur Eigenart dieser Erzählungen gehören auch Effekte eines Diktiergeräts. Zambras Skizzen halten den Sound einer postdiktatorischen Gesellschaft fest, in welcher der Name Pinochet düster nachhallt und sich mit der Melancholie der Gegenwart mischt: „In der Nacht hörte man von Ferne zwei Autos zusammenstoßen und aus der Nähe die Echos der Nachbarn, die stritten oder redeten oder vielleicht einen Dialog ausprobierten, bei dem gestritten oder geredet wurde.“ Was tatsächlich geschieht, bleibt in der Schwebe. In seiner Heimat gilt Zambra als würdiger Nachfolger des 2003 verstorbenen Roberto Bolaño. Vermutlich hätte Zambra aber auch nichts dagegen, mit dem chilenischen Mittelstürmer Chuptete Suazo verglichen zu werden: Der, so heißt es, sehe fett und langsam aus, sei aber in Wirklichkeit das Gegenteil davon.

Alejandro Zambra: Ferngespräch.
Stories. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Suhrkamp Verlag, Berlin. 237 Seiten, 22 Euro.




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