VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle WM-Vergabe nach Katar „war ein Fehler“

Die WM an Katar zu vergeben sei ein Fehler gewesen, sagt Alexander Wehrle. Foto: IMAGO/Michael Weber

Der VfB-Boss musste den Flug nach Katar wegen der Personalfragen in Stuttgart verschieben, was aber nichts an seiner klaren Haltung zur Wüsten-WM verändert hat.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Alexander Wehrle ist nicht nur der Vorstandsboss des VfB, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der DFB GmbH & Co. KG. In dieser Tochtergesellschaft hat der Deutsche Fußball-Bund seine wirtschaftlichen Aktivitäten und digitalen Geschäftsfelder gebündelt. Normalerweise sind die beiden Aufgaben problemlos miteinander vereinbar. Manchmal aber auch nicht. Ursprünglich wollte Wehrle (47) vor dem ersten Spiel des deutschen Teams am Mittwoch gegen Japan im Kreise einer DFB-Delegation zur WM nach Katar aufbrechen – und damit als bekennender Homosexueller eine wichtige Botschaft senden. Allerdings gibt es derzeit auch in Stuttgart brisante Themen.

 

Beim Drittletzten der Fußball-Bundesliga, der sich seit Montag auf einer Marketing-Reise in den USA befindet, ist die Zukunft von Sportdirektor Sven Mislintat (Vertrag bis Juni 2023) ebenso ungeklärt wie die Frage, ob Michael Wimmer zum Cheftrainer befördert wird. In der nächsten Woche will Wehrle mit Mislintat und Wimmer Gespräche führen. Das Ziel des VfB-Chefs ist, beide Themen bis Anfang Dezember zu klären – um es womöglich noch rechtzeitig vor dem Achtelfinale der deutschen Elf nach Katar zu schaffen.

Deutliche Worte des VfB-Chefs

Egal, ob dieser Plan aufgeht oder nicht, eine klare Haltung zum Turnier in der Wüste hat der Fußball-Funktionär jetzt schon. Alexander Wehrle über…

seine Motivation, zur WM nach Katar zu reisen „Als Aufsichtsratsvorsitzender der DFB GmbH gehöre ich bei Reisen immer zur Delegation der Nationalelf. Wir wollen mit der deutschen Mannschaft bei dieser WM möglichst weit kommen, um ein positives Bild des deutschen Fußballs zu zeichnen. Zugleich war mein Ziel, als Person, die sich nie über ihre sexuelle Orientierung, sondern stets über ihre Werte, ihre Normen und ihr Handeln definiert hat, in Katar ein Zeichen zu setzen: Es muss völlig egal sein, woher du kommst, wie viel du hast, an wen oder was du glaubst, wen du liebst – wir leben alle auf einem Planeten und haben uns gegenseitig auf Augenhöhe zu respektieren.“

… die Kritik am WM-Ausrichter „Das Turnier ist 2010 an Katar vergeben worden. Das war ein Fehler. Ich hätte mir die Intensität der Diskussion, die wir heute führen, schon damals gewünscht. Wir müssen bei der Vergabe künftiger Turniere wesentlich kritischer und aufmerksamer sein, gerade in Bezug auf die Themen Menschenrechte und Nachhaltigkeit. Falsch wäre es aber, jetzt die WM zu boykottieren. Denn dadurch, dass sie stattfindet und die Welt auf Katar blickt, hat es auch Tendenzen zu gesellschaftlichen Veränderungen gegeben – und diese sollten nachgehalten werden.“

Für die Spieler gibt es keinen Maulkorb

… die Kraft des Fußballs „Der Sport kann ein verbindendes Element über alle kulturellen Identitäten hinweg sein – das ist in der Bundesliga innerhalb jeder Mannschaft so. Nach den Diskussionen der vergangenen Wochen und Monate, in denen viele ganz klar Haltung gezeigt haben, glaube ich, dass es künftig nur noch sehr schwer möglich sein wird, ein großes Fußball-Turnier oder Olympische Spiele zu vergeben, ohne dass die bedeutenden Fragen nach Menschenrechten, Arbeitsbedingungen und kulturellem Verständnis vorher beantwortet werden.“

