Alkoholismus und Coronavirus in Stuttgart Wenn der Griff zur Flasche unbemerkt bleibt

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Die Corona-Krise stellt Alkoholiker auf eine harte Probe. Trinker erzählen, mehr zu trinken, Selbsthilfegruppen von Rückfallgefahren, Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm. Einige Suchtkranke spielen sogar mit dem Gedanken, sich ins Krankenhaus zu saufen.

Ohne jede soziale Kontrolle können Alkoholkranke und Menschen mit Tendenzen dazu schnell in den Abgrund rutschen, warnen Suchtexperten. Foto: dpa/Patrick Pleul
Ohne jede soziale Kontrolle können Alkoholkranke und Menschen mit Tendenzen dazu schnell in den Abgrund rutschen, warnen Suchtexperten. Foto: dpa/Patrick Pleul

Stuttgart - Als Ursula Schneider vor nicht allzu langer Zeit mit Horst Vogel telefonierte, wurde es plötzlich ernst. „Dann kann ich mir gleich den Kragen absaufen, es ist eh alles egal“, soll Vogel gesagt haben. Er und Schneider heißen in Wahrheit anders und besuchen in Stuttgart eine Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige. Seit der Corona-Krise sind Telefon- und Whatsapp-Kontakte das einzige, was sie zusammenhält. Schneider hat es nach dem Telefonat mit ihrem mit der Angst zu tun bekommen. „Dass er eines Tages in der Wohnung liegt“, sagt sie.

Vogel und Schneider kämpfen neben ihren Alkoholproblemen mit Depressionen. Die Isolation macht ihnen schwer zu schaffen. „Ich mache mir vor allem um die jüngeren Mitglieder in unserer Gruppe Sorgen“, sagt Schneider, „selbst ich muss aufpassen.“ Ursula Schneider sagt von sich, sie habe ihre Sucht im Griff.

Seine Sucht im Griff zu haben, behauptet auch Edmund Schaupp, der wirklich so heißt. Der 65-Jährige leitet eine andere Selbsthilfegruppe in Bad Cannstatt, eine des Verbandes der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe. Der Verband der Freundeskreise funktioniert so ähnlich wie die vielleicht etwas bekannteren Anonymen Alkoholiker.

Die Frischlinge und der Saufdruck

Auch Schaupp sorgt sich vor allem um die „Frischlinge“, wie man diejenigen in den Trinkerkreisen nennt, die den Kampf gegen die Sucht noch nicht so lange führen. An den „Saufdruck“, wie er das Verlangen nach Alkohol bezeichnet, erinnert er sich noch gut. „Da hockt das Alkoholmännle hinten im Kopf und redet so lange auf dich ein, bis das leere Glas auf dem Tisch voll ist.“

Die Rückfallgefahren seien groß. Schaupp rechnet damit, dass manche bereits in alte Gewohnheiten zurückgefallen sind. „Wir dürfen uns ja nicht mal draußen treffen“, sagt er. Die Gruppe ist zu groß für die Versammlungsbeschränkungen, die im öffentlichen Raum gelten, um dass Virus einzudämmen.

Edmund Schaupp erzählt, er war früher Spiegeltrinker, also einer, der von sich wähnte, erst ab einem bestimmten Pegel zu funktionieren. „Morgens um 9 Uhr ging’s los, dann wurde immer nachgefüllt“, sagt Schaupp, der als Handwerker gearbeitet hatte. Abends ging es dann ins Wirtshaus. Heute will er anderen helfen, vom Glas wegzukommen und ein positives Beispiel sein: „Früher wusste jeder, dass ich trinke, heute weiß jeder, dass ich trocken bin.“

