Wien - Er ist ganz sicher ein Diener seines Herren und wird wohl alles tun, was dieser sagt. Man kann sich aber bei dem designierte österreichischen Kanzler Alexander Schallenberg sicher sein, dass er auch in einer privaten Kommunikation die Contenance behalten wird, anders als Sebastian Kurz, der bekanntermaßen seinen Vorgänger Reinhold Mitterlehner per WhatsApp einen „Arsch“ nannte. Schallenberg könnte gar nicht so rumpöbeln.
Der Mann, der erst vor kurzem der ÖVP beitrat und seit langem zum engsten Kreis des ÖVP-Chefs gehört, soll Kurz im Kanzleramt aber nur vertreten. Schallenberg ist der Lückenbüßer auf Zeit, bis zu dem Tag, an dem Kurz zurückkehren will. Und genau das passt auch sehr gut zu dem 52-Jährigen, der schon aufgrund seiner Sozialisation in einer Diplomatenfamilie gelernt hat, dass größtmögliche politische Loyalität die Grundbasis jeglichen Denkens und Handeln sein muss und dass es deshalb auch darum geht, die eigene Meinung von vornherein an die Regierungsmeinung anzupassen. Schallenberg wird es Kurz leicht machen, er wird ihm dienen, weil er genau das auch bislang gemacht hat. Und Kurz, der ÖVP-Chef bleibt und Fraktionsvorsitzender wird, wird ihm genau sagen, was er zu tun hat.
Schallenberg muss das Verhältnis zu den Grünen wieder herstellen
In Österreich wird auf sozialen Medien deshalb ein Meme verbreitet, das Schallenberg als Marionette an den Fäden von Kurz zeigt. Der Mann mit den mittels Pomade nach hinten gelegten Locken, der aus einem Adelsgeschlecht stammt, was man ihm an seiner Tonalität und Wortwahl zuweilen anhört, ist einer, der keinerlei Konflikte heraufbeschwören will. Im Gegenteil: In den nächsten Wochen muss er versuchen, das Vertrauen zwischen der ÖVP und den Grünen wieder einigermaßen herzustellen, damit die Regierungszusammenarbeit mit dem Vizekanzler Werner Kogler einigermaßen intakt bleibt.
Das könnte ihm gelingen. Denn der Jurist geht auf andere zu, er ist es gewohnt, Situationen – auch aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen im Wiener Außenamt – sofort zu analysieren und Strategien auszuarbeiten. Meistens ist er sehr zuvorkommend, manchmal ironisiert er, zuweilen kann er sehr aufgeregt sein, vor allem wenn es um Image-Fragen geht. Die sogenannte „Message-Control“, die die Kanzlerschaft von Kurz prägte, ist auch ihm ein großes Anliegen. Wie viele österreichische Politiker fürchtet auch er die Boulevard-Presse. Und Mut ist sicher nicht sein Hauptmerkmal.
Ideologisch steht er auf Kurz’ rechtspopulistischer Linie
Ideologisch hat sich Schallenberg selbst in den vergangenen Jahren ganz auf die rechtspopulistische Linie von Kurz gebracht, auch wenn diese noch so hanebüchen erscheint. So sprach er sich etwa noch Mitte August, als die Taliban längst übernommen hatten, dafür aus, dass Österreich weiter Afghanen nach Afghanistan abschiebt. Diese erstaunliche Biegsamkeit hat wohl mit einem grundsätzlichen Politikverständnis zu tun: Es geht um die Umfragewerte und nicht um Werte an sich.
Alexander Schallenberg wuchs in Indien, Spanien und Paris auf. Er studierte in Wien, Paris und am renommierten College d´Europe in Brügge. 1997 trat er in den Dienst des Außenministeriums, er arbeitete an der Vertretung Österreichs bei der EU in Brüssel und wurde Pressesprecher im Außenamt. Als Kurz 2013 Außenminister wurde, ernannte dieser Schallenberg zum Leiter der Stabsstelle für strategische Planung. Unter der ersten Regierung von Kanzler Kurz leitete er die EU-Koordinationssektion im Kanzleramt, in der jüngsten Koalition mit den Grünen wurde er dann selbst Außenminister.
Nun soll er die Regierung retten. Nachdem Kurz wegen des parteiinternen Drucks – vor allem der mächtigen Landeshauptleute – am Samstagabend doch zurücktrat, muss der pflichtbewusste Schallenberg ran, der den Job sicherlich selbst nicht anstrebte, aber zu Kurz, den er aufrichtig bewundert, ganz offensichtlich nicht Nein sagen kann.