„Alice“ von Mauro Bigonzetti Balanceakte auf dem Zylinderhut

Von Gabriele Metsker 

Bedächtiger tritt Florian Lochner als verrückter Hutmacher auf, bedingt schon durch den großen Zylinder unter seinen Fußsohlen, der das Gehen schwierig macht und sich zugleich als Podest für erstaunliche Balanceakte verwenden lässt. Immer wieder streift er dieses Attribut ab, um mit Anna Sühyela Harms zu tanzen: Pas de deux, an denen man sich gar nicht satt­sehen mag. Sie setzten den bemerkenswerten, mitunter akrobatischen Ideenreichtum Bigonzettis mit einer sinnlichen, geradezu erotischen Intensität um, die ihresgleichen sucht.

Guerro und Oloriz agieren nicht weniger hinreißend, wenngleich ihre Inter­aktionen mehr spielerischer Natur sind. Großartig ebenfalls Maurus Gauthier als eine Hälfte der Grinsekatze. Sein Pas de deux mit Oloriz nimmt gefangen. Maria Prat Balasch bildet ansonsten sein verrückt-faszinierendes Pendant. Eine großartige Leistung ist Annaleen Dedroogs glatzköpfige Königin. In ihrer Kälte und ihrem Machthunger gefangen, ist sie der Gegenpol zur durch und durch lebendigen, sehr weiblichen Alice. Wie sehr sie dieser Zustand quält, vermittelt der geradezu animalische Nachdruck, mit dem sie immer wieder in die Haarmähnen der Alice-Tänzerinnen greift und hineinbeißt.

Der Kontrast, den Bigonzetti durch das Zusammenführen der englisch-skurrilen Figuren und der erdverhafteten Musik aus Süditalien erreichen wollte, ist groß. Aber wie immer, wenn starke Gegensätze auf­einandertreffen, entsteht Spannung, Energie. Bei „Alice“ ist es so, als ließe die sehr emotionale Musik den schrägen Figuren heißes Blut in die Adern schießen, als fügte sie der Freude am Spiel mit dem Skurrilen etwas zutiefst Menschliches hinzu.

Das Schlusswort hat Lewis Carroll

Die akustischen Affekte durch die Mu­siker, die immer wieder aus anderen Richtungen auf die Bühne kommen, machen das Geschehen noch sinnlicher, noch unmittelbarer. Die vielfach eingängigen Melodien und Rhythmen vereinfachen den Zugang zum Bühnen­geschehen – wenngleich manche Formationen, die an folkloristische Reigentänze erinnern, zuweilen etwas deplatziert wirken.

Zum magischen Gesamteindruck tragen nicht zuletzt das Lichtdesign und die Videoprojektionen von Carlo Cerri (mit Ooopstudio) bei: Er führt den Blick des Publikums durch Projektionen verschiedener Bilderrahmen in prachtvolle Palast-Spiegelgalerien, die er auch mal auf den Kopf stellt und voll Wasser laufen lässt. Die Ausstatterin Helena de Medeiros verzichtet auf putzige Kostümorgien zugunsten reduzierter Gewänder, welche den Charakter der Figuren unterstreichen. Das Schlusswort hat dann wieder Eric Gauthier als Lewis Carroll. Er wäre als Rahmenfigur eigentlich gar nicht unbedingt notwendig. Sein Auftritt als Gitarre spielender Rocksänger zu Beginn des zweiten Teils macht dessen ungeachtet Spaß.

Aufführungen
am 27. und 28. Juni sowie am 1., 2., 3. und 5. Juli. Weitere Aufführungen bis 13. Juli im Theaterhaus Stuttgart. Danach geht die Produktion auf Tournee.