Alexander Gerst Wie Europa den Mond erobern will

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Die Mission von Alexander Gerst trägt nicht umsonst den Namen Horizons. In der Raumfahrt herrscht Aufbruchstimmung. Auch Esa-Generaldirektor Jan Wörner mischt die Karten gerade neu. Ein Gespräch über Visionen, Ziele und neue Allianzen.

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Stuttgart/Paris - Während Alexander Gerst seine zweite Reise zur Internationalen Raumstation (ISS) antritt, nimmt die Europäische Raumfahrtagentur (Esa) bereits das nächste Ziel ins Visier: den Mond. Esa-Generaldirektor Jan Wörner wirbt für eine internationale Kooperation zum Aufbau einer Station dort. Hier skizziert er die nächsten Schritte.

Gerst wird als zweiter Esa-Astronaut Kommandant der Internationalen Raumstation sein. Ist das bloße Routine oder eine Ehre?
Die Amerikaner haben ein sehr gutes Gefühl dafür, wer das leisten kann. Tatsächlich ist es ein großer Vertrauensbeweis. Noch vor wenigen Jahren war so etwas unmöglich.
Wann werden Astronauten wieder auf dem Mond landen?
Gehen Sie davon aus, dass wir im nächsten Jahrzehnt mehrere Mondmissionen sehen, auch mit Astronauten.
Wir haben sieben junge Astronauten, jeder von denen soll mindestens zweimal fliegen. Die sind ja alle jung genug. Alexander bekommt jetzt den zweiten. Und danach werden wir sehen, wohin die Reisen gehen. Es ist durchaus möglich, dass einige weiter fliegen als bisher.
Alle wollen zum Mond. Zugleich ist eine Station im Orbit sehr wichtig. Beides gleichzeitig wird aber zu teuer. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?
Ich glaube schon, dass mehr Kommerzialisierung richtig ist. Sie entlastet die Staatshaushalte. Aber die Industrie muss auf den Gewinn schauen, und wenn Sie den Hausmeisterdienst an Bord der Raumstation vergeben, wo bleibt da der Gewinn? Es kommt dann zum einen auf die Laufzeit an. Betreiben wir die Station bis 2024 oder bis 2028 – oder länger? Und es kommt auch darauf an, wie wir das Ziel Mond angehen. Wenn wir das so machen wie die Amerikaner in den 1960er Jahren, dann haben Sie recht, dann ist das sehr teuer und blockiert viele andere Aktivitäten. Deshalb setze ich auf die Idee „Moon Village“, denn das ist ein völlig neues Konzept.
Bleiben wir kurz noch bei der ISS. Sie sprechen davon, dass die Laufzeit bis zum Jahr 2028 verlängert werden könnte. Ist das schon Konsens?
Nein, das ist noch nicht Konsens. Die Europäer haben zugesagt, dass sie bis mindestens 2024 mitmachen wollen. Die Amerikaner und Russen sagen, lasst uns bis 2028 weitermachen. Private Unternehmen wie SpaceX von Elon Musk entwickeln zurzeit Transporter – deshalb wollen sie natürlich, dass diese möglichst lange zum Einsatz kommen. Unabhängig von den Entscheidungen über eine mögliche Laufzeitverlängerung glaube ich, dass wir wegen der Experimente in der Schwerelosigkeit auch in Zukunft eine Plattform im niedrigen Erdorbit brauchen.
Nun zu Ihrer Idee eines Moon Village, für das es bereits Konzeptstudien gibt. Wie stellen Sie sich dieses Dorf vor, und wer könnte alles daran mitwirken?
Dieses Konzept geht eben nicht davon aus, dass eine Nation ihr komplettes Mondprogramm alleine auf die Beine stellt. Die Idee ist vielmehr, dass sich öffentliche und private Akteure weltweit zusammentun. Diese neue Art der Zusammenarbeit wird die öffentlichen Haushalte deshalb auch gar nicht so extrem belasten.
Was wäre wissenschaftlich so interessant an einer Rückkehr zum Mond?
Es ist längst nicht so, dass der Mond komplett erforscht wäre: Niemand ist je in seine Polargebiete vorgedrungen, dort haben robotische Sonden vor einigen Jahren Wassereis im Boden entdeckt. Wasser ist für die Raumfahrt eine wichtige Ressource, man kann daraus Treibstoff für Raketen und Sauerstoff für Astronauten herstellen. Sowohl die Mondrückseite als auch die Pole sind wissenschaftlich hochinteressant, das Moon Village könnte als eine Art Boxenstopp bei der weiteren Erkundung des Universums fungieren.
Die Idee kam international gut an. Trotzdem scheint es im Moment, als würde wieder ein Rennen beginnen, bei dem jeder für sich allein unterwegs ist. Wo bleibt die Gemeinschaft?
Wir haben weltweit Unterschriften gesammelt und geprüft, wer mitmachen will – staatlich, privat, kommerziell, das ganze Spektrum an Akteuren. Dann haben wir abgefragt, in welchem Bereich die Interessenten etwas beitragen wollen: Transport zum Mond und zurück, Landung, Ex­perimente, Transport auf dem Mond. Wenn wir das auswerten, bekommen wir eine ganze Reihe möglicher Projekte. Damit sind wir zurzeit beschäftigt. Das ist etwas anderes als ein Wettlauf im All. Wir werden das bald öffentlich auf unserer Webseite darstellen, so dass jeder Interessent sieht, wo ein Platz für ihn wäre.
Eine Art Börse also.
Ja, genau, das ist eine Börse. Ich sage immer, wir sind ­Broker. Wir machen Dinge möglich.
Und dann arbeitet die Esa mit Konkurrenten wie SpaceX und kleinen Start-ups aus Berlin zusammen?
Und mit Firmen wie Astrobotics in den USA oder mit der chinesischen Raumfahrtagentur. Wir haben nicht alle an Bord. Aber ich glaube, die Idee läuft. Wir werden die erste Mission 2019 haben.
Was heißt das genau?
Wir werden vermutlich 2019 die erste Mission zum Mond im Rahmen der Kooperation „Moon Village“ erleben.
Das klingt nach einem ambitionierten Zeitplan für das ehrgeizige Projekt. Können Sie mehr dazu sagen?
Nein. Nicht jetzt. Ich stehe nicht so gern mit Terminversprechen in der Öffentlichkeit, die ich dann nicht halten kann. Aber auch die Esa fliegt gleich mehrfach zum Mond: Einerseits beteiligen wir uns an der geplanten Station der Amerikaner in der Umlaufbahn des Mondes, andererseits arbeiten wir mit den Kollegen aus Russland an der unbemannten Mission Luna 27, die Proben am Südpol des Mondes sammeln und zur Erde zurückbringen soll.
Die politische Lage in Europa ist angespannt. Wie wollen Sie die Fäden trotzdem zusammenführen?
Ich bin überzeugter Europäer. Das Schlimmste, was wir jetzt machen können, ist, am Boden wieder einen neuen Wettlauf ins All zu beginnen. Das sollten wir auch in Europa nicht tun. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.