Für Yogis ist die Matte ein unverzichtbarer Begleiter. Foto: KI/Midjourmey/Montage: Ruckaberle/
Die Yogamatte gibt Halt in allen Lebenslagen. Was viele nicht wissen: Ihr Vorgänger war eine rutschfeste Teppichunterlage, entwickelt von einem schwäbischen Tüftler.
Sie ist neutraler Boden. In Deutschland suchen Millionen von Menschen regelmäßig Zuflucht auf ihr. Während sich die Welt immer schneller zu drehen scheint, erdet sie, gibt Halt, und das auf einer Fläche von 60 mal 180 Zentimetern.
Die Yogamatte ist heute mehr als eine Sportunterlage. Passionierte Yogis wie Andrea Häcker-Hollmann aus Reichenbach brauchen sie immer in Reichweite. „Das ist wie beim Pawlowschen Hund: Ich muss die Matte nur ausrollen, schon spüre ich so ein Gefühl der Ruhe“ , sagt die 62-jährige Anwältin. Sie hat eine im Auto, im Büro, in ihrem Yoga-Studio in Esslingen. Zuhause liegt ihre schwere Manduka bereit– die Marke ist der Daimler im Mattenkosmos. Nur für Yin-Yoga greift sie lieber zur Schafswollmatte („schön warm“). Im Sommer bevorzugt sie manchmal Kork als Unterlage („angenehm, wenn man schwitzt“). Und wenn sie in den Urlaub fliegt, packt sie eine faltbare Travel Mat ein. „Die wiegt nur 0,85 Kilogramm.“
Yoga auf Tierhäuten
Der wahre Yogi weiß, dass Yoga eigentlich eine jahrtausendalte, aus Indien stammende philosophische Lehre ist und die Yogamatte eine junge Erfindung der westlichen Welt. Ursprünglich strebte ein Yogi durch Meditation oder Atemübungen nach höheren Erkenntnissen. Erst später kamen Körperübungen dazu, statische Asanas, die als Vorbereitung auf die Meditation dienten. Man verknotete die Beine zum Lotossitz, lag in der Krokodilhaltung, stand auf einem Bein. Als Unterlage verwendete man Grasmatten oder Tierhäute. Erst als der Inder Tirumalai Krishnamacharya in den 1930er Jahren fließende Bewegungen und Sprünge in die Praxis integrierte, entstand der Wunsch nach rutschfestem Untergrund. Man behalf sich mit Teppichen, gefalteten Decken oder gewebten Baumwolltüchern.
Yogamatte und die magische Haut
Als Entdeckerin der Yogamatte gilt die Yogalehrerin Angela Farmer. Die 86-jährige Britin war Schülerin des berühmten Yogalehrers B. K. S. Iyengar, der wiederum ein Schüler von Krishnamacharya war. „Ich suchte verzweifelt nach einer rutschfesten Unterlage“, erzählt Farmer. Bei ihr kommt hinzu, dass ihre Haut nach einer Operation am Nervensystem nicht mehr in der Lage ist, Schweiß zu bilden, und sie daher früher immer heimlich in die Hände spuckte. „Ich träumte von einer magischen Haut, die mich hält“, erinnert sie sich.
Angela Farmer Foto: Gustav Glas
Im Jahr 1968 entdeckte sie während eines Lehraufenthalts in München im Kaufhaus Hertie eine weiße Teppichunterlage. „Sie war dünn, dicht, klebrig – ich war im Himmel.“ Als sie damit nach London zurückkehrte, beneideten ihre Schüler sie um die Matte. „Von meiner nächsten Münchenreise kam ich zurück mit so vielen Matten wie ich tragen konnte.“ Ihr Vater Richard witterte eine Geschäftsidee und kontaktierte einen deutschen Hersteller: Die Firma Wunderlich aus dem Harz stellt bis heute Teppichgleitschutz her. Von dort bezog er zurechtgeschnittene Teppichunterlagen und eröffnete in England das erste Yogamattengeschäft. Er nannte seine Produkte „The Original Molivos Mat“ – zu Ehren seiner Tochter, die Workshops im griechischen Molivos leitete.
Werbung für die Molivos Mats aus den 80er-Jahren – Farmer lebte später in Kanada. Foto: Farmer
Die Teppichunterlagen, die Angela Farmer beim Münchner Hertie fand, stammten jedoch höchstwahrscheinlich vom damaligen Platzhirsch der Branche: Die Firma A. Kolckmann aus Alfdorf, einem Dorf im östlichsten Zipfel des Rems-Murr-Kreises, meldete bereits Anfang der 1960er Jahre Patente auf Teppichunterlagen an und belieferte sämtliche Kaufhausketten mit ihrem „Anti-Rutsch-Wunder“, auch Hertie.
A. Kolckmann, kurz AKO, stellte ursprünglich Teppiche und Läufer her. Als Claus Kolckmann in den 1950er Jahren als Handlungsreisender unterwegs war, fiel ihm auf, dass die Menschen darauf herumstolperten und ausrutschten. Eine Lösung sollte her. „Mein Vater war ein typischer schwäbischer Tüftler“, erzählt Johanna Kolckmann. Jahrelang experimentierte er in einem kleinen Labor in Mutlangen herum, dem damaligen Standort der Firma. Zuerst versuchte er es mit Latexkleber, den er auf Rupfensäcke schmierte. Doch die Oberfläche wurde nach kurzer Zeit bröselig. Das erstes Produkt, die AKO Standard, ein gelbes, dünnes, leicht steifes Gitter auf Latex-Basis, brachte nicht den ersehnten Durchbruch.
