Ali-Wandbild in Bad Cannstatt Selbstkontrolle statt weiteres Durchboxen

Von Georg Linsenmann 

Kaum zu übersehen: Ein großformatiges Porträt des Boxers Muhammad Ali an der Mercedesstraße in Bad Cannstatt ist Sinnbild für ein Sozialprojekt mit Jugendlichen.

Das Wandbild mit dem Porträt von Muhammad Ali ist keine Werbung für einen Boxverein. Foto: Georg Linsenmann
Das Wandbild mit dem Porträt von Muhammad Ali ist keine Werbung für einen Boxverein. Foto: Georg Linsenmann

Bad Cannstatt - Tag für Tag fahren auf der Mercedesstraße unzählige Menschen an dem großen Wandgemälde mit dem Porträt der kürzlich verstorbenen Box-Legende Muhammad Ali vorbei – und nicht wenige werden die großformatige Sprayer-Kunst für die Werbung eines Boxvereins halten: „Stimmt, es kommen viele und fragen, ob sie hier boxen können. Aber das ist ein Missverständnis“, sagt Roland Klapperer, Mitarbeiter der Work and Box Company Stuttgart. Ein Ausdruck an der Tür versucht, das Missverständnis aufzuklären: „Hallo Boxsport-Freunde: Dies ist kein Boxverein, sondern eine Maßnahme der Jugendhaus-Gesellschaft Stuttgart“.

Warum aber prangt dann der einstige Meister aller Klassen gleichsam als Emblem an dem Gebäude? Klapperers Antwort ist eine einzige Eloge auf den Faustkämpfer: „Weil Ali unglaublich viele Sozialprogramme unterstützt hat. Weil er ein offenes Ohr für sozial Schwache hatte, für an den Rand gedrängt Leute. Weil er nicht nur die schwarze Bevölkerung, sondern alle begeistert hat. Ali war das soziale Gesicht des Boxsports. Ein harter Boxer mit einem großen Herzen. Viel mehr können wir unseren Jugendliche auch nicht vermitteln.“

Interesse wecken und Erfolgserlebnisse schaffen

Seit vier Jahren betreibt die Jugendhaus-Gesellschaft das Haus, bis zu 14 jugendliche Straftäter werden hier betreut, jeweils maximal ein Jahr. Sie bekommen Unterricht, können handwerklich aktiv, mit Holz und Metall kreativ werden, machen Grünarbeiten. Es wird zusammen gekocht und gegessen: „Wir wollen Interesse wecken und Erfolgserlebnisse schaffen. Und nach einem Jahr sollten sie soweit sein, dass sie einen Schulabschluss schaffen oder in der Arbeitswelt stehen“, erklärt Klapperer. Das Boxen spielt dabei dann doch eine wichtige Rolle, erklärt Klapperer, der als Fachkraft für Gewaltprävention, Kognitive Therapie und Integrationsboxen an dem Projekt mitwirkt. „Dabei geht es nicht ums Kämpfen im Ring“, erklärt er, „zum Einsatz kommt eine Art Box-Therapie, bei der die Jugendlichen Selbstkontrolle in Stress-Situationen lernen. Sie sollen lernen, wie sie aus kritischen Situationen rauskommen, ohne sich zu prügeln.“

Dabei lernen sie eine Art Doppelstrategie: „Sie signalisieren auf der einen Seite, dass sie sich nicht prügeln wollen, auf der anderen Seite, dass sie verteidigungsbereit sind. Eine Patt-Situation ohne Sieger und Verlierer, wobei beide Seiten das Gesicht wahren können. Es geht also darum, sich zurückzunehmen und zu de-eskalieren, ohne sich klein zu machen. Dafür gibt es spezielle Box-Programme, mit denen sich diese Haltung einüben lässt“, weiß Klapperer.

Sinnkräftiges Emblem

Er weiß aber auch, dass das für die Jugendlichen kein einfacher Weg ist: „Fast das Schwierigste ist der erste Schritt, eine gewisse Einsicht und Weitsicht zu wecken. Ihnen klar zu machen: Wenn Du Deine wichtigste Zeit mit Nichtstun verplemperst, wenn Du jetzt nichts hinkriegst, wirst Du es später umso schwerer haben. Wenn wir sie da erreichen, dann haben wir schon viel gewonnen.“ Und das klingt schon fast wie einer der berühmten Sätze des Muhammad Ali: „Wenn mein Kopf es sich ausdenken kann, wenn mein Herz daran glauben kann - dann kann ich es auch erreichen.“

„Ja, das passt!“ sagt Klapperer, wie er überhaupt findet, dass das Ali-Porträt, das den freundlichen, eher weichen und doch selbstbewussten Kämpfer zeigt, „unglaublich gelungen“ sei: „Der Künstler hat uns damit total überrascht.“ Der Künstler: Das ist Jan. Ali im Format von 2,5 auf 4,5 Meter hat er als Teil eines Deals geschaffen. Als Gegenleistung dafür, dass er im hinteren Teil des Gebäudes seine Lackarbeiten und Graffiti-Kunst üben kann. So ist ein sinnkräftiges Emblem entstanden, das weithin ausstrahlt. Bis „zum Daimler“, wie Klapperer sagt, denn „Daimler-Leute kommen auch, wenn wir donnerstags Integrationsboxen für Jedermann anbieten. Und hinterher essen wir hier zusammen. Auch dabei können die Jungs soziales Verhalten lernen“. Klapperers Engagement und Begeisterung ist mit Händen zu greifen: „Es ist unheimlich schön, zu sehen, wie man junge Leute mit schwieriger Biografie erreichen kann - und wie sie sich verändern können. Ich möchte keinen anderen Job!“

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