Locquirec - Bucht La Lieue de Grève wäre eine Idylle aus dem Tourismusprospekt – stünde da nicht dieser Mann mit seiner furchterregenden Gasmaske am Strand. In geflickten Gummistiefeln stapft er durch den Morast, der sich bei Ebbe in den kleinen Senken gebildet hat. Hie und da hält er inne, gräbt kurz mit einer kleinen Gartenschaufel und hält ein gelbes Messgerät in das Loch. Ein fiepender Ton ist zu hören, der nur eines bedeuten kann: Gefahr!
Es ist heiß, Yves-Marie Le Lay keucht. „Wenn ich die Maske nicht tragen würde, könnte ich hier sterben“, sagt er. „Die Konzentration an Schwefelwasserstoff ist enorm.“ Todesgefahr? An diesem wundervollen Ort, an diesem Strand am westlichen Zipfel der Bretagne? Yves-Marie Le Lay kennt diesen zweifelnden Blick und hebt an zu einem kurzen Vortrag.
Eine tödliche Menge an giftigem Gas
„Der ganze Strand ist bei Ebbe bedeckt mit Unmengen grüner Algen“, erklärt er und macht mit dem Arm eine weit ausholende Bewegung. „Wenn die Sonne darauf scheint, beginnen die zu verrotten. Die oberste Schicht trocknet und schließt die darunterliegende Schicht luftdicht ab. Die Algen darunter zersetzen sich aber weiter und bilden dabei Schwefelwasserstoff, ein hochgiftiges Gas. Wenn nun jemand auf diesen kleinen Algenberg tritt, kann das Gas schlagartig entweichen, und wenn die Konzentration ausreichend hoch ist, kann das bis zum Tod führen.“ Wie zum Beweis stapft er durch eine kleine Algenansammlung, ein übel riechender Geruch nach faulen Eiern und Verwesung macht sich breit: Schwefelwasserstoff.
In den vergangenen Jahren, erklärt Yves-Marie Le Lay, habe es in der Region an einigen Stränden Tote gegeben. Nur wenige Kilometer von La Lieue de Grève entfernt starb ein 18 Jahre alter Austernzüchter bei der Arbeit. „Viele Faktoren sprechen dafür, dass er an austretendem Gift starb“, sagt Yves-Marie Le Lay, „aber das Interesse der Industrie und der Politik an der Wahrheit ist nicht allzu groß.“
Ein Leben für den Naturschutz
Yves-Marie Le Lay ist das, was man in Frankreich einen „écolo“, einen Umweltschützer, nennt und was nicht immer nett gemeint ist. Auf das Dach seines Hauses in Locquirec hat er Solarzellen montiert, in seinem Garten wuchern ungezügelt die Pflanzen, und er fährt einen kleinen, gasbetriebenen Renault Clio. „Wenn man etwas Großes verändern will, muss man bei sich selbst anfangen“, sagt der ehemalige Philosophielehrer. Fast sein ganzes Leben lang habe er sich für den Naturschutz eingesetzt, erzählt der drahtige grauhaarige Mann. 1976 hat er eine Umweltgruppe mitbegründet, die gegen den Bau eines geplanten Atomkraftwerkes in der Bretagne protestierte – mit Erfolg.
Doch der Kampf für die Natur ist für Yves-Marie Le Lay nie zu Ende. Seit fast zwanzig Jahren macht er auf die Gefahren durch die „algues vertes“, die grünen Algen, aufmerksam – ohne einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Als Philosoph gefällt ihm der Vergleich mit Sisyphos – „die Leute würden aber eher sagen, ich bin eine Nervensäge“, sagt der Umweltschützer. Das Problem seien die Überdüngung der Felder und die Mastbetriebe an der bretonischen Küste, erklärt er. Die Flüsse und Bäche würden das überschüssige Nitrat aus dem Inland an die Strände spülen, weswegen sich die Algen dann jedes Frühjahr explosionsartig vermehren.