Dann experimentierte er mit weichem PVC, aus dem seit Ende der 1950er Jahre auch Quietschetiere und Werkzeuggriffe hergestellt wurden. Er verrührte das PVC mit Weichmachern und anderen Zusatzstoffen, beschichtete damit ein Gittergewebe und buk das Ganze im Ofen. So entstand 1963 die „AKO Elastic 4.5“, die erste PVC-Teppichunterlage überhaupt, behagliche 4,5 Millimeter dick. Ein Verkaufsschlager, den er sich patentieren ließ.
Yoga damals noch kein Begriff
Auf der Heimtex Messe in Frankfurt im Jahr 1964 waren sämtliche Muster nach einem Tag vergriffen. Kolckmanns Ehefrau Mechthilde musste noch in der Nacht weitere Muster mit dem Auto nach Frankfurt schaffen. Darauf folgten weitere „Hidden Champions“ wie Tischdeckenunterlagen, Rutschunterlagen für Teppiche, die auf einem zweiten Teppich liegen, oder Sicherheitsmatten. Die Umsatzkurve ging steil bergauf. Aus Platznot zog AKO 1970 von Mutlangen sieben Kilometer weiter ins Gewerbegebiet von Alfdorf.
Damals war Claus Kolckmann Yoga kein Begriff. Aber er schien zu ahnen, dass seine entwickelte Bodenhaftung auch im Sportbereich Zuspruch finden könnte. Noch in den 70er Jahren brachte AKO eine Sportmatte heraus. Vor allem Frauen verwendeten sie für ihre Gymnastik. „Die ist zusätzlich beflockt mit Velours. Wir verkaufen sie bis heute“, erzählt Johanna Kolckmann.
Claus Kolckmann als Handlungsreisender Foto: AKO
Es dauerte allerdings noch weitere drei Jahrzehnte – Claus Kolckmann war bereits im Ruhestand, sein Neffe Cornelius Sorg führt seitdem die Geschäfte – bis auch Alfdorf das Yogafieber erreicht hat. Und das auch nur, weil ein britischer Kunde die Schwaben mit der Nase darauf stieß. „Ein Großhändler sagte uns, er würde immer sein Yoga auf unserer Teppichunterlage machen, und ob wir nicht unser Sortiment erweitern wollten“, erinnert sich Johanna Kolckmann. Man änderte nur wenig am Grundrezept, rührte Farbpigmente mit klangvollen Namen bei, wie olivgrün oder pflaumenlila. So tauchte AKO schließlich im Jahr 2003 ein in die Welt des Yoga.
Täglich 3000 Quadratmeter Yogamatte
Sie sind kein kleiner Marktakteur. In der Produktion in Alfdorf laufen täglich rund 3000 Quadratmeter Yogamatte vom Band. Das Rezept geht so: Zuerst werden die Zutaten für die PVC-Masse in einem Bottich verquirlt. Dann wird die Paste über eine Walze auf ein eigens produziertes Polyester-Glasfasergewebe von beiden Seiten aufgetragen. Die kaschierte Glasfaserbahn verschwindet oben an der Decke in einen Backofen, wo die Paste mit dem Gewebe verschmilzt, und wandert auf der anderen Seite als Yogamatte wieder heraus. Sind die Mattenbahnen ausgekühlt, kommen sie in die Konfektionierung, wo sie auf die gängigen Größen zugeschnitten und eingerollt werden. Die Matten landen unter Markennamen wie Bodynova im Verkauf und gehen je nach Modell für um die 30 bis 35 Euro über den Ladentisch.
Johanna Kolckmann Foto: Gottfried Stoppel
Die Alfdorfer Matten bedienen seit jeher Käufer, die es gut und billig mögen – während drum herum ein Markt der Extreme entstanden ist. Eine Yogamatte kriegt man heute bereits für 3,45 Euro – made in China und aus petrochemischen Rohstoffen – oder auch für 1730 Euro von Louis Vuitton. Die mit Signaturen der Luxusmarke versehene Matte besitzt einen Trageriemen aus „naturbelassenem Rindsleder“, was große Empörung in der spirituellen Yoga-Szene und einen Shitstorm im Netz ausgelöst hat. Schließlich stammt Yoga aus Indien, wo die Kuh geheiligt wird. Offenbar gibt es aber trotzdem genug Abnehmer. Die Matte ist weiterhin im Online-Handel erhältlich.
Aber auch die prinzipientreuen Yogis, die der Natur keinerlei Schaden zufügen wollen, sind eine lohnenswerte Zielgruppe. Die Firma hejhej stellt hierzulande Matten her, die nach eigenen Angaben nur aus Plastikmüll bestehen. Für Naturpuristen wiederum, die Kunststoffe als unrein erachten, gibt es etliche Anbieter von Kork- und Naturkautschukmatten, wobei Kork Kautschuk schlägt wegen seines geringeren CO2-Fußabdrucks.
So laufen Yogamatten bei AKO vom Band. Foto: Gottfried Stoppel
Neuerdings melden sich auch Stimmen in der Szene, die einen zu hohen „Grip“ – so nennt man den Grad der Rutschfestigkeit – kritisch sehen. „Ohne ein gewisses Maß an Instabilität neigt man dazu, sich in Positionen hineinzuhängen“, warnt die Plattform Yoga International. So entstehe zwar viel Flexibilität, aber zugleich würden wichtige Haltemuskeln nicht trainiert. Auch diese Bedenken lassen sich ausräumen: Die Firma terrtus bietet Baumwollmatten für 169 Euro an, hergestellt in der Schweiz. Oder wie wäre es mit Yoga auf der Wiese?
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