Göppingen - Die Zuschauerin in der Heininger Voralbhalle blickt bei der Einwechslung dieser imposanten Erscheinung fragend zu ihrem Nebensitzer: „Ist das nicht der Footballprofi?“ Ihr Mann auf der Tribüne blickt kurz auf seinem Mobiltelefon auf das Mannschaftsfoto der Schwäbisch Hall Unicorns – und ja: Das ist Alexander Kreß, der an diesem Abend nicht für den American-Football-Bundesligisten im Einsatz ist, sondern für die MSG DJK Göppingen/TV Holzheim Handball spielt – in der Kreisliga A gegen den TV Schlat.
Wie es zu dieser ungewöhnlichen Doppelrolle kam? „Ganz einfach, ich bin ein Teamsportler durch und durch und möchte in der langen Football-Winterpause nicht nur im Fitnessstudio Gewichte stemmen“, sagt der 27-Jährige. Von Oktober bis Januar läuft in der German Football League (GFL) nichts, also hält er sich während der Pause bei den Handballern fit.
In der Abwehr türmt sich der 1,85 Meter große und 120 Kilogramm schwere Koloss im Mittelblock als fast unüberwindbares Hindernis auf. Vorne ackert er am Kreis, stellt mit seinem massigen Körper Sperren und schafft Räume für seine Mitspieler. Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis er sich nach einer langen Football-Saison in der anderen Sportart zurechtfindet. Zumal der Göppinger erst vor vier Jahren erstmals über Kumpels direkt mit Handball in Berührung kam. „Ich kannte Handball nur vom Zuschauen bei den Frisch-Auf-Spielen, mir fehlten die kompletten Basics, aber es ist einfach ein cooler, lokaler Sport, in dem jeder jeden kennt“, sagt Kreß, „ganz anders als Football, wo die Spieler zwei, drei Stunden zum Training anreisen.“
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In seiner Hauptsportart spielt Kreß in der Defensive Line. Sie nennen ihn mit Spitznamen „Mücke“ – frei nach dem Filmklassiker mit Kraftpaket Bud Spencer. Was kein Zufall ist: Kreß’ Hauptjob ist es, Läufe zu stoppen, den gegnerischen Quarterback unter Druck zu setzen, im Fachjargon zu tackeln oder zu sacken, also den Ballträger zu Boden zu bringen. „Man muss explosiv und kraftvoll sein, aus einem tiefen Schwerpunkt heraus, alles reinfeuern, was man hat“, erklärt Kreß. Und im Handball? „Bin ich genauso ehrgeizig, aber lang nicht so gut“, sagt der gelernte Industriekaufmann mit einem herzhaften Lachen. „Alles ist im Handball anders. Ich muss mich selbst zügeln, darf nicht zu krass in die Zweikämpfe einsteigen und vor allem nicht mit der Schulter vorausgehen.“
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Ab und zu haben es die Mann-gegen-Mann-Duelle mit ihm in der Kreisliga schon in sich. Beim Spiel gegen Schlat in Heiningen bekommt das sogar ein Mitspieler zu spüren. Bei einer Abwehraktion trifft Kreß unglücklich die Hand des eigenen Kollegen, mit schmerzverzerrten Gesicht und kopfschüttelnd trottet der Spielmacher der „Wilden Eulen Oberholz“, wie sich die MSG nennt, zur Bank, kam aber nach der Pause wieder.
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Manchmal sehen seine Aktionen etwas unorthodox aus, doch in der Szene ist er als fairer Sportsmann bekannt. Sowohl im Handball als auch im Football, wo er 2017 und 2018 mit den Schwäbisch Hall Unicorns die deutsche Meisterschaft feierte. Seine Handballkollegen begleiteten ihn dabei im Sonderzug zum German Bowl nach Berlin, im Gegenzug schauten auch schon die Football-Profis in den Niederungen der Handball-Kreisliga vorbei. 2019 und 2021 reichte es für Kreß immerhin zur deutschen Vizemeisterschaft. In diesem Jahr spielte er von März bis Juli für ein Football-Team in Stockholm und wurde Zweiter in der schwedischen Liga. „Man kann sich über die Plattform Europlayers bewerben, das ist ein Art „work and travel“, man hat Kost und Logis frei – und es hat riesig Spaß gemacht“, sagt Kreß über seinen Trip nach Skandinavien.
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Selbst auf höchstem Niveau gibt es im europäischen Football keine Reichtümer zu verdienen. Im Gegenteil: Zumindest bei den Unicorns in Schwäbisch Hall (Kreß: „Wir sind so etwas wie ein gallisches Dorf“) gibt es außer für die sechs sogenannten „Importamis“ nur Spritgeld. Generell erhalten in der GFL ausländische Spieler in den bis zu 50 Mann umfassenden Kadern schon bis zu 1000 Euro im Monat, oft gekoppelt an Zusatzleistungen wie kostenlose Flüge in die Heimat, Unterkunft, Ausrüstung und Gutscheine für zwei warme Mahlzeiten pro Tag. Was kein Nachteil ist, da eine Tagesration von 5000 Kalorien für machen Footballer keine Seltenheit sind.
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Wie es mit Alexander Kreß sportlich weitergeht, ist offen. Mit den Clubs Frankfurt Galaxy und Stuttgart Surge stand er im vergangenen Jahr schon einmal in Gesprächen. „Die European League of Football würde mich schon reizen, andererseits sind die Unicorns ein absoluter Topverein mit familiärer Atmosphäre“, sagt Kreß. Fast so familiär wie die „Wilden Eulen Oberholz“ seiner MSG. „Handball wird aber immer meine Zweitsportart bleiben“, sagt Kreß – in der er eine erstklassige Attraktion in der Kreisliga ist.