… seine Erwartungen an die Spieler „Wir leben in einem freien Land der Meinungsäußerung. Jeder Spieler kann auch bei dieser Fußball-WM sagen und tun, was er für richtig hält – es gibt keinen Maulkorb. Mein Appell wäre allerdings, dass es vor Ort während der WM um Fußball gehen soll. Darauf sollten sich die Spieler konzentrieren. Ich würde, was politische Botschaften angeht, dem Einzelnen deshalb nicht zu viel abverlangen wollen. Die klare Haltung des DFB zu transportieren, sehe ich als Aufgabe der Funktionäre an.“

Wehrle: „Das finde ich nicht fair“

… die One-Love-Kapitänsbinde „Sie statt der Regenbogen-Binde zu tragen, ist kein Zugeständnis an den WM-Ausrichter, denn die One-Love-Binde hat eine ganze klare Aussage. Sie ist nicht nur ein Zeichen gegen Homophobie, sondern gegen jegliche Form der Diskriminierung. Das ist, wenn man es rational betrachtet, ein viel umfassenderes Statement. Die Emotionalität in der öffentlichen Diskussion, weil angeblich etwas versteckt werden oder man sich etwas nicht trauen würde, finde ich nicht fair.“

… seine Vorstellungen, wie die WM ablaufen wird „Ich wünsche mir aus sportlicher Sicht tolle und interessante Spiele. Und ich hoffe auf eine sichere WM ohne Ausschreitungen. Aber natürlich kann man das Drumherum nicht ausblenden, das ist doch klar. In Katar gibt es ein anderes kulturelles Verständnis, dazu findet die WM im europäischen Winter statt. Das verändert natürlich viel.“

… über die Kneipen, die bewusst keine WM-Spiele zeigen „Für den deutschen Fußball würde ich mir schon erhoffen, dass die Fans zumindest bei den Spielen unserer Mannschaft mitfiebern – die Jungs spielen in Katar ja vor allem, um die Leute zu begeistern. Aber ich habe auch Verständnis für alle, die sagen: Ich schaue nicht, das ist mein individueller Boykott. Wenn ich Besitzer einer Kneipe wäre, würde ich es allerdings anders machen und mich fragen, was ich verändere, wenn ich die Leute nicht zu mir einlade und ihnen damit das Gemeinschaftserlebnis verwehre. Wird dies getan, um damit ein Zeichen zu setzen, muss man das respektieren, ich würde mir jedoch vielmehr wünschen, dass in den nächsten vier Wochen der Fußball im Mittelpunkt steht.“

… seinen WM-Favoriten „Es gibt einige Nationen, die den Titel holen können, und ich bin überzeugt, dass die deutsche Mannschaft dazugehört.“

… die Tatsache, dass zum deutschen WM-Kader kein VfB-Profi gehört „Das ist extrem schade, keine Frage. Allerdings waren weder die letzte noch die laufende Spielzeit sonderlich erfolgreich, deshalb ist das keine große Überraschung. Aber natürlich ist es unser Ziel, irgendwann wieder ein Aushängeschild zu haben, das den VfB im Nationalteam vertritt. Wir haben viele tolle Talente in den Jugendnationalteams, zuletzt bei der U-17-EM waren sieben von ihnen dabei! Meine Vision ist, bei der EM 2024 in Deutschland wieder einen VfB-Spieler im deutschen Team zu haben. Das wäre eine tolle Sache.“

Die WM schafft auch Verpflichtungen

… die Zeit nach der WM „Mit dem Abpfiff des Turniers darf unser Einfluss und unsere Verantwortung nicht enden. Ich fordere vom Fußball-Weltverband, auch im Anschluss an die WM immer wieder kritisch nachzufassen und darauf zu drängen, dass es weitergehende Veränderungen gibt. Und ich unterstütze die Forderung von DFB-Präsident Bernd Neuendorf, mit einem Entschädigungsfond für Arbeitsmigranten nachhaltig zu reagieren. Das wäre ein deutliches Zeichen!“

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