Aleph Alpha Auf dieser Firma ruhen die deutschen KI-Hoffnungen

Jonas Andrulis hat die Heidelberger KI-Firma Aleph Alpha gegründet. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Aleph Alpha aus Heidelberg gilt als eine führende deutsche Firma für Sprach-KI. Mit rund 500 Millionen Euro Investitionen soll das Start-up Größen wie ChatGPT-Entwickler Open AI die Stirn bieten. Doch neben hohen Erwartungen regt sich auch Kritik.

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

Der anonyme Bürobau liegt in einem Gewerbegebiet am Rand von Heidelberg, zwischen Tankstelle und Supermarkt. Im Großraumbüro herrscht Start-up-Atmosphäre, ein paar Mitarbeiter in Videocalls, neben dem Konferenztisch ein Regal mit Süßigkeiten. Wenig verrät, dass hier Deutschlands aktuell gefragtestes Unternehmen für Künstliche Intelligenz (KI) sitzt. Aleph Alpha hat Anfang November knapp 500 Millionen Euro Investorengeld eingesammelt. Neben SAP und Bosch ist auch die Schwarz-Gruppe – Betreiber der Discounterkette Lidl – eingestiegen. Im Heilbronner KI-Innovationspark, den die Schwarz-Stiftung plant, will man eng zusammenarbeiten.

 

Entsprechend gut gelaunt ist Ramin Mirza, als er durch das Hauptquartier der Firma führt. Als Vizepräsident ist es seine Aufgabe, die KI von Aleph Alpha in die Welt zu bringen. Im Juli ist er vom Techriesen Google zu dem Start-up mit 60 Mitarbeitenden gekommen. „Wir werden mit Anfragen von Unternehmen überrannt“, erzählt er.

Eine Antwort auf Open AI?

Aleph Alpha wird heute oft als deutsche Antwort auf die führende US-amerikanische KI-Firma Open AI gepriesen. Denn Aleph Alpha hat eine KI entwickelt, die Text erzeugen kann – mit derselben Technologie im Hintergrund, die auch den Chatbot „ChatGPT“ von Open AI antreibt. Das Sprachmodell aus Heidelberg heißt „Luminous“, es vervollständigt Sätze, beantwortet Fragen oder fasst zusammen, auf Deutsch, Englisch und anderen Sprachen. Gegründet wurde Aleph Alpha 2019 von Jonas Andrulis und Samuel Weinbach. Andrulis, der CEO, arbeitete früher für Apple und verkörpert heute wie kaum ein anderer öffentlich „KI aus Deutschland“. Dass man nun eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung hat, sorge im Team für „eine Mischung aus Freude, Begeisterung und der Realisierung, dass damit eine Verpflichtung kommt“, sagt Mirza.

Ramin Mirza, Vizepräsident von Aleph Alpha für den Bereich „Revenue“ Foto: Aleph Alpha

Denn das Versprechen von Aleph Alpha, auf das die Investoren setzen, hat es in sich. Mirza spricht von einer „neuen industriellen Revolution“, die KI derzeit auslöse. Statt auf einen massentauglichen Chatbot setzt Aleph Alpha auf Firmen und große Organisationen als Kunden. „Die Frage ist, wer künftig die Wertschöpfung in der Hand hat“, sagt Mirza. Europa dürfe nicht abhängig werden. Deshalb wirbt Aleph Alpha mit „Souveränität“: Die KI läuft auf deutschen, firmeneigenen Servern oder bei den Kunden selbst. Greift sie auf sensible Daten zu, wandern die nicht zu US-Konzernen; die Kunden sollen jeden Teil des Systems anpassen können. Partnerfirmen sollen beim Bau konkreter Anwendungen helfen. Die eigene Forschungsabteilung will nachvollziehbar machen, wie die KI zu ihren Ergebnissen kommt – denn Sprachmodelle erzeugen längst nicht immer die gewünschte oder richtige Antwort. „Es geht um mehr als nur um Quellenverweise“, sagt Mirza. „Ich will wissen: Warum wurde diese Quelle überhaupt herangezogen?“

KI ist keine „Wahrheitsmaschine“ – und könnte trotzdem vieles verändern

KI unter eigener Kontrolle einsetzen zu können, ist für Firmen und Behörden interessant, die mit heiklen Daten arbeiten. Das hebe Aleph Alpha von der internationalen Konkurrenz ab, bestätigen internationale Marktanalysten – auch wenn man die Firma bisher vor allem in Deutschland kennt.

Den ständigen Vergleich mit Open AI hält Mirza für „Fluch und Segen“. Einerseits ist Sprach-KI seit ChatGPT in aller Munde, andererseits muss Mirza oft erklären, dass sie trotzdem keine „Eier legende Wollmilchsau“ ist und auch keine „Wahrheitsmaschine“. Man wolle Menschen schulen, Verantwortung im Umgang mit KI zu übernehmen, sagt er. Was das heißt, lässt sich an „F 13“ erklären, einem KI-Tool von Aleph Alpha, das die baden-württembergische Landesverwaltung seit Mai erprobt. „F 13“ soll Dokumente zusammenfassen und durchsuchen oder Aktenvermerke schreiben. Verwaltungsmitarbeitende sollen so effizienter werden, den Ergebnissen aber nicht unbesehen vertrauen. Im Staatsministerium spricht man von einer „tollen Chance“ und will „F 13“ nach einer positiven Überprüfung und Bewertung in den Dauerbetrieb schicken.