Mit Traktoren wird der Strand gesäubert
Einige wenige Strände an der weit über 1000 Kilometer langen bretonischen Küste sind inzwischen gesperrt worden. Auch in La Lieue de Grève hängen Warnschilder, die von den zahlreichen Touristen allerdings ignoriert werden. Bei Ebbe donnern Männer mit schwere Traktoren und großen Anhängern über den Strand. Ihre Aufgabe ist es, die Algen zu sammeln, aufzuladen und wegzufahren. Angesichts der Größe der Bucht allerdings kein wirklich Erfolg versprechendes Unterfangen. „La Lieue de Grève ist der ideale Ort für die Algen“, erklärt Yves-Marie Le Lay. „Die Bucht hat die Form eines Hufeisens, deshalb ist der Wasseraustausch mit dem offenen Meer eher gering, sie ist sehr flach, und zwei nitratbelastete Bäche münden in die Bucht. Hinzu kommt im Moment die ungewöhnliche Hitze.“
Das Problem der „algues vertes“ ist allerdings nicht neu. Yves-Marie Le Lay präsentiert ein Dokument von 1971, in dem die Gemeinde von St-Michel-En-Grève die Verantwortlichen der Region dazu auffordert, etwas gegen die stinkende Masse zu unternehmen, die schon damals beobachtet wurde. „Diese Plage hat erst mit der Massentierhaltung und vor allem mit der intensiven Landwirtschaft begonnen“, kommentiert der Umweltschützer das Papier. Die Lösung des Problems sei deshalb ganz einfach, erklärt Yves-Marie Le Lay, man müsse beides verändern.
Ein ungutes Geflecht von Beziehungen
Das aber ist nur schwer zu machen in einer Region, in der die Landwirtschaft und der Tourismus das Einkommen der Menschen sichern. Die Bauern möchten ihre Produktionsweisen nicht umstellen, und die Hotel- und Restaurantbesitzer wollen nicht, dass das Problem mit den Algen an die große Glocke gehängt wird. „Hinzu kommt, dass hier irgendwie jeder mit jedem vernetzt ist“, sagt der Umweltschützer. Was das konkret heißt, zeigt sich in einer idyllisch gelegenen Crêperie. Lange war die Besitzerin in der bretonischen Umweltbewegung aktiv, das Engagement schlief jedoch ein, als ihre Tochter einen Landwirt aus der Region heiratete.
Allerdings hat die französische Politik nach Jahrzehnten der Untätigkeit allmählich reagiert. Bereits vor knapp zehn Jahren war ein Aktionsplan ins Leben gerufen worden. Damals wurden Millionen Euro in die Aufklärung der Landwirte und die Säuberung der Strände investiert, allerdings ohne wirklichen Erfolg. 2017 wurde aus diesem Grund ein zweiter Fünf-Jahres-Plan im Kampf gegen die Algenplage konzipiert. Für 55 Millionen Euro werden auch dieses Mal die Strände gesäubert. Die Landwirte werden aufgefordert, ihre Produktionsweise ökologisch umzustellen und die Felder weniger stark zu düngen. Auf der offiziellen Internetseite „Algues Vertes Info“ der Region ist zu lesen, es müsse versucht werden, die wirtschaftlichen und ökologischen Interessen miteinander zu vereinen.
Yves-Marie Le Lay kann darüber nur den Kopf schütteln. „Wir müssen den Kapitalismus grundlegend verändern“, fordert der Aktivist. „Das System zeigt, dass es nicht zukunftsfähig ist.“ Der Umweltschützer weiß, dass er sich mit seinem Einsatz nicht viele Freunde macht. „Ich erwarte nicht, dass man mir ständig applaudiert“, sagt Yves-Marie Le Lay, aber er wolle einfach nur seinen Kindern eine intakte Natur übergeben. Allein dafür lohne es sich, eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag zu legen. „In Frankreich gelten die Bretonen als ganz besondere Sturköpfe“, sagt Yves-Marie Le Lay. „Wenn es um die Natur geht, bin ich ganz Bretone.“