Schützende Faktoren wie Sozialkontakte fallen weg

Elke Wallenwein, Vorsitzende der Landesstelle für Suchtfragen Baden-Württemberg, kennt die geschilderten Probleme. Wer alkoholabhängig ist oder zu missbräuchlichen Konsum neigt, sei durch die Corona-Krise besonders gefährdet. „Die Situation ist beängstigend an sich“, sagt sie. Die Menschen hätten Angst um ihre Gesundheit, Angst um ihre Arbeitsstellen – wenn jemand dann noch versuche, schwierige Situationen mit Alkohol zu bewältigen, werde es sehr problematisch. „Schützende Faktoren wie soziale Kontakte, zum Beispiel bei der Arbeit, fallen häufig weg.“

Dabei beeinträchtigt das Coronavirus Suchtberatungsstellen und andere Hilfsangebote ihrerseits. „Beratung und Behandlung sind nicht in dem gewohnten Maße möglich“, sagt Wallenwein. Telefonate, Videochats und auch gemeinsame Spaziergänge – mit physischem Abstand – seien zwar üblich, ersetzten aber qualitativ das persönliche Gespräch mit den Betroffenen nicht ausreichend.

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Und für die ganz harten Fälle, also diejenigen, die einen stationären Entzug anstreben, ist die Situation laut Wallenwein noch schwieriger. „Es ist gerade nicht einfach, einen Entzugsplatz zu bekommen, da viele Betten in den Kliniken – verständlicherweise – Corona-Patienten vorbehalten sind“, sagt sie.

Vom Gesellschaftstrinker zum Alkoholiker?

Elke Wallenwein rät Menschen mit Suchtproblemen neben dem verbleibenden Unterstützungsangebot durch die Wohlfahrtsverbände, in diesen Zeiten mit Freunden in Kontakt zu bleiben und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten zu nutzen. „Kochen oder Hobbys wiederbeleben – ganz einfache Ideen“, sagt Wallenwein. Auch Spaziergänge könnten helfen, „wenn die Luft zuhause zum Schneiden ist.“

Ähnliches beobachtet John Litau, Geschäftsführer der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg. „Die durch eine Pandemie sozial veränderte Struktur wirkt sich auch auf das Konsumverhalten aus“, sagt er. Häufig gingen Suchtprobleme mit anderen psychischen Erkrankungen einher, jetzt gehe es darum, herauszufinden, welche Bruchstellen sie im Alltag erzeugten. „Bei Menschen, deren Abhängigkeit oder Tendenzen dazu nicht diagnostiziert ist, ist es fast unmöglich, belastbare Zahlen zu erheben.“

Zu dieser Gruppe gehört vermutlich Gunhild Grahl. Grahl, die in Wirklichkeit anders heißt, arbeitet bei einem großen Unternehmen in Stuttgart. Sie zählt sich eigentlich zu den Gesellschaftstrinkern, aber das Rumsitzen zuhause weicht ihre Gewohnheiten offenbar auf. „Um 17 Uhr gönne ich mir ein Bierchen, heute Abend trinke ich beim Brettspiel Gin Tonic und Kurze aus der Hausbar“, beschreibt Grahl einen normalen Dienstag in Corona-Zeiten. Sonst gibt es nachmittags auch mal Aperol Spritz.

Selbst in die Klinik eingeliefert

Damit gehört sie wohl zu den vielen, die der aktuelle Drogenbericht der Bundesregierung in der Kategorie riskanter Alkoholkonsum zusammenfasst, wozu 18 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen in Deutschland zählen. Ein knappes Prozent der Deutschen trinkt demnach so viel, dass es der Drogenbericht als schädlich bezeichnet oder von einer Abhängigkeit spricht. Hier geht es um die Menschen, die auch in Selbsthilfegruppen landen – wie Ursula Schneider.

Sie konnte Oliver Vogel, der sich „den Kragen absaufen“ wollte, schließlich am Telefon davon überzeugen, sich nicht die Kante zu geben. Der 52-Jährige hat sich selbst in die geschlossene Klinik eingeliefert. Er hat Glück gehabt. Es war noch ein Bett frei.

Hier geht es zu Beratungsangeboten für Suchtkranke und Suchtgefährdete in Stuttgart:

Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe

Der Kreuzbund

Blaues Kreuz

Anonyme Alkoholiker

Landesstelle für Suchtfragen




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