Trotz vieler potenzieller Nutzer hat das Tool aber bislang erst 10 000 Zusammenfassungen erstellt und 4000 Rechercheanfragen beantwortet. Ein langjähriger Wegbegleiter ist Kristian Kersting, Informatikprofessor an der TU Darmstadt. Andrulis habe ihn früh von der Idee überzeugt, es brauche ein europäisches Open AI, erzählt er. Seitdem forscht man gemeinsam, Kersting hat in die Firma investiert. Als ChatGPT vor einem Jahr auf den Markt kam, habe er einen „Wow“-Moment erlebt, sagt Kersting: „Luminous ist gar nicht so weit weg davon – jetzt wird wahr, woran ich geglaubt habe.“

Trotzdem gibt auch Kersting zu, dass die KI von Aleph Alpha noch aufzuholen hat. Ein Test der Universität Stanford sieht sie bei vielen Aufgaben eher im Mittelfeld im Vergleich zu neuesten Konkurrenzmodellen. Kersting verweist jedoch darauf, dass Open AI bereits viele Milliarden Dollar von Microsoft erhalten habe.

Wie konkurrenzfähig ist „Luminous“?

Für Aleph Alpha kommt gerade vieles zusammen: Während nun die lang erwartete Finanzierungsrunde steht, verhandelt die EU aktuell die letzten Details ihres großen KI-Gesetzes. Strittig bis zuletzt: die Frage, ob neben konkreten Anwendungen auch breit einsetzbare „Basismodelle“ wie jene von Aleph Alpha oder Open AI auf Risiken geprüft werden sollen. Deutschland und Frankreich wollten zuletzt nur Selbstverpflichtungen für Anbieter – im Sinne von Aleph Alpha und dem französischen Start-up Mistral, beides europäische KI-Hoffnungsträger. Der Sicht schloss sich vergangene Woche auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) an. Manche KI-Forscher und Datenschützer warnen hingegen davor, die Verantwortung nur KI-Anwendern zu überlassen.

Aleph Alpha hat die Aufmerksamkeit der Politik

Es ist kaum zu übersehen, dass von der Bundespolitik bis zum Südwesten große Hoffnungen auf der Heidelberger Firma ruhen. Andrulis ist regelmäßig auf Fotos zu sehen mit Bundesministern wie Robert Habeck (Wirtschaft, Grüne) und Volker Wissing (Verkehr, FDP), mit Kretschmann, sogar mit Kanzler Olaf Scholz (SPD).

Die jüngste Finanzspritze verkündete Andrulis in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin, Habeck gratulierte persönlich und sprach von einem „Musterbeispiel“. Mit Hans-Jörg Schäuble zählt zudem ein Sohn des CDU-Urgesteins Wolfgang Schäuble zu den Vizepräsidenten der Firma. Ein Sprecher betont jedoch, es bestehe „keinerlei Zusammenhang zwischen der Arbeit von Aleph Alpha und dem familiären Umfeld unserer Mitarbeiter“.

Verkehrsminister Volker Wissing (li.) und Ministerpräsident Winfried Foto: dpa/Bernd Weißbrod

„Es ist für uns wichtig, das Gehör der Politik zu haben“, sagt Mirza. Er warnt vor „Regulierung, die Innovation erdrückt.“ Für ein großes Techunternehmen sei es kein Problem, zwanzig Leute dafür abzustellen, „für uns wäre das ein Drittel der Mannschaft“.

Kritik an „ungefiltertem“ KI-Sprachmodell

Für Aleph Alpha geht es darum, welche Maßstäbe an das Sprachmodell angelegt werden. Medienrecherchen haben gezeigt, dass das KI-Modell „Luminous“ auch menschenverachtende Texte erzeugt. Entsprechende Satzanfänge vervollständigt es teils mit rassistischen Ausfällen, Homophobie, sogar Hitlerlob. Dahinter liegt ein Problem, vor dem alle Anbieter solcher Sprach-KIs stehen: Große Sprachmodelle werden mit Unmengen an Material trainiert, das zwangsläufig meist aus dem Internet stammt und sich nicht gänzlich von problematischen Texten reinigen lässt. Die Frage ist, wie sich unerwünschte Antworten möglichst vermeiden lassen. Bei Aleph Alpha argumentiert man, entsprechende Filter würden erst auf der Ebene der Anwendung eingebaut. Ein solches Endprodukt wäre der Verwaltungsassistent F 13 – oder, im Fall von Open AI, der Chatbot ChatGPT. Mirza sagt, in manchen Fällen könne sogar Hassrede nötig sein: „Wenn ich mein Callcenter schulen will, wie man mit Aggression umgeht, dann wäre ein Modell mit Filter unbrauchbar.“ Mirza argumentiert, Kunden könnten „Luminous“ auch auf dieser Ebene anpassen.

Die Büros von Aleph Alpha Foto: StZN/Simon Koenigsdorff

In Heidelberg führt Mirza an der offenen Bürotür seines Chefs vorbei. Im Halbdunkel des verlassenen Raums glimmt einsam ein leuchtendes Firmenlogo an der Wand hinter dem Schreibtisch. Jonas Andrulis ist viel unterwegs in diesen Tagen, auf Bühnen und Podien, auch bei der Klausur des Bundeskabinetts war er zu Gast. Trotzdem, meint Mirza, sei Andrulis „sehr nahbar“. Wie Kersting hat auch ihn Andrulis’ Vision überzeugt. Aleph Alpha sei, sagt Mirza, „eine einmalige Chance, etwas mitzugestalten, das auch die Welt meiner Kinder und Kindeskinder prägen wird“